Neue Regeln für die Prostitution?
von Kusanowsky
Der Nackt- oder Körperscanner ist schon seit längerer Zeit im Gespräch. Und folgerichtig passiert, was passieren musste: nicht nur vertrauliche Informationen des diplomatischen Geschäfts werden „geleakt“, sondern auch – wer wollte das für abwegig halten – tausende von Nacktscanneraufnahmen. Geheimnis, Vertraulichkeit, Privatheit, Intimität – die Digitalsierung lässt keine Grenzen zu, alles kommt auf die Tagesordnung. Alles muss noch einmal durchgearbeitet werden. In diesem Zusammenhang wird dann auch ein anderes Phänomen interessant, das schließlich auch die Grenzen der Prostitution zur Diskussion stellt: Schon vor ein paar Jahren machten Nachrichten die Runde, dass sich Studentinnen und Hausfrauen für Nacktfotos zur Verfügung stellten, um durch den Verkaufserlös dieser Bilder irgendwelche Finanzierungszwecke zu unterstützen. Neuerdings nun auch Stewardessen, die mit freizügigen Bikini-Aufnahmen ihrer Fluggesellschaft unter die Arme greifen wollen. Man merkt, wie sich hier neue Regeln einspielen und man ahnt, dass dort, wo Erfolge möglich werden, diese, sobald sie nachgeahmt werden, durch Steigerung und Überbietung im sozial-darwinischen „Kampf um Aufmerksamkeit“ ihre Grenzen belasten und durch Belastung die Haltbarkeit dieser Grenzen überprüfen.
Siehe dazu auch:
Terrorangst und die Erotik der Gefahr
Nacktscanner – Die Intimität der Inneren Sicherheit
Die Burka und das Verbot der Frauenversteher
[…] eines scheint wenigstens sicher: der weibliche Körper bleibt für soziale Beobachtungssysteme skandalfähig. Es ist keine Art von Emanzipation möglich, die daran etwas ändern könnte, weil alle […]
[…] Maßnahmen der Finanzmittelbeschaffung von Studentinnen, Hausfrauen und Stewardessen, die durch den Verkauf von Nacktfotos Projektfinanzierungen ermöglichen wollen. Und vermutlich würde jeder Spötter mit seinem Spott […]
Was wäre, wenn Prostitution oder prostitutionsähnliche Praktiken selbst zu erwartbaren moralischen Handlung werden würden? Wenn also Sexualität nicht mehr eigennützig, sonder selbst als gemeinnützige Verhaltenserwartung von Bedeutung werden würde?
Was könnten wir dann mit dieser relativ unterkomplexen Betrachtung von Luhmann noch anfangen können:
„Heuchelei kann natürlich nicht moralisch belohnt oder ethisch begründet werden. Sie ist nur ein intelligenter Umgang mit der Paradoxie des binären Codes der Moral, und ein Umgang, der sich als normale Praxis vielfach bewährt hat. Wenn eine Ethik jedoch etwas komplexere Ansprüche an sich selbst stellt, muß es irritierend auf sie wirken, daß sie mit einem so intelligenten und so verbreiteten kommunikativen Verhalten wie Heuchelei nicht besser umgehen kann, als es moralisch zu verurteilen; so als ob die Moral besser dastünde, wenn es keine Heuchelei gäbe. Moralisten mögen ihre eigene Weise der Entparadoxierung des Paradoxes weiterhin pflegen. Sie mögen es weiterhin für gut halten, die Bösen als böse zu bezeichnen und sich selbst nach dem Vorbild Rousseau nicht zu schonen. Aber sie sind nur in kleinen Zahlen erträglich, nur unter der Voraussetzung, daß von niemandem sonst ein derart heroisches Verhalten verlangt wird, und außerdem nur dann, wenn ihnen der Zugang zu den Guillotinen verweigert wird.“
Luhmann, Niklas: Politik, Demokratie, Moral. In: Konferenz der deutschen Akademien der Wissenschaften (Hrsg.). Mainz: Philipp von Zabern, 1997, S. 17-39, S. 25.
Heuchelei und Bigotterie scheint davon zu leben, daß das vorgebliche Verhalten / die vorgebliche Moral stets präsenter, dargestellt oder tatsächlich häufiger auftretend ist. Wenn Prostitition selbst in diesem Sinne das dominate, moralisch erwartbare Verhalten wäre, dann würden sich ja nur die Inhalte umdrehen und sexuelle Handlungen ohne Bewertung in einem anderen Wertsystem (Geld) die verheimlichte, aber trotzdem praktizierte Seite sein.
Interessanter ist, daß Heuchelei oder Bigotterie im Handeln ja gar nicht als paradox gesehen werden. Das ist das, warum Protestanten nie die Katholiken verstehen werden: Der progagierten Norm handeln widersprechen heißt nicht, sie zu verneinen und heißt nicht, daß hier ein Widerspruch gesehen wird.
