Grenzkonflikt als Dokumentations- oder Simulationsproblem?

von Kusanowsky

Kriegerische Konflikte entstehen meistens dann, wenn Beobachter eine Unvereinbarkeit zwischen sich und anderen Beobachtern beobachten und diese Beobachtung als Problemfall kommunikativ reflektieren. Die für diese Überlegungen interessante Frage ist, aufgrund welcher empirischen Zusammenhänge Unvereinbarkeiten formiert und als relevant ins Auge springen damit sie in der Kommunikation weiter verarbeitet werden. Ohne Kommunikation gibt es keinen sozialen Konflikt, sondern höchstens wechselseitige Vermutungen und Unterstellungen, die aber nicht als solche sozial sichtbar sind. Allerdings dürfte die Annahme, dass Konflikte mit der Ablehnung von Kommunikationsselektionen entstehen, nicht vollständig ausreichen. Das heißt, dass eine Differenz zwischen Akzeptanz und Ablehnung noch nicht als konfliktgenerierende Unvereinbarkeit ausreicht. Vielmehr müsste hinzukommen, dass dies vor allem dann der Fall ist, wenn die Kommunikation einer normativen Erwartung des Beobachters widerspricht und er diesen Widerspruch fremdreferenziert. Dies unterscheidet soziales Lernen vom sozialen Konflikt: Im Enttäuschungsfall hält der Beobachter an seiner normativen Erwartung fest. Aber auch hier stellt sich die Frage, aufgrund welcher empirischen Zusammenhänge Normativität als erwartbarer Normalfall formierbar wird.
Meine Überlegungen würden sich darauf richten, dass sich der Problemfall „Unvereinbarkeit“ und der Normalfall „Normativität“ nur dann zu einem kriegerischen Konflikt veschränken können, wenn beides auf der Grundlage der selben Empirieform beobachtbar wird; wenn also, einfach gesagt, ein Beobachter keine anderen Mittel der Welterschließung benutzt als alle anderen und zugleich deren Ausweglosigkeit niemals selbstreferenziell zuordnen kann.
In der modernen Gesellschaft sind Grenzverläufe zwischen Staaten schon immer ein Problem gewesen, Probleme, die darum entstanden sind, weil der moderne Territorialstaat nur möglich werden konnte, da die Dokumentform ihre universelle Brauchbarkeit auch zu Zwecken der Raumbeherrschung unter Beweis stellte. Nicht überraschend sind daher aktuelle Berichte (1/2) über einen alten Grenzkonflikt zwischen Costa Rica und Nicaragua, der durch einen Dokumentationsfehler von Google entfacht wird. Das interessante an diesen Berichten ist allerdings, dass der Dokumentationsfehler nicht von einer der streitenden Parteien – wie dies früher ständig der Fall gewesen ist – erzeugt wurde, sondern von einem globalen Konzern, der sich gegenüber lokalen Grenzstreitigkeiten indifferent verhält. Das wechselseitige Beobachtungsverhältnis entspringt hier also nicht der Unvereinbarkeit divergierender Territorialdokumentationen zwischen den Parteien. Und ferner – das ist das interessante an diesem Fall – muss die Aufforderung, diesen Fehler zu korrigieren, um normative Erwartungen zu erfüllen, an eine unparteiische Adresse gerichtet werden. Was wäre nun, wenn in der Folge die Frage aufgeworfen werden könnte, dass das, was als Problemfall – nämlich eine unkorrekte Dokumentation eines Grenzverlaufes – und das, was als Normallfall beobachtbar wird, durch andere Methoden der Erfahrungsbildung zustande kommt, was insbesondere dadurch verstärkt wird, dass eine bislang unbeteiligte Partei, die weder über den Normal- noch über den Problemfall Auskunft geben kann, in die Kommunikation hineingezogen wird?
Auf welche Art der Erfahrungsbildung müssen sich also die streitenden Parteien einlassen, wenn ihr gegenseitiges Beobachtungsverhältnis durch die Indifferenz eines Dritten determiniert wird?


Weltkarte des Laurent Fries, basierend auf der Waldseemüller Karte von 1513. Bild: Wikipedia
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