Differentia

Monat: Dezember, 2010

Die Utopie der Ware und der Datensatz als Problem

Bei Facebook fällt mir Siggi Becker manchmal auf den Wecker mit seinem Geschreibe über Utopien und auch Rolf Todesco hat jetzt zwischen den Jahren angekündigt, sich mit Utopien zu beschäftigen. Beides wäre noch kein Grund, sich diesem Thema zuzuwenden, zumal sich meine persönliche Sichtweise ohnehin auf so etwas wie eine „Real-Utopie“ beschränkt, das heißt, dass Utopien eigentlich völlig hirnrissig sind, es sei denn, sie könnten sich immer auch sofort, in jedem Augenblick und von Moment zu Moment ereignen; dass damit alle reale Gegenwart nichts anderes wäre als eine dauerhafte Auflösung einer Differenz von Utopie und Dystopie, durch welche eine jede Utopie auftaucht und sofort wieder zerfällt. Aber das ist esoterischer Hühnermist und irgendwie nicht wichtig, denn entweder man begreift, was damit gemeint ist. Dann schmunzelt man und schweigt. Oder man begreift es nicht, dann schweigt man nur, ohne zu schmunzeln, was durchaus angebracht erscheint. Es wäre dann ja auch egal.
So einfach kann man es sich natürlich machen, muss man aber nicht.
Noch ist es nicht soweit, dass die angstauslösenden Wahngebilde, die sich durch die Vergiftungen des ideologischen Marxismus eingeschliffen hatten, ein Rätselspiel für Archivare sind, weil die Affektstimulierungen immer noch funktionieren, insofern Interpretationen der Marxschen Analysen nach wie vor ein deprimierendes Wechselspiel der Rechthaberei auslösen können. Erst wenn es Archivaren erhebliche Schwierigkeiten bereiten könnte, die Marxschen Texte einzuordnen, weil Affekte der Wert- oder Geringschätzung in den Rillen der Unterscheidungsroutinen abgeschliffen sind, werden die Texte wieder interessant. Man denke dabei zum Vergleich an die Texte des mittelalterlichen Gelehrten Nikolaus von Kues, die auch für säkulare Atheisten höchst interessant sind, weil die Texte modernen Lesern fremd geworden sind – und aus diesem Grund wieder Neugier wecken können. Mit den Marxschen Analysen über das Geheimnis der Warenform ist es leider noch lange nicht soweit, obgleich man in ihnen, verfolgt man den täglichen Ausstoß an Irritationen über das Internet, die atemberaubende Kontingenz herauslesen kann, wenn man bemerkt, dass das Internet etwas leistet, das dem Kapitalismus in die Quere kommt und eigentlich als dämonische Störung eingespielter Routinen verboten werden müsste, könnte man nur sagen, wie das gehen soll. Das Internet leistet die Auflösung der Warenform, was nicht heißt, das Waren und ihre Produktion verschwinden, sondern dass an die Stelle der Ware als Symbol einer Wohlfahrt der Datensatz tritt, weil man den Datensatz nicht hergeben, sondern nur kopieren und damit seine kontextabhängige Weiterwendung nicht mehr durch bekannte Inkulsions- und Exklusionsverfahren kontrollieren kann. Bevor die Datenleitung als schwereloser Verbindungsweg genutzt werden konnte, war die Übergabe eines Datensatzes immer an die Übergabe einer schweren Ware gebunden. Mit einer Ware wechselte zugleich immer auch ein Datensatz die Stelle, aber, anders als die Ware, wurde der Datensatz am Ausgangsort nicht gelöscht. Das betraf nicht nur Bücher, von welchen schon immer bekannt war, dass sie nicht nur eine Ware seien, sondern auch irgendein geheimnisvolles „geistiges Eigentum“, das wie eine Art Ware behandelt werden sollte, obwohl das gar nicht geht. Aber schon ein normaler Warenkatalog, eine Werbebroschüre, ein Verpackung oder ein Etikett waren nichts als ein Datensatz der „als Ware“, besser: mit einer Ware übergeben wurde. Dass man die daraus resultierenden kommunikationstheoretischen Implikationen innerhalb eines „Übertragungsmodells“ verstehen lernen konnte, hing immer damit zusammen, dass man Waren vernichten, verdauen, zerstören konnte. Dadurch entstand ein Beobachtungsschema, das die Frage nach der Übergabe oder Übertragung von Bedeutung höchst rätselhaft und erforderlich machte, dass Bedeutung, Information, Wissen selbst wiederum als Waren behandelt werden mussten, als besitzbare, übergebbare und löschbare Einheiten, die man wie eine handelbare Ware verwenden könne.
Wenn nun aber die Ware und der Datensatz operativ auseinanderfallen, wenn also die Information über eine Ware nicht mehr mit einer Ware von Bedeutung wird, wird der Datensatz zum wirtschaftlichen Problem und die Ware nur eine Mitgift.
Fortsetzung folgt.

