Die Erfindung von Adressbüros. Beobachtungen zur Dokumentation von Urbanität

von Kusanowsky

„Mein verstorbener Vater, der für einen Mann, dem nur seine Erfahrung und seine naturgegebnen Fähigkeiten zur Verfügung standen, ein sehr gesundes Urteilsvermögen besaß, sagte mir einmal, er hätte gern veranlaßt, daß in den Städten eine bestimmte Stelle eingerichtet würde, an die alle, die irgend etwas brauchten, sich wenden könnten, um ihre Sache durch einen eigens dafür eingesetzten Beamten registrieren zu lassen – zum Beispiel: ‚Ich suche Perlen zu verkaufen‘ oder ‚Ich suche Perlen zu kaufen‘. Der und der möchte eine Reisebegleitung nach Paris; der und der hält nach einem Diener mit den und den Eigenschaften Ausschau, der und der nach einem Dienstherrn, der und der nach einem Arbeiter; der eine sucht dies, der andere das, jeder nach seinem Bedarf. Offensichtlich würde ein solches Mittel zum Austausch von Informationen die Beziehungen zwischen den Menschen wesentlich erleichtern, denn jeden Augenblick entstehen Situationen, da sich Menschen gegenseitig suchen, aber, weil sie ihre Stimmen nicht hören können, in ihrer mißlichen Lage allein bleiben.“ (Michel de Montaigne: Essais. Frankfurt am Main 1998, S. 119. Siehe dazu auch: Frühneuzeitliche Adressbüros – Eine Vorgeschichte der Internet-Suchmaschine.)

Mit zunehmender Durchsetzung funktionaler Differenzierung wurden die europäischen Städte immer komplexer. Die Komplexität schlug sich schließlich nieder in der Beobachtung städtischer Hektik, Unruhe und Unübersichtlichkeit des urbanen Raums., auf welche sich einzustellen die Merkmale der beginnenden bürgerlichen Wissenschaft war. (Ausführlicher: Kritik und Konkurrenz – Überlegungen zur Empirieform der modernen Gesellschaft.)
Interessant sind daher historische Forschungen, die sich mit der Einrichtung städtischer Adressbüros befassen. Dabei handelte es sich um Schreibstuben, in denen Listen über Adressen geführt wurden, welche den Zweck erfüllten, der in dem Zitat von Montaigne erläutert ist.

  • Man beachte in dem Zitat folgende Formulierung: „Mein verstorbener Vater, der für einen Mann, dem nur seine Erfahrung und seine naturgegebnen Fähigkeiten zur Verfügung standen, ein sehr gesundes Urteilsvermögen besaß…“ – welche Vermutung ist daraus abzuleiten? Dass der Vater Analphabet war? Was sollten wir uns unter „naturgegebnen Fähigkeiten“ vorstellen? Was meint „gesundes Urteilsvermögen“ und dass er ein Mann war, dem „nur seine Erfahrung“ gegeben war? Man könnte in solchen Formulierungen schon erste Reflexe der späteren Romantik vorgeprägt finden, die Vorstellungen von Natürlichkeit und Ursprünglichkeit als skeptische Haltung gegen die zunächst nur rationalistische gedachte Erfahrungsform der modernen Gesellschaft geltend machte, ohne dabei jedoch bemerken zu können, dass die Fähigkeit der Dokumentform darin besteht, Strukturen zu enthüllen und zu verheimlichen, Rationalität und Fantasie gleichermaßen zu sanktionieren. Das heißt, Realität überschaubar und verwirrbar zu machen. Bemerken kann man dies nicht erst in den Schriften Schlegels zur Kritik an der Aufklärung, die deutlich zeigten, dass im 18. Jahrundert die Empirieform nicht mehr nur einseitig verwendet werden konnte. Die Empirieform lässt immer beides zu, Wahrheit wie Irrtum; Klarheit wie Unklarheit, Ordnung und Chaos. Dass hier die Stimme eines Analpabeten als Gewährsmann genommen wird, zeigt auch das Unbehagen an, das die Verwendung der Dokumentform von Anfang an ausbildete.
    (Weiter gehend: Die Banalität des Massenmediums)
  • Dass aber diese Adressbüros Vorformen von Internetsuchmaschinen sein sollten, wie der Historiker Anton Tantner behauptet, ist ein typisches Beispiel für den literalisierten Umgang mit Dokumenten. Dass man nämlich für jedes Phänomen, so wenig es auch durch seine Erfahrungsform gedeckt sein kann, eine Geschichte erfindet, um dem Phänomen seinen dämönischen Gehalt zu nehmen, um es auf diese Weise zu legitimieren, ist eine alte und inzwischen trivial gewordene Strategie der Formierung von Zivilisationsmythen.

 

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