Zum Problem des metaphysischen Realismus IV

von Kusanowsky

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Man hatte nach der Einsicht in die Unhaltbarkeit der mittelalterlichen Ketzerstreitigkeiten nach etwas anderem gesucht, man hatte nach einem Aspekt von Wirklichkeit gefragt, der innerhalb der bekannten Streitigkeiten zwar eine Rolle spielte, dort aber nur latent reflektiert, also nicht oder nur marginal zur Sprache kam, obwohl darüber sehr wohl kommuniziert wurde. Es muss hier nicht weit ausgeholt werden, um kurz begründbar zu machen, warum die Philosophie und in der Folge die mit ihr verbandelte Naturwissenschaft ihren beeidruckenden Emanzipationsprozess einleiten und die Theologie auf die Plätze verweisen konnte. Die scholastische Theologie war erstens mit dem Ausbau der Universitäten und zweitens mit der Erfindung des Buchdrucks zu gefährlich geworden, die Beteiligung am Gespräch war zu riskant, die virulente Verdächtigungsgewalt war außer Kontrolle geraten, weshalb die nachdenklichsten Köpfe, sofern sie ihren nicht verlieren wollten, irgendwann neue Wege suchen mussten. Schon Nikolaus von Kues hatte selbstverdächtigend bemerkt, dass es wohl besser wäre, wenn seine Schriften nicht in jedermanns Hände fielen. Wer weiß, welchen Strick man ihm daraus hätte drehen können? Auch der Fall Martin Luther gehört noch in diesen Problemkreis, was einzig damit zusammenhing, dass es Geistliche waren, die um Geistlichkeit stritten. Vergleichbares liegt vor im Fall Giordano Bruno und Jan Hus. Im Falle von Kopernikus lag sie Sache schon etwas anders. Er war theologisch informiert und inspiriert und letztlich auch der Firmung des Glaubens bedürftig, aber er war Wirtschaftsverwalter von Beruf und Mathematiker in der Freizeit, weshalb es keinen Kleriker wirklich störte, wenn ein Gelehrter aus dem Publikum geometrische Hypothesen, intellektuelle Spielereien ins Gespräch brachte, welche übrigens nicht neu waren, sondern bis Kopernikus als nicht weiterführend galten. Ob ähnliches auch Galilei für sich in Anspruch hätte nehmen können, gemeint ist damit eine Art von Narrenfreiheit für einen Mathematiker, ist müßige Spekulation, aber in seinem Falle zeigte sich, dass das, was bereits währte, auch endlich werden wollte: die Einmischung von Nichtklerikern in Sachen einer zivilisationsfestigenden Letztbegründung – die Würde Gottes, eine Einmischung, die deshalb so frech war, weil sich die Laien an der Rettung dieser Letztbegründung interessiert zeigten, was – welch Verhängnis! – gerade dazu führte, dass die begehrte Letztbegründung endlich fallen musste. Die Geistlichkeit hatte sich für ihr eigenes Versagen an denjenigen gerächt, die nichts weniger wollten, als sich verständig und gehorsam als Rettungshelfer anzubieten. Descartes etwa, dem es als Nichtkleriker gelungen war, einen Gottesbeweis zu formulieren! Die Theologen hatte ja längst herausgefunden, dass Beweise widerlegbar sind, und welcher Geistliche hätte schon den daraus resultierenden Verdacht ertragen können? Die Gelehrten, die sich in der Folgezeit wieder griechisch, wie etwa Melanchthon, also heidnisch, betätigen durften ohne um Leib und Leben fürchten zu müssen. Worum es in all diesen Fällen ging, war die Notwendigkeit, Abweichung zu ermöglichen, und zwar dies durch kritische Affirmation bestehender Autoritäten, dass also Abweichung nicht als Abweichung in Erscheinung treten durfte; oder anders: die Zeit war reif für den Umstand, dass eine Wahrheit genauso behandelt werden musste wie eine Lüge. Man durfte sie äußern, aber man durfte sich nicht dabei erwischen lassen.
Wir sind gewohnt diese Entwicklungen als Renaissance, Humanismus und Reformation zu behandeln, und glauben damit, etwas Relevantes verstanden zu haben. Aber ich halte das für einen Irrtum. Nicht immer dann, wenn Schubladen auf und zu gehen, ist wirklich etwas Wichtiges passiert.
Noch bei Descartes war das natürliche Licht Gottes die Quelle der Erkenntnis und das Bewusstsein die Quelle allen Irrtums, aber spätestens damit war der Paradigmenwechsel – rückblickend betrachtet – unwiderruflich vollzogen. Nun hatte man etwas gefunden, was zwar irgend wie bekannt, aber doch ungenügend erforscht war, ungenügend durchleuchtet, was aus diesem Grunde genügend Anlass bot zu glauben, dass ein Bewusstsein sich für ein anderes durchsichtig machen könnte; eine Möglichkeit, die, wie ich meine, unseren Kant gleichsam magisch fasziniert haben muss. Wenn du dich nur deines Verstandes bedienst, wirst du verstehen, was ich verstehe. Aber das musst du selber tun. Interessant ist, dass die darin enthaltende Paradoxie bis heute unangenehm auffällt: Tue, was ich dir sage, nämlich höre damit auf, zu tun, was andere sagen und fang selber an. Im besten Fall möchte man schmunzeln, aber auch das Schmunzeln ist nur die andere Seite dessen, womit wir nichts Rechtes anzufangen wissen. Entscheidend aber ist, dass dann erkannt wurde, dass es das Bewusstsein ist, welches Irrtum und Wahrheit erzeugt. Das Ergebnis dieses historischen Verschiebungsprozesses war überraschend, weil sich im selben Moment ein neuer, fast unbegrenzter Horizont an Möglichkeiten auftat. Nun konnte man den Menschen als Zurechnungsinstanz für Problem und Lösung in Anspruch nehmen, was gegenwärtig nahezu inflationär geschieht, weshalb man sich doch fragen darf, ob das alles noch weiter führt. Man erwartet hartnäckig und selbstverständlich, ein Mensch könne dafür sorgen, woran es angeblich überall fehlt: Klarheit. Da es nun leider auch keinen klaren Begriff gibt von dem, was man mit Klarheit meint, müsste man doch konsequenterweise den Menschen aus einer Theorie entlassen. Doch scheint eine solche Überlegung viel zu riskant, als dass sie problemfrei (nicht problemlos!) zu besprechen wäre, weshalb man es einstweilen dabei belassen wird, das Problem höher zu schätzen als die Lösung.
Descartes war noch motiviert durch die Überlegung, dass man in die Theologie nur dann Ordnung bringen könne, wenn man dies zuvor in der Philosophie ein für alle mal sicher stellt, entsprechend musste der Irrtum als Problem und Erkenntnis als Lösung in Erscheinung treten. Aber erst nach Kant, seit der Herausbildung eines Spezialdiskurses über Erkenntnistheorie gibt es das Erkenntnisproblem als Spezialproblem von Philosophen, die sich nichts dabei denken, wie merkwürdig ihr Anliegen ist. Warum auch? Denn in einer ausdifferenzierten Gesellschaft macht ja doch jeder, was er will. Warum sollten ausgerechnet Philosophen etwas anderes machen? (Weiter)