Vergesslichkeit und Prognose – interessante Überlegungen bei #lostandfound

Wie auch immer man sonst noch das Wesen der modernen Gesellschaft kennzeichnen möchte, heute wie ehedem zeichnen sich  Diskussionen über Gegenwartsanalysen als Zukunftskontingenz aus. Stets versichert man sich gegenseitig, Zeuge einer historisch entscheidenden Epoche zu sein, eine Einsicht, die sich dadurch erhärtet, dass sowohl Rückschau als auch Vorschau zum akzeptablen Themeninventar von Diskussionen zählen. „Irgendwas geht hier vor„, das uns auf latente Möglichkeiten verweist, die – seitdem man in der politischen Ökonomie Gottes unsichtbare Hand und in der Psychologie das Unbewusste entdeckte – uns mit Gewissheit annehmen lassen, es wäre hier noch etwas höchst Ungewisses im Spiel, das sich der Urteilsbildung genauso aufdrängt wie entzieht: seit Luhmann sind dies Systeme.
Dass die Welt nicht schon immer so war, wie sie erscheint – was man in der antiken Welt akzeptieren konnte – und dass die Zukunft als Reich Gottes erfüllbar macht, worauf die Gegenwart bereits hoffen kann – was mittelalterlichen Heilsvorstellungen entsprach – das waren modernen Vorstellungen ganz gegenläufige Betrachtungen. Wir sind so dermaßen gewöhnt an der prinzipiellen Kontingenz all dessen, was diskutierbar ist, dass es uns die Vorstellung ganz erhebliche Schwierigkeiten bereitet, es könne alles auch ganz anders sein: dass also das ganz andere als nicht-anders erscheinen könnte. Statt grüblerisch macht eine solche Paradoxie eher schläfrig, weil wenigstens noch die Einsicht in die Aporien der Gesellschaft das Gesprächskarusell erheblich antreiben kann, sobald der Zeitpunkt dafür gekommen ist.
Interessanter um so mehr, wenn man an der einen oder anderen Stelle im routinemäßigen Trivialablauf von Kommunikationsprogrammen mal etwas liest, das eher Grund zum Nachfrage liefert und weniger einen Grund, den Ablauf wie gewohnt einfach fortzusetzen. Im Weblog von Heinz Wittenbring findet sich gerade aktuell ein nicht allzu langer Artikel unter der Frage „Netz statt Gesellschaft?“ und dort liest man ganz überraschend den Satz:

Wir entwickeln gerade ganz andere Praktiken, in denen man das, was mit Gesellschaft gemeint war, vielleicht gar nicht mehr sinnvoll bezeichnen kann…

Ich würde diese Überlegungen nur sehr ungern unterbrechen und mir wünschen, dass der Autor dieses Artikels mal etwas mehr rüberwachsen lässt. Ganz grob formuliert hört sich das sehr vielversprechend an.
Siehe dazu auch die Überlegungen von Postdramatiker: Netz und Gesellschaft