Zum Problem des metaphysischen Realismus V

von Kusanowsky

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Niemand von uns hält heute noch dafür, Bewusstseine (sic!) könnten sich gegenseitig durchschauen, weil erstens unsere Alltagserfahrung uns beständig über das Gegenteil belehrt und zweitens, weil wir den traumatischen Erfahrungen totalitärer Systeme aus guten Gründen mit Abneigung begegnen, hatten diese unzüchtig aus diesem, anfangs unschuldigen Wunsch, doch den Gegenstand einer Terrorideologie gemacht. So wenig wir also an der Hoffnung Kants partizipieren können, so viel möchten wir aber an der Problemlage festhalten, welche ja erst durch den Wechsel zur modernen Industriegesellschaft entstanden ist. Standen am Ende der alten Gesellschaft die Möglichkeiten des Bewusstseins als Lösung für die Probleme der alten Welt, wurde daraus im Übergang diese Lösung selbst zu einem Problem gemacht, weil man eine überlieferte Lösung mit einer neu entdeckten Problemlage koppelte. Dabei handelt es sich um die Entdeckung von Gesellschaft, in deren Entdeckungszusammenhang die Probleme wie folgt gegliedert waren: Erstens die Einsicht, dass es Gesellschaft gibt, wobei die Begriffskonnotation von Gesellschaft die Säkularität schon semantisch eingeklammert hatte, dass diese zweitens von Menschen gemacht wird und gestaltet werden darf, dass diese Menschen drittens Subjekte und hinsichtlich ihrer Subjektivität nicht allein objektiv körperlicher, sondern auch objektiv geistiger, unsichtbarer Natur sind, dass diese Subjekte viertens Rechte haben und schützenswert sind, dass diese Menschenrechte fünftens von einer Gesellschaft sichergestellt werden müssen, deren Bestandsbedingungen sechstens noch zu erforschen und darum ungewiss sind. An dem Projekt der Erforschung der Bestandbedingungen sind seitdem ein Vielzahl Wissenschaften beteiligt: Wirtschaftstheorie, Psychologie, Pädagogik, Jura, selbstverständlich auch die Natur- und Technikwissenschaften, deren Anliegen es ja von jeher war, dem Wohl und Nutzen von Menschen zu dienen. Aber auch Kunst, Religion und Politik haben das ihrige dazu beigetragen, das Programm einer Verbesserung des menschlichen Loses in die Tiefenstrukturen der Gesellschaft zu verankern. Und die Frage wäre, wie tief das Humanprogramm in der Gesellschaft inzwischen eingeschliffen ist. Insofern stellte sich heute Gretchens Anliegen ganz anders dar: „Nun sag, wie hast du’s mit dem Menschheitstraum? Du bist ein herzlich guter Mann, Allein ich glaub’, du gibst nicht viel darum.“ (Zitat verfälscht! Oder besser: aktualisiert.) Ist die Zeit schon angebrochen, in welcher man ähnlich wie Faust es vorsichtig versucht, in diesen Dingen Indifferenz, wenn auch wortreich und differenziert, zu bekunden? Gibt es schon Anzeichen für den dahinscheidende Glauben, Menschen könnten Gesellschaft in den Griff bekommen?
Gibt es für ein Bewusstsein eine Außenwelt? Die Frage ist so interessant wie die Frage, ob es für einen Fisch eine Atmosphäre gibt. Ob wir ein Bewusstsein oder einen Fisch danach befragen, bleibt einerlei, weil alles, was im Anschluss an die Frage geschieht, entweder als Kommunikationsoperation beobachtet wird oder nicht. Dass das Verhalten eines Fisches als Auskunft nicht anschließbar ist, leuchtet ein, von einem Bewusstsein erwarten wir aber, es möge sich anschlussfähig mitteilen; und bitte: vollständig, logisch, widerspruchsfrei, unmissverständlich, vernünftig, kritisch, konsensfähig, realistisch, kenntnisreich, wissenschaftlich, wahrheitsgemäß, differenziert, fehlerfrei, einwandfrei. Warum auch nicht? Aber was geschieht, wenn alle Bedingungen erfüllt wären? Nun, das Gespräch ginge weiter, dies nicht obwohl, sondern weil die Komplexität der Bedingungen nicht erfüllt zu werden braucht. Konsequenterweise müsste man dann zu der Einsicht kommen, dass ein Bewusstsein ständig daran scheitert, mit seiner Außenwelt in Verbindung zu treten, zu kommunizieren, wie man sagt, oder zu akzeptieren, dass es für ein Bewusstsein keine Außenwelt gibt. Aber spätestens dann gibt es keinen guten Grund mehr, dass Gespräch neu zu beleben. Wenn dies aber dennoch geschieht, was wahrscheinlich kommen wird, bleibt die Frage übrig, wie Kommunikation möglich ist unter der Bedingung, dass sie keine weitere erfüllen kann als die, ihre Anschlussfähigkeit sicher zu stellen und nicht etwa die, ein Bewusstsein möge sich verständlich mitteilen.
Soweit ich es überblicke, gibt es für solche Überlegungen in der modernen Philosophie keinen Ansatz, der integrationsfähig wäre. Philosophien orientieren sich zwar linguistisch, soziologisch, psychologisch, ökonomisch, biologisch oder auch historisch, was vielleicht daran liegen mag, dass die Philosophie ihre eigenen Kapazitäten mehr als genug belastet hat, weshalb man in der Nachbarschaft herum schaut, ob man dort noch etwas anderes findet. Aber in allen Fällen, auch in dem Sonderfall, dass eine Philosophie sich nur für Philosophie interessiert, hat sie es inzwischen mit etwas ganz anderem zu tun als dem, was von der Tradition angeschwemmt wurde und als Strandgut überall herum liegt. Dabei handelt es sich um antiquarische Materialien, deren Realität durch keinen Urheber bezeugt werden kann. Man könnte sie archivieren; man könnte ihnen aber auch mit neuen Fragen begegnen, Fragen, die in diesen Materialien selbst nicht gestellt wurden, welche allerdings mit dazu beigetragen haben, dass neue Fragen aufkommen wie etwa die nach der Fähigkeit eines Gehirns, Gehirnforschung betreiben zu können.
Was die gegenwärtige Hirnforschung für einen Philosophen so interessant macht, liegt nicht allein daran, dass Philosophen ihr eigenes Repertoire an Möglichkeiten weitgehend erschöpft haben, auch nicht eigentlich daran, dass Hirnforscher sich in Dinge einmischen, die der Tradition nach in das Gebiet der Philosophie fallen. Freier Wille, Realität, Subjekt – man müsste es andersherum sehen. Auch die Naturwissenschaft hat damit angefangen, Fragen zu stellen auf der Basis ihrer selbst erzeugten Daten, an welchen Philosophen auch ohne eine technikintensive Forschung schon seit geraumer Zeit laborieren. Und schaut man sich die Ergebnisse an, zu denen Philosophen bislang gekommen sind, kann man in Hinsicht auf die zu erwartenden Ergebnisse der Hirnforschung nur optimistisch sein. Auch sie wird irgendwann entweder ihr Thema wechseln, oder erst durch einen zu erwartenden Paradigmenwechsel Anschluss finden an ein Gespräch, zu dessen Möglichkeit sie jetzt schon die relevanten Materialien erzeugt. (Weiter)