Kommentar von Tim Bruysten zum kulturellen Wandel

In der gerade ablaufenden Diskussion bei CARTA um den Artikel von Mario Sixtus hat Tim Bruysten einen bemerkenswerten Kommentar geschrieben, über den ich noch etwas nachdenken möchte, bevor ich dazu etwas aufschreibe. Statt dessen soll der Kommentar hier zunächst nur mitgeteilt sein:

Tim Bruysten: Was oft implizit angesprochen wird und in Diskursen wie dem diesen einfach zu oft unbewusst mitschwingt, ist das unsichere Gefühl der Orientierungslosigkeit. Wir verlassen die Postmoderne (endlich) und erobern uns ein neues kulturelles Zeitalter. Was auch immer das bedeuten mag, neue Formen der Kommunikation, ihrer Gesten und Normen, sowie der sich darauf etablierenden Wertschöpfung müssen gesucht und gefunden werden. Konservatismus ist hier extrem kontraproduktiv. Probleme eines neuen Zeitalter können nicht mit den Lösungen des vergangenen angegangen werden und schon gar nicht von der Ethik eines vorhergehenden Zeitalters bewertet werden. Gleichzeitig wechseln wir aber nicht nur unsere kulturelle Ökologie und damit auch unsere Ökonomie, vielmehr befinden wir uns (hoffentlich) in einer Phase, in der die technologische Beschleunigung wirklich rekursiv wirksam und die Exponentialität der Denkmaschinen auch in anderen Lebensbereichen verfügbar wird. Der Wandel durchzieht uns folglich von allen Seiten und er ist mit Sicherheit erklärungsbedürftig; mehr noch: Er fordert uns zu völlig neuen Design- und Ästhetikkonzepten heraus. Die im Raum stehenden Fragen nach den Primaten von Performats vs. Dokument (@kusanowsky), Identität und der Transparenz enthalten sich auch gegenseitig…
Wenn die Gesellschaft dabei beim Schlagen im Vorbeigehen ihre Medien neu erfindet, bleibt, wie von Mario schön beschrieben, bei den Händlern der alten Medienkultur oft nur ein verblüffter Gesichtsausdruck zurück. Über diesen kann man sich lustig machen… oder vermitteln helfen. Wenn jedoch politische Strukturen wie in unserem Fall noch nach den Regeln der Moderne spielen und die Protagonisten der Postmoderne nun die Gesellschaft in ein Museum verwandeln wollen um ihre Pfründe zu sichern, muss die Gesellschaft sich wehren. Insofern hat Mario wieder recht mit seinem Pamphlet, auch wenn der kulturelle, der ästhetische, der historische, der xyz-Diskurs tiefer und weiter gehen muss; es besteht auf einer ganz oberflächlichen politischen Ebene Handlungsbedarf, der sich ebensolcher Reflexionen verschließt.