Noch einmal #Leistungsschutzrecht: der Kampf um Überlegenheit

von Kusanowsky

Die Diskussion um die Herstellung eines Leistungsschutzrechts muss natürlich deshalb von Aufregung geprägt sein, weil in dem Fall eines Leistungsschutzrechts eine Lösung angeboten würde, für welche nachträglich ein Problem erzeugt werden müsste, damit die Lösung funktioniert.
Die etablierten Routinen der Massenmedien sehen nämlich eine kaptialintensive Stützung der Produktion von Kommunikationszusammenhängen vor, die nur zustandekommen, wenn die Chancen zur Kaptialbildung und Kapitalbindung höchst ungleich verteilt sind. Neben einen enormen technischen Aufwand und dem damit zusammenhängenden Knowhow zentralisieren und bündeln Massenmedien einen großen Aufwand zur Wissensproduktion: Außer Technikern werden Fachjournalisten gebraucht, Kaufleute, Juristen, Manager und viele andere. Es geht dabei nicht nur darum, diese vielen Menschen ausreichend zu bezahlen, was übrigens in mancher Hinsicht noch nie gut hinkam – man denke dabei an die schlechte Honorierung eines großen Teils von Journalisten – sondern es geht auch um die Erfüllung der Renditeforderung der Kaptialeigner. Funktionieren konnte das bislang unter der Voraussetzung einer einigermaßen stabilen Erwartbarkeit des Verhältnisses von Angebot und Nachfrage, ein Verhältnis, das seinerseits den Kapitalstrukturen unterworfen war, die sich aufgrund einer spezifischen historischen Marktsituation bilden konnten.
Das Internet macht jetzt deutlich, was schon lange im Gange ist, dass nämlich diese Zentralisierungsstrukturen der Wissenproduktion von Massenmedien erodieren und der Zerfallsprozess sich durch das Internet beschleunigt. Eine seit den 70er Jahren zum Hauptsektor angestiegene Dienstleisungsarbeit und eine Anhebung des Bildungsniveaus brauchen irgendeine andere Form der Produktion und Formierung von Wissen. Texte, Bilder, Filme als Dokumente wie Waren auf dem Markt zu verteilen und ihre Rezeption und Kritik selbst wiederum  in verbreitbaren Dokumenten zu verkaufen, funktioniert in dem Maße, indem ein nur sehr geringer Teil aller Rezeption und Kritik durch Massenmedien gefiltert werden kann. Alles andere passiert zwar auch, erscheint aber als höchst irrelevant. Wenn nun aber alles bis dahin aussortierte durch das Internet als Dokumente massenhaft, global, aber dezentral organisiert und zu sehr geringen Kosten verbreitet werden kann, kann auch die Rezeption der Rezeption nicht mehr durch zentralisierte Massenmedien garantiert werden. Dieser Effekt zeigt sich in der Weise, dass man sich früher zuerst durch Massenmedien über das Geschehen informierte und im Internet darüber schrieb, während man sich inzwischen zuerst durch das Internet informiert und die Massenmedien anschließend auch etwas darüber berichten. Man müsste also um die alte Überlegenheit zentral organisierter Massenmedien beibehalten zu können, eine Abwrackprämie für das gestiegene gesamtgesellschaftliche Bildungsniveau einführen oder eine Stillegungsprämie für Internetnutzer. Aber das ist natürlich Quatsch.
Und weil so kaum eine Lösung auffindbar ist, steigt die Aufregung um die Frage, wie denn Systeme, die Berichterstattung und deren Rezeption herstellen, finanzierbar sind, damit der Medienmarkt weiter funktionieren kann wie bisher. Die kaum akzeptable Antwort lautet, dass es so eben nicht mehr geht. Dass aber nicht nur die Verlegerbranche, sondern auch die Bloggerszene mit solchen Einsichten nicht weiter kommen kann, hängt damit zusammen, dass Kämpfe um Überlegenheit – entstanden als Erzählform durch Massenmedien – die Erwartungen an die Diskussion bestimmen. Im 19. Jahrhundert zeigte sich dieser Kampf als tatkräftiger und blutreicher Klassenkampf, der ohne entwickelte massenmediale Strukturen gar nicht möglich gewesen wäre, und konnte schließlich durch institutionalisierte Auseinandersetzung über Ideologien zivilisiert werden, womit sich dieser Kampf zugleich differenzierte und in die Funktionssysteme integriert wurde. So gehört das „Kämpfen“ inzwischen zur Wortwahl eines jeden zivilisierten Wohlstandsbürgers, der das Recht hat für alles mögliche zu „kämpfen“, wobei dieser Kampf in der Fortsetzung der Irritation über die Mittel des Kampfes besteht. Das allseits akezeptierte Kamfpmittel heißt Meinungsäußerung und die Irritationen entzünden sich wie immer daran, dass auch andere dieses Kampfmittel in Anspruch nehmen, d.h: Meinung äußern. Ich kenne nur eine handvoll Leute, die verstehen können, dass all das ziemlich aussichtslos ist. Also geht das so weiter.
Wollte man eine illusionslose Strategieanalyse der Verlagsbranche durchführen, so wird man glauben können, dass an einem Leistungsschutzrecht, also eine gesetzliche Absatzgarantie für die Verlagsbranche, kein Weg vorbei führt. Beschlossen wird dies hinter verschlossenen Türen in den Ministerien durch ein bekanntes Abmachungsverfahren, das Parteispenden als Gegenleistung für ein Lobby-Gesetz in Aussicht stellt. Interessant ist nun, dass eben solche Verfahrensweisen die Kampfmoral geradezu anstacheln, aber – und das ist entscheind – die Wahl der Kampfmittel durch das Internet gleichsam auf das dämonische Niveau des 19. Jahrhunderts zurück fallen, da nicht erkennbar ist, wie globale ddos-Attacken durch einen Staat verhindert werden könnten. In dem Maße, in dem die Verlegerbranche versucht, ihr Vorhaben gegen diese Aussichten durchzusetzen, wird dieses Vorhaben an dem scheitern, wodurch ihr Problem entsteht, nämlich durch das Internet, was auch heißt, dass der Staat erleben müsste, wie seine Mittel zur Durchsetzung von Überlegenheit ebenfalls schwinden; eine Lehre, die der Staat aus den Ereignissen um Wikileaks noch nicht ziehen kann.
Aber für die Einsicht in einen Verzicht auf den Kampf um Überlegenheit ist es noch viel zu früh. Für alle Beteiligten.

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