Die Gleichzeitigkeit von Problem und Lösung

von Kusanowsky

Probleme kommen immer mit ihren Lösungen zur Welt, als Zwillinge, als Brüderchen und Schwesterchen. Es ist unmöglich, ein Schloss zu erfinden ohne zugleich die Erfindung des passenden Schlüssels möglich zu machen. Und andersherum. Problemerkenntnis und Lösungserkenntnis sind nicht bloße Komplementärbegriffe, sondern sie sind praktisch sich gegenseitig stützende und korrelierende Ergebnisse von kommunikationsstrukturierten Sinnfindungsprozessen, welche, sobald es gelingt, sie asymmetrisch zu differenzieren, Strukturbildungseffekte zeitigen, die ihrerseits dafür sorgen, dass die Verbindungswege zwischen Schlüssel und Schloss intransparent werden mit dem Ergebnis, dass das Licht jeder möglichen Aufklärung auch als Gegenlicht die Durchsicht blenden kann.

Plötzlich hat man es dann mit dem Problem der Intransparenz zu tun und entscheidet sich dafür, nach einer Lösung zu suchen, statt danach zu fragen, wie man sie denn nur vergessen konnte. Denn wo sollte das Problem hergekommen sein, wenn es nicht auch eine Lösungsmöglichkeit gegeben hätte? Aber jeder weitere Versuch, der sich nicht über die Herkunft des Nichtwissens irritiert, steigert nur die Intransparenz und sorgt für Verschärfung der Problemlage. Dass aber auch Nichtwissen – das Ergebnis eines Prozesses des Vergessens – erzeugt werden muss, dass also auch Strukturen der Löschung von Informationen begleitend mitentwickelt werden, kann jedem einleuchten, der sich daran erinnert, dass er etwas vergessen hat.
Probleme erscheinen somit auf dem Monitor der Kommunikation gleichsam als latente Triebe eines strukturellen Geflechts aus Begriffen, Instanzen, Gesetzen und Gewohnheiten und nehmen im Prozess ihres Entstehens zugleich eine Form an. Diese Form zeichnet sich durch ihre scheinbar unhintergehbare Objektivität aus, insofern das Problem als bedrohlicher Komplex von Sachzwängen erscheint. In Wirklichkeit kommt dieser Komplex aber nur dann zu Bewusstsein, wenn er im Wege ist. Der größte Teil davon wird gar nicht bemerkt, weil er keineswegs eine Behinderung darstellt, sondern im Gegenteil, die Entfaltung von Selektionen des Planens und Handelns unbemerkt leitet und die Orientierung in einer geordneten Umwelt ermöglicht. Die Entwicklung des Problems hat die Form eines Prozesses. Es handelt sich dabei um einen Komplex von Ereignissen und Relationierung von Ereignissen, die sich wiederum unter Einwirkung von Entscheidungen ergeben, die teils absehbar, teils zufällig sind.
Mit der chaostheoretischen Einsicht in die prinzipielle Unabsehbarkeit der Ereignisse auf der Ebene der Komplexität mikroskopischer Trivialereignisse wurde offenbar, dass alle zugängliche Folgenabschätzung immer nur eine hohe Wahrscheinlichkeit hat. Rechnet man nun mit einer nur für einen Beobachter unterscheidbaren, also makroskopischen Ereignisfolge eine Entwicklungsgeschichte auf ihre Konsequenzen durch, so handelt es sich bei dem apriorischen Establishment der Problemlösungen um eine Eigentümlichkeit aller Geschichte, die besagt, dass nämlich alles immer etwas determinierter zu verlaufen scheint als die vollkommen zufälligen Vorgänge auf der elementaren Ebene. Den makroskopischen Ereignissen kann man also ein gewisses Maß an Nichtzufälligkeit und Ordnung, aber auch Voraussehbarkeit zurechnen. Auf dieser Ebene sind deshalb bestimmte Ereignisse immer wahrscheinlicher als andere. Man kennt diese relative Prädetermination, also die Verknüpftheit der Ereignisse mit verschieden großen Wahrscheinlichkeiten, aus der allgemeinen Informationstheorie. Sie beschreibt die Entropie eines Ereignisses als seine Unbestimmtheit für einen Beobachter und die Kette vorausgegangener Ereignisse als eine Reihe bedingt voneinander abhängiger Selektionen, deren Ergebnisse die Unbestimmtheit jeweils um einen bestimmten Betrag an Information verringern. Vergleichbar mit einem Ratespiel, in dem mit jeder erfragten Antwort die Unbestimmtheit der Lösung geringer wird, aber auf jeden Fall nicht zunimmt. Die Geschichte solcher Selektionsergebnisse strukturieren Information, und zwar um so mehr, je mehr Selektionen hinsichtlich eines fraglichen Ereignisses durch sie eingespart werden.
Problemlösungsprozesse sind also Selektionsketten zur Beseitigung von Unbestimmtheit. Das setzt allerdings sinnhaft operierende System voraus, die sicher stellen, dass alle Informationen auch weiter verarbeitet werden. Ein solches System steht dann dank seines Gedächtnisses niemals in einer totalen Problemsituation völlig unvorhersehbar gegenüber, eine Situation, in der jeder der vielen Alternativen die gleiche Wahrscheinlichkeit zukäme, in der also noch alles möglich ist, sondern aufgrund eines Gedächtnisses schon nicht mehr alles. Einzelnen Alternativen kann dann eine größere, anderen wieder eine kleinere Wahrscheinlichkeit zugerechnet werden, womit die Zahl der Möglichkeiten eingeschränkt werden kann. Diese Form der Informationsverarbeitung durch Beseitigung des Unwahrscheinlichen und Selektion des Wahrscheinlichen finden wir auf allen Ebenen historischer Prozesse.
In den Organisationen sozialer Systeme ist offensichtlich der geschilderte Problemlösungszusammenhang dazu da, die Menge der möglichen Probleme und Formen auf die Menge der öffentlich anerkannten Probleme und Formen zu reduzieren und damit eine allzu rasche Mutation der Problemlösungen zu verhindern.

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