Interview mit Peter Fuchs bei maroki
von Kusanowsky
Ein Interview mit dem Systemtheoretiker Peter Fuchs findet man bei maroki, das allerdings schon fast zwei Jahre zurück liegt.
Bemerkenswert an diesem Interview ist die Beobachtung einer Gesprächssituation, die sehr deutlich zeigt, dass sie ganz im Sinne einer subjektphilosphischen Betrachtungsweise sich selbst ausblendet, indem Selbstreferenzialität nur als Thema unter anderen Themen vorkommt. Dies geschieht durch die im Gespräch ganz konventionell behandelte Unterscheidung von Theorie und Empirie, als sei diese Unterscheidung nicht selbst schon durch ein Dispositiv geprägt, das eine solche Unterscheidung erzeugt und plausibilisiert. Eine Theorie, die ihre eigenen Begriffe durch Abstraktionen als Verweisungen auf Nicht-Empirisches oder Nicht-Beobachtbares beschreibt, macht damit auf eine Form von eben jener Art der Empirie aufmerksam, die etwa Differenzen über Abstraktion, Beobachtbarkeit und Unterscheidungen zulässt. Aber wäre gerade im Anschluss an Luhmann nicht die Frage interessant, durch welche Form der Empirie gerade eine solche Theorie in Erscheinung treten kann? Wenn man also nicht einfach unterstellen kann, dass schon klar wäre, was empirisch ist und was nicht. Denn dass eine Theorie oder Teile derselben, Theoriestücke, elementare Begriffe keinen empirischen Charakter haben könnten, kann durch ein Beobachtungsgeschehen nicht verfiziert werden. Und der Einwand, dass kein Beobachtungsgeschehen, also auch keine Beobachtung der Kommunikation, verfiziert werden kann, bringt die beobachtete Unterscheidung nicht aus der Welt, auf die empirisch hingedeutet wird. Das Gespräch zeigt sich entsprechend von der Dokumentform vollständig überzogen, und dies, obwohl es eigentlich ein Gespräch darüber in eine weitere Ordnungsebene überführt. Aber das kann nicht vollzogen werden, weil die Kamera und das durch sie erzeugte Verbreitungsverfahren eines Filmdokuments nur als anwesend-abwesender Beobachter, nicht als empirischer Beobachter im Gespräch zugelassen wird.
Ganz ähnlich betrachtet würde ich sagen, Empirie setzt Beobachtung voraus, auch in der Systemtheorie. Früher war der aus der Subjektphilosophie stammende Begriff der Beobachtung an die Sinnlichkeit des Subjekts gekoppelt. Carnap und Wittgenstein hatten versucht, den Begriff von der Subjektphilosophie zu lösen. Der Begriff des Subjekts wurde der Metaphysik zugerechnet und für die Theorie gesperrt. Niemandem ist es bislang gelungen, den Empiriebegriff von der subjektphilosophischen Tradition zu lösen. Da der Begriff der Beobachtungen in der Systemtheorie mehr an die Sinnlichkeit gekoppelt ist, kann zwar immer noch Empirie beschrieben werden, aber nun kann die Theorie Erfahrungen mit sich selbst machen: denn wenn Beobachten = Unterscheiden und Bezeichnen ist, dann beobachtet auch die Theorie sich selbst und macht pausenlos mit sich selbst Erfahrungen. Zur Definition von Empirie taugen dann aber die Begriffe der Beobachtung und Erfahrung nicht mehr, da sie die Differenz von Theorie und Empirie wie gezeigt nicht mehr abbilden können.
@jeramias – „Zur Definition von Empirie taugen dann aber die Begriffe der Beobachtung und Erfahrung nicht mehr, da sie die Differenz von Theorie und Empirie nicht mehr abbilden können.“ – Dem würde ich entgegenhalten, dass Empirie gar nicht definitionsbedürftig ist. Andersherum würde ich fragen, wie und wodurch die Unterscheidung von Subjektivät und Objektivität als empirische Möglichkeiten in Erscheinung treten kann, und: wie und wodurch Definitionsbedürftigkeit entsteht. Und ich lande wieder bei dem Gedanken, dass es auf eine spezifische Form der Empirie ankommt, die ihre eigenen Routinen und Bedürftigkeiten erzeugt und diesen zur Realität verhilft.
