Eine Dose Künstlerscheiße

von Kusanowsky

Das wichtigste Merkmal der Dokumentform ist ihre Unzerstörbarkeit solange keine operative Basis gefunden werden kann, aufgrund derer das Dokument nur als Alternative behandelbar ist. Gelingt dies aber, wie dieses Jahrzehnt und die nächsten drei bis vier weiteren beweisen werden, zerfällt das Dokument zu einer folkloristischen Erinnerung an frühere Zeiten.
Die Prüfung dieser Überlegung besteht in einer Vorhersage: Wie lange kann es etwa dauern, bis Kunsthistoriker ein ernsthaftes Rätselraten darüber anfangen, wie es dem Künstler Piero Manzoni im Jahre 1961 möglich werden konnte, Künstlerscheiße in Dosen zum Marktpreis von Gold zu verkaufen?
Gegenwärtig kann ein solches Kozept immer noch nur hinsichtlich seiner „Ideenhaftigkeit“ betrachtet werden, also hinsichtlich eines Verhältnisses von Künstler und Werk. Beides – der Künstler als Humandokument, in welchem Projektionen eines künstlerischen Humanvermögens habitualisiert werden und das Werk, das sich als Kondensat von Gedanken, Ideen oder Konzepten beschreibbar macht – unterliegt den gleichen Bedingungen der Erwartbarkeit von Anschlussbildung und damit der Erfahrungsbildung durch die selbe Form der Empirie. Der Beweis dafür ergibt sich aus dem Versuch, solche Erwartungen zu unterlaufen, indem der Künstler versucht, sogar seine Scheiße so teuer wie möglich zu verkaufen; was heißt: egal, was der Künstler herstellt oder findet, wenn es nur immer als als das Werk eines Künstler beobachtbar werden kann, wenn es also immer die Erwartungsstrukturen der Dokumentform erfüllt, die durch ihre Verwendung repoduziert wird, gibt es für die Produktion eines spezifisch begrenzbaren selbstreferenziellen Sinnkontextes keine fremdreferenzielle Begrenzung. Daher auch die relative Hilflosigkeit, mit der sowohl Künstler als auch Kunstkenner solche Phänomene behandeln. Sie können dies nur als gute Idee behandeln, als innovative Konzeption, wenn auch verknüpfbar mit allerlei Ironie und Selbstreflexivität, so doch immer nur als das, was durch das verwendete Beobachtungsschema als Möglichkeit in Erscheinung tritt. Aber eine Erklärung dafür kann nicht erbracht werden, solange man das Beobachtungsschema nicht ändern kann.


Merda d’artista – Haltbarmachung ist eine wichtige
Voraussetzung für den Umgang mit der Dokumentform
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