Mit Moral kommt man bei Heuchelei nicht weiter. Mit Luhmanns „intelligentem Umgang mit der paradoxie des binären Codes der Moral“ aber auch nicht, denn wo kein Widerspruch ist, ist auch nix binär. Und entparadoxieren muß man darum auch nicht.
Mir scheint, dass es nicht mehr lange dauert, bis die Diskussion um Prostitution andere Züge annimmt.
Gegenwärtig wird immer noch Prostitution als Vermeidungsproblem behandelt: Entweder verbieten oder hinnehmen als etwas, das besser unterbleiben sollte. Eine Legalisierung, eine Verrechtlichung aber würde bedeuten, Prostitution innerhalb eines Gastgewerbes zu integrieren, mit allem was dazu gehört: Sozialversicherung, Rentenansprüche, Steuern, Aufsicht und Kontrolle. Und neben vielen verwaltungstechnischen Angelegenheiten vor allem juristische Fragen, die sich dann stellen würden, die aber keiner beantworten will, also Fragen, wie sie im Gastgewerbe ganz normal sind: Welche Ansprüche darf ein Gast stellen und welche nicht? Welche müssen erfüllt werden und welche nicht? Innerhalb welcher Grenzen gilt eine Dienstleistung als erfüllt? Was gilt als überzogene Versprechung? Kann man Regresspflichten durchsetzen und all das, was im Gastgewerbe, im Tourismus und allgemein im Dienstleistungsbereich Gang und Gäbe ist.
Es findet sich kein Personal, das sich damit beschäftigen möchte. Aus einem ähnlichen Grunde wird auch Homosexualität als Vermeidungsproblem behandelt oder die Flüchtlingsbewegungen in Lampedusa. Niemand will das, obwohl es eigentlich gar nicht länger zu vermeiden ist.
Wer sich also auf die Suche machen wollte nach einem Indikator für die Beobachtung von Veränderungen könnte vielleicht in den nächsten 20 Jahren in diesem Bereich fündig werden. Denn 20 Jahre oder etwas mehr reichen aus, um ein Personal im öffentlichen Dienst heraus zu bilden, das sich sehr wohl mit diesen Dingen beschäftigen will. Ob man es auch lässt ist freilich eine andere Frage.
Aber wie jeder weiß: wo ein Wille ist, ist immer auch ein Gebüsch.
Na, ich versuche einfach einmal, diesen prekären Sachverhalt aus einer ganz anderen Perspektive aufzurollen:
Die Wurzel aller moralischen Übel (und der damit zwangsläufig verbundenen Lügen und Heucheleien im Verlauf normierter und eingeschliffener sozialisierter Kommunikation) liegt in der auf den sturen Dormatismus der katholischen Kirche zurückgehenden Legenden-Trick, einfach – und das dann noch mit Bezug auf Gott – dogmatisch und dogmatiserend zu behaupten und als Erkenntnismaxime zu deklarieren:
Der Mensch sei ein von Gott geschaffenes und erschaffenes Geisteswesen und nicht – wie uns die Wissenschaft allgemein und die Evolutionstheorie im Besonderen gelehrt hat: ein subiectum naturaliter – ein schlichtes, (und mit vielen Fehlern & Mängeln behaftetes) Wesen der Natur, hervorgegangen aus den zahlreichen Varianten der vorangegangenen (und immer noch existierenden) Einzellern, und – das ärgert die Dogmatiker am meisten – sogar zu rund 30% genetisch verwandt mit der hundsgemeinen Bäckerhefe und mit anderen selbständigen „niederen“ Lebewesen.
Würde mensch das hier nur Angedeutete akzeptieren und (be)achten, dann hätte dies gewaltige Folgen für den kreativen gesellschatlichen Kommunikationsbereich:
Dann gehörte die Sexualität als (potentielle unausweichliche animalische) Verhaltensweise aller Säugetiere zu solchen Sinnfeldern wie Essen, Atmen, Koten & Urinieren. Ficken wäre dann also etwas, was ein Mensch gar nicht vermeiden könnte, auch wenn er wollte, (mensch beachte in diesem Zusammenhange die Schwierigkeiten von Nonnen & Mönchen beim Vollzug der Einhaltung ihrer überaus strengen Ordensregeln).
Würde das alles gesehen und (an)erkannt, dann gäbe es auch eine Hohe Kultur der Sexualität mit einer edlen, einer semantisch gefestigten und allgemein vollzogenen und vollziehbaren Sprache, kurz: Wir hätten eine ausgeprägte Sexualkultur im Reden, Schreiben und im gesellschaftlichen Handeln.
Wie jeder leicht sehen kann und somit schon weiss: DEM IST ABER NICHT SO! Und gerade die Kirchen und andere bornierte und – sich konservativ nennende – Kreise, sie könnten nicht mehr mit einfachen Pressionen die Unterschicht sexuell drangsalieren!
Hier breche ich erst einmal ab; zu sagen bliebe aber noch sehr viel!
Rudi K. Sander alias dieterbohrer aka @rudolfanders aus Bad Schwalbach.