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du notierst: „Aber das kann nicht vollzogen werden, weil die Kamera und das durch sie erzeugte Verbreitungsverfahren eines Filmdokuments nur als anwesend-abwesender Beobachter, nicht als empirischer Beobachter im Gespräch zugelassen wird.“
langsam: video ist nicht gleich video ist nicht gleich video!
wer keine geduld auf bringt für „die eigenständigkeit des materials“ (http://dfdu.org band 1, kap. 2) verbaut sich einiges… wenn ich mir dieses „filmdokument“ angucke, sehe ich
(1) zuerst einmal einfach einen „schnipsel“: da ist einer mit einem andern zusammengehockt und hat sich dann ein paar sätze hintereinander geschraubt. das ergibt dann so ein bildsounderinnerungsteppich. klasse. witzig. (letzter satz! fuchs: „ich hatte immer das gefühl, dass er (luhmann, anm. sms) menschlicher ist, als man denkt.“ süss ;-)))
(2) und dieser schnipsel, wird dann einfach mal ins eigene „blog“ (abküzrung für den umstand: „bits loggen sich ein“, band 2) gestellt. „abgelegt“. zusammen mit link, hinweisen, verweisen. und dann wird…
(3) gewartet. und plötzlich wird deutlich, dass darüber geredet wird. abwesende beginnen sich einzumischen. zeigen andern, was sie gesehen haben, während sich das vermeintlich gleiche angeschaut haben…
will sagen: das ist doch eben gerade der unterschied zu video im TV oder im KINO oder im weh!weh!weh! du machst es ja vor, wie eben präzis gelingt, was du behauptest, sei nicht möglich: auf der gleichen „ebene“ (worte wie „medienbruch“ etc. etc.), mit der gleichen technologie, in (fast) gleicher zeit, kannst du – und ich auch! – mich als „anwesend-abwesender“ inszenieren. sosehr, dass die unterscheidung ins wanken gerät. („unterscheidungen löschen“, band 2)
wie auch immer: ohne kommunikation geht nix. und kommunkation muss auch erst mal wahrgenommen – ich meine: für wahr genommen – werden… und wenn du spencer-brown akzeptieren kannst, könnte gezeichnet werden:
D: kommunikation RE: wahrnehmung
es geht also darum, wie ein re-entry (RE:) der wahrnehmung in die differenz (D:) gemacht werden kann. und die behauptung hier – welche in einem satz von fuchs angetönt wird – ist, dass die hier genutzt technologie („computer“, vergl. dirk baecker) ein kartesisches dual pulverisiert…
@ /sms 😉 – „kannst du – und ich auch! – mich als „anwesend-abwesender“ inszenieren“ – genau. Entsprechend käme es auf die Inszenierung an, auch auf die Inszenierung einer Theorie, auf ihre Performanz und nicht auf das, was über sie woanders dokumentiert wurde. Das wäre doch eigentlich die interessante Anschlussfrage: Nicht, was die Theorie besagt oder was man gemäß einer subjektphilosophischen Tradition noch immer denken und sagen kann, um sie weiter zu führen, was ja nichts Schlechtes ist. Sondern es käme darauf zu verstehen, wie Beobachter sich gegenseitig auf ihre Theorie-Beobachtung beobachtbar machen. Paradoxien, insbesondere der performative Selbstwiderspruch wäre dann nicht mehr irritationsfähig. Aber solange solche Irritationen noch beobachtbar werden, wird man nicht sagen können, auf welche Art von Simulation sich ego und alter einlassen. Man denke beispielsweis an den Turing-Test, der ja, wenn man ihn ernst nehmen möchte, kein Maschinen-Test ist. Denn in diesem Fall würde nur die Perfektion einer Maschine getestet. Es käme aber darauf an, den Mangel an Perfektion beobachtbar zu halten um eine Unterschied noch markieren zu können. Entsprechend ist der Turing-Test ein Verfahren, um Menschen zu testen. Will man sagen, dass es auf die Beteiligung von Mensch oder Maschine (oder auch auf die Beteilgung von Tieren oder Geistern) nicht ankäme, dann müsste man den Folgenreichtum solcher Behauptung mitberücksichtigen. Und die daraus resultierende Form der Empirie würde ich als Performat bezeichnen. Und gemäßg einer solchen empirischen Möglichkeit wären Systeme dann genauso empirisch beobachtbar wie Geister, Ufos oder Comic-Figuren (#secondlife)