Wikileaks – Schock und Scham der Systeme

von Kusanowsky

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Siehe dazu auch: http://hackr.de/2010/12/09/klappstulle

Betrachtet man die ablaufenden Diskussionen um Wikileaks, so könnte man sie beschreiben als das Eindringen des Fuches in den Hühnerstall, mit der notwendigen Einschränkung, dass den Fuchs noch niemand gesehen hat, aber das ohrenbetäubende Gegacker lässt eine solche Betrachtung dennoch zu. Dieses Bild – systemtheoretisch weiter gesponnen – könnte ergänzt werden mit der Formulierung: das Gegacker selbst ist der Fuchs, dessentwegen das Gegacker anfängt, aber das Gegacker hat noch niemand gehört usw.
Dass aber Wikileaks nicht, schon gar nicht Julian Assange, der Verursacher, nicht eigentlich der Dämon ist, braucht kaum erwähnt zu werden, wenn man die Abwehrmaßnahmen gegen Wikileaks (und die Abwehrmaßnahmen gegen diese Abwehrmaßnahmen) als gleichsam notwendige Immunreaktion betrachtet, mit der versucht wird, zu retten, was noch zu retten ist, als ob es da etwas gäbe, z.B. die Welt und was sonst noch der Fall ist, das man retten könnte. Irgendwie weiß man, dass das, was da hereinbricht, irreversibel ist, sich auf Dauer häuslich einzurichten gedenkt, aber interessanterweise wird die Dämonie dieses Phänomens nicht mit der gleichen Hoffnungsgewissheit behandelt wie etwa die Bankenkrise, weil man bei letzterer angeblich weiß, was zu tun wäre, weil man sich einbilden kann zu wissen woher das kommt. Es sei ein System, in dem Falle das „Bankensystem“, das wegen seiner unkontrollierbaren Gier alle anderen Systeme mit in den Abgrund reißt. Bei Wikileaks scheint es sich dagegen um einen Dämon zu handeln, dem noch keiner einen Passierschein ausgestellt hat, also ob der Dämon irgendwo einen beantragen könnte. Den Schock kann man damit auch darauf hin betrachten, dass den Systemen, die wie platonische Seelen auf der Suche sind nach sich selbst, ihr Erschrecken selbst wiederum unheimlich vorkommt, weil sie ihre Heimlichkeit nur noch schwer feststellen können: Was bitteschön sind Geheimdokumente? Und wo findet man welche? In Geheimfächern? Wo könnte man Geheimfächer finden, wenn alles, was man finden kann schwerlich geheim sein kann, wie könnte man es andernfalls finden? Und es mit einem Scherzwort zu sagen: Ich bin im Besitz eines Geheimnisses, das so geheim ist, das ich selbst nicht weiß, was es besagt.
Sich darüber informieren zu können, schockiert und beschämt zugleich.

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