Zum Problem des metaphysischen Realismus VI

von Kusanowsky

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Zunächst einmal kann man festhalten, dass auch die Hirnforschung das Problem des metaphysischen Realismus für sich entdeckt hat, ohne dies gleichwohl von sich selbst zu wissen. Deshalb braucht kein Hirnforscher zuerst bei einem schriftgelehrten Erkenntnistheoretiker anzurufen und zu fragen, ob seine Forschung denn auch dem neuesten Stand der philosophischen Erkenntnis entspricht. Denn was sollte der als Auskunft erwarten? Man könnte einem Hirnforscher beispielsweise zur Auskunft geben, dass – theoretisch betrachtet – es unmöglich weiterführend ist, wenn ein Gehirn versucht, ein anderes Gehirn zu beschreiben. Hält man dies dennoch für möglich, so müsste man es auch für möglich halten, dass zwei Gehirne sich gegenseitig beschreiben. In diesem Fall müsste man dazu übergehen, die Beschreibung eines anderen Gehirns als Gegenstand einer Selbstbeschreibung zu beschreiben, weil man dann ja zwei Beschreibungen hat, die jeweils das Ergebnis einer Eigenleistung eines Gehirnes über ein anderes ist. Denn wo sollte die Beschreibung her kommen, wenn nicht durch ein Gehirn, das Gehirnforschung betreibt? Aber warum muss sich dann ein Gehirn für ein anderes interessieren, wenn doch alles, was es beschreibt, nur Selbstbeschreibung sein kann? Die Antwort lautet, dass es sich nicht selbst beschreiben kann, es wäre notwendig darauf angewiesen, dass es immer ein anderes Gehirn braucht, was konsequenterweise für jedes Gehirn gilt. Was aber könnte dann – rein theoretisch betrachtet – ein Gehirn über ein Gehirn wissen, wenn jedes Gehirn stets nach einem anderen Gehirn fragen muss? Man hat zutreffend erkannt, dass es im Gehirn keinen Beobachter gibt, aber solange ein Beobachter sich über ein Gehirn irritiert, von welchem er annimmt, es irritiere sich über sich selbst, solange kann er nicht feststellen, dass es einen Beobachter trotzdem gibt.
Es kommt aber hier nicht darauf an, den Hirnforschern irgendwelche ungebetenen Ratschläge zu erteilen, zumal sie selbst dazu in der Lage sind, die sich aus ihrer Problemsituation ergebenden Umstände eigenständig zu analysieren. Möglicherweise werden es ohnehin die Hirnforscher sein, die schneller und gründlicher als Philosophen zu der Einsicht gelangen, dass in dieser Sache noch etwas anderes im Spiel ist, das kein Gehirn und kein Erkenntnistheoretiker so recht begreifen kann.
Gemeint ist damit die Unhaltbarkeit der Subjekt/Objekt-Unterscheidung, unser Handicap des metaphysischen Realismus. Kein noch so fleißiger Student oder Anwärter auf einen akademischen Titel ist heute dazu in der Lage, die Komplexität der Definitionen zu überschauen, in welchen diese Unterscheidung behandelt wird. Was am Ende eines langen Studiums der Subjekt/Objekt-Problematik auch immer an Erkenntnissen angereichert werde kann, eine Lösung findet sich nirgends, jedenfalls ist es aussichtslos zu glauben, dass der Vielzahl an bereits gefundenen Lösungen noch das eine Element fehlte, mit dessen Ergänzung das Problem verschwinden würde. Noch mit keiner Antwort konnte das geleistet werden, dessentwegen die Frage immer wieder aktualisiert wird, nämlich: den Zweck des Fragenstellens zu erfüllen. Erst in diesem Fall würde die Unterscheidung verschwinden, was aber praktisch gar nicht geht, denn die Unterscheidung kann erst dann fallen, wenn sie nirgendwo mehr anschließbar zu machen ist, wenn man praktisch aufgehört hat, darüber zu reden. Dazu müssten erst die Anschlussmöglichkeiten verloren gehen. Aber wie sollte das gehen, solange das Gespräch weiter geht? Vielleicht sollte man auf den Tag hoffen, an dem der Paradigmenwechsel vollzogen wird, was nur möglich ist, wenn man aufhört, ihn zu fordern; wenn man vergessen hat, worum es dabei eigentlich geht.
Im Falle der alten Naturwissenschaft war es die Gefährlichkeit ihres Geschäftes, welche die Gemüter bewegte. Auch wenn man heute schnell auf den roten Knopf drücken möchte, wenn irgendwo ein Biologe Anlass dazu gibt, Kränkungsroutinen durchzuspielen, so wird doch kaum ihre Gefährlichkeit für das Wanken unserer Letztbegründung – nicht mehr die Würde Gottes, sondern dies des Menschen – verantwortlich zu machen sein. Es ist andersherum. Die Letztbegründung der modernen Gesellschaft ist längst ins Wanken geraten und sucht sich folgerichtig verantwortliche Zurechnungsinstanzen, sie sucht nach Gründen ihrer Selbstgefährdung. Deshalb irritiert man sich über Hirnforschung und Humanbiologie, aber ein Paradigmenwechsel wird wohl nicht durch übermäßige Irritationen erzwungen werden, sondern durch deren Ergebnisse. Man wird anfangen, sich zu langweilen, wenn man erkennt, dass kein wissenschaftlicher, kein philosophischer Skandal skandalöser ist als jeder andere. Und spätestens dann wird man niemanden mehr beeindrucken können mit einer subjektiven Meinung über eine objektive Realität.