Kant und die Bedingungen der Erfahrung von Ästhetik

von Kusanowsky

Kritik der reinen Vernunft. Titelblatt des Erstdruckes.
Bild: http://de.wikipedia.org/wiki/Kritik_der_reinen_Vernunft

Die Verwendung des Begriffs „transzendental“ bei Kant bedeutet im Unterschied zum Begriff „transzendent“ nicht, dass die Möglichkeiten der Erfahrung überstiegen werden können, sondern vielmehr, dass die Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung durch eine spezifische Form der Beobachtung von Erfahrung thematisierbar werden. Kant musste allerdings diese Spezifik allein auf menschliches Vermögen zurechnen; er konnte nicht danach fragen, durch welche Bedingungen diese Zurechnung als evident in Erscheinung tritt. Die Bedingungen für diese Evidenz sind identisch mit der Form der Erfahrung, die für die moderne Gesellschaft eine universelle Bedeutung hat.
Auch für die Kunst und für Bedingungen der Möglichkeit ästhetischer Erfahrung stellen sich dann entsprechende Fragen, wenn die Betrachtung des Kunstwerkes als die traditionelle Grundvoraussetzung der Möglichkeit ästhetischer Erfahrung in ihrer konstitutiven Bedeutung problematisch wird, weil der Zerrüttungspozess der Dokumentform in dieser Zeit schon weiter forgeschritten war als die Zeitgenossen glauben konnten. Erlangt die Imagination des Beobachters von Kunst – wie bereits in der Kunst der Romantik  – ein Übergewicht über die hervorbringende Kraft des Künstlers und wird in der weiteren Entwicklung für die Kunst des 20. Jahrhunderts zunehmend die Steigerung der Reflexivität zur adäquaten Rezeptionsweise, so wird die als klassisches Ideal ehedem erstrebte Unmittelbarkeit der Anschauung endgültig gebrochen, welche die Kongruenz bzw. hochgradige Korrespondenz von materialem Vorbild und mentalem Nachbild als Einheit des Kunstdokuments durch die Rezeption hindurchzuretten imstande war. Mit der daraus resultierenden Aufhebung aber und dem Zerfall der klassischen Dokumenteinheit in einen vom Künstler hervorgebrachten dinglichen Teil, der Instrumentalcharakter hat, und in einen davon abgelösten, allererst vom Rezipienten zu konstituierenden mentalen Teil hebt sich auch jene Grundvoraussetzung der Möglichkeit ästhetischer Erfahrung auf.

Die bei Kant noch um den Begriff der „Schönheit“ kreisende transzendentalphilosophische Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit ästhetischer Erfahrung zielte in der Folge auf die Problematik des mentalen, immateriellen Werkes, hier bezeichnet als die Form, durch welche das Kunstwerk beobachtbar wird und kann allein durch eine phänomenologische Untersuchung des Prozesses seiner Genese beantwortbar werden. Solange jedoch eine solche Betrachtung sich unter Bedingungen philosophischer Reflexion erschöpft, bleibt unbestimmt, ob sich die theoretisch formulierten Bedingungen der Möglichkeit ästhetischer Erfahrung auch als sich vollziehbare Bedingungen der sozialen Realität ästhetischer Erfahrung im Gelingen der Dokumentform erfüllen. Die begrifflich entfaltete Genese der Dokumentform kann sich erst dann auch als empirisch zeigen, wenn sie dergestalt transformiert worden ist, dass die Form auch ästhetisch generierbar wird. Dazu muss sich die Kunst die philosophisch-begriffliche Reflexion einverleiben und so weit treiben, dass sie nicht länger als ein ihr Äußerliches, Fremdes über ihr schwebt.
Denn wenn der Beobachter das Kunstwerk nicht mehr in kongenialer Unmittelbarkeit anschaulich als Einheit zu erfassen vermag, es vielmehr als Form allererst reflexiv konstituiert werdem muss, dann müssen die einzelnen Momente im Prozess der selbstreferenziellen Konstitution des Werkes ebenso systemimmanent aufeinander bezogen sein, wie die vom Künstler hervorzubringenden dinglichen Instrumente, in deren Handhabung der Konstitutionsprozess der Form fremdreferenziell fundiert ist, funktionalisiert sein müssen, wenn dem Beobachter nicht mehr kraft künstlerischer Formung das Werk als materiale Einheit gegeben ist.

Siehe dazu auch: Das Bild lügt! – Wie funktioniert visuelle Sinnproduktion?

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