Iteration und Attraktion: Psycho-Probleme für System und Umwelt

von Kusanowsky

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Eine zukünftige neue Art von Journalismus  wird es fertig bringen müssen, in der Berichterstattung nicht mehr jeweils nur über ein individuelles Ereignis zu berichten, dieses zu kommentieren und dessen Hintergründe zu er- und vermitteln, sondern darauf zu achten, inwiefern gleichzeitige Ereignisse sich gegenseitig beobachtbar und damit kommentierbar, erforschbar, vermittelbar machen. Ein hübsches Beispiel dafür findet man in diesen beiden Berichten.

In diesem Bericht geht es darum, dass eine Sparkasse Psycho-Profile ihrer Kunden angelegt hat. Mit diesem „Neuromarketinginstrument“ sollten Kreditrisiken besser eingeschätzt werden. Die mit diesem Instrument gewonnenen Erkenntnisse würden nunmehr „in allen Systemen gelöscht“, teilte die Bank mit, dies wohl aufgrund der Empörung über solche Marketingpraktiken. In diesem Bericht geht es darum, dass ein Mathematiker versucht, für künstliche Intelligenzen ein Unterbewusstsein zu erfinden. Durch ein mathematisches Errechnungsverfahren könnten Roboter eine Psyche erhalten und womöglich durch ihren Einsatz als psychotherapiebedürftig in Erscheinung treten.
Genügend Grund zum Lachen gibt es für beide Berichte noch sehr wenig. Also müssen sie ernst genommen werden, so wenig Überzeugungskraft sie auch entfalten können, denn man versuche einmal sich vorzustellen, was geschehen könnte, wenn beide Berichte nicht mehr ob ihres skandalösen Gehalts in Erscheinung träten, sondern wegen des Eifers, den alle Beteiligten an den Tag legen würden, wenn sie versuchten, aus der Verschränkung solcher Problemsituationen klug zu werden: Wenn etwa ein Bankangestellter  damit beschäftigt wäre, einem Roboter aufgrund seines höchst geeigneten Psychoprofils eine bestimmte Geldanlage zu verkaufen, während gleichzeitig ein intelligenter Therapie-Roboter einem Mathematikprofessor seine psychischen Probleme auf genau 100 Stellen nach dem Komma ausrechnet. Da man nun aber bei Stanislaw Lem Geschichten dieser Art zur Genüge findet, deren Unnachahmlichkeit ohnehin unbestreitbar ist, dürfte man kaum etwas Neues zum Nachdenken finden, wenn man sich auf Satire beschränken wollte. Stanislaw Lem hat sich jedenfalls nicht mit Satire begnügt.
Man kann eigentlich nicht nur lachen. Und vielleicht ist das Gelächter darüber ziemlich unangemessen, wenn man nach der Ernsthaftigkeit solcher Erfahrungsbildungen fragt. Denn die Vorstellung, dass ein Wissenssystems alles, wirklich alles über sich und seine Umwelt wissen will und – wie man vor noch nicht allzu langer Zeit tatsächlich glauben konnte – alles wissen könnte, ist nicht nur in akademischen Kreisen ein immer noch ernsthafter Topos des Nachdenkens. Auch die Einsicht, dass allem Wissen immer strenge Grenzen gesetzt sind, hält keinen Profi davon ab, alles Mögliche noch einmal ernsthaft auszuprobieren, denn für soziale Systeme gilt, dass sie keine anderen Probleme mehr haben als die, die sie sich selbst machen. Diesen Systemen die Absurdität ihrer Probleme nachzuweisen ist höchst old fashioned und schon lange nicht mehr witzig. Sie können sich mit den Bedingungen ihrer Erfahrungsbildung nur iterativ befassen und bestenfalls die Attraktivität ihrer Autopoiesis retten, wenn ihnen rechtzeitig etwas ganz anderes einfällt als das, was ihnen diese Einsicht ermöglicht hatte.

Siehe dazu auch: Die Geschäftsbedingungen bei Diaspora: “You must be a human”