Differentia

Monat: Oktober, 2010

Anfangsparadox

Das Anfangsparadoxon besagt, dass man, wie man auch immer anfängt, bereits begonnen hat. Diese Paradoxie ergibt sich aus einer Zeitlogik, die das Axiom formuliert, zuvor geschehe etwas Bestimmtes und danach etwas weiteres, und es könnte angeblich nicht schon vorher geschehen sein, was erst nachher geschieht; etwas könnte also nicht anfangen, wenn es längst begonnen hat. Denn wenn man unterstellte, jeder Ansatz habe bereits eingesetzt, und jeder Anfang immer schon begonnen, würde man diese Logik hintertreiben und die streng unterschiedenen Zeiten von Vergangenheit und Gegenwart durcheinanderbringen, was letztlich jeder Evidenz widerspricht.
Wie auch immer man es drehen und wenden will, gelöst werden kann der Evidenzcharakter dieser Zeitlogik nur dadurch, wenn man bemerkt, durch welche spezifische Beobachtungsweise sich diese Zeitlogik als evident herausstellt. Oder so gefragt: Was wird durch Aussschluss eingeschlossen, wenn man postuliert, dass eins nach dem anderen geschehe?

Die Antwort lautet: Gleichzeitigkeit. Und insofern ist dann weniger die Frage interessant, wie man das Problem umformen muss, damit die Paradoxie verschwindet, sondern mehr, auf welche Probleme man sich einlässt, wenn man leugnet, dass alles, was geschieht, gleichzeitig geschieht.

So gewinnt man dann auch Einsicht in die Rätselhaftigkeit des Anfangsparadoxons und darin, wie Geheimnisse entstehen. Denn tatsächlich: Wie kann ein Paradoxon zur Welt kommen, ohne diese Welt gleichsam in sich hineinzuziehen und zu verschlingen wie ein schwarzes Loch?

 Wie kann die Kommunikation die schwere Last einer Paradoxien ertragen? Auf welch’ geheimnisvolle Weise bringt sie sich in paradoxe Formen; und wie kommt sie aus diesen wieder heraus, wenn es doch heißt, Paradoxien blockierten die Kommunikation, und deshalb sei Kommunikation gezwungen, Paradoxien aufzulösen? Seitdem man systemtheoretische Überlegungen diskutiert kann man sagen kann, eine Paradoxie werde entparadoxiert, indem man Zeit einführt, indem man die Verschränkung von Operationen auseinanderzieht und beobachtet, wie durch Abschweifung, durch Verfolgung eines weiteren Unterschieds die Paradoxie verschwindet. Aber die Paradoxie scheint ein Geheimnis zu bleiben, denn wenn man an die Stelle innerhalb des Zeitverlaufs zurückkehrt, an dem sie entstanden ist, begegnet man wieder eben jener Paradoxie, die man zuvor noch glaubte, enträtselt zu haben. Auch hier wird wieder deutlich, wie Geheimnisbildung funktioniert: man könnte angeblich im Zeitverlauf zurück kehren, etwa, indem man die Zeilen eines Texte zurück verfolgt bis an die Stelle, wo die Paradoxie noch evident war. Die Frage ist nicht, ob so etwas tatsächlich geht, ob man also tatsächlich in der Zeit rückwärts gehen könnte, sondern  wie und wodurch diese Behauptung selbst wieder akzeptabel erscheint. Akzeptabel wird dies durch eine sich auf selbe Weise erschließende Empirie, die das ermöglicht, was nicht etwa schon zuvor behauptet wurde, sondern sich zugleich durch Beobachtung bewahrheitet hat: gehe einfach in diesem Text an die Stelle zurück, an dem die Paradoxie noch eine war. Sapperlot! Empirisch ist, was man unleugbar begreifen und nachvollziehen kann. Eine Paradoxie kann also nur dann entstehen, wenn die Evidenz der Empirieform das Gegenteil von dem ermöglicht, was sie aufgrund ihres evidenten Charakters ausschließt.

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Paradoxie und Geheimnis – Überlegungen zur Empirieform der modernen Gesellschaft 3

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Die sehr erfolgreiche Verwendung des Dokumentschemas ob seines persuasiven Gehalts zog unvermeidlich Probleme nach sich, deren Lösung entweder in die Zukunft durch eine Fortschrittsannahme verlegt oder durch Vermeidung und Verbot beiseite geschoben wurde. Zu diesen Problemen, die sich direkt aus der Verwendung des Dokumentschemas ergaben, gehörten: Selbstreferenz, Nachweis von Kausalität, Bestimmbarkeit von Identität und vor allem die Vermeidung von Widersprüchen, da angenommen werden konnte, dass Paradoxien den normalen Ablauf der Systeme blockieren.

Eine höchst erfolgreiche Strategie in der Umgangsweise mit Paradoxien fand sich darin, die Lösung der Widersprüche zu Geheimnissen zu erklären; eine Strategie, in schon zu Beginn des modernen Staates in den staatstheoretischen Schriften des Barock und  der beginnenden Aufklärung zu finden ist.(1) Gemäß solcher Strategien gab es Geheimnisse, die entdeckt, gelüftet oder verraten werden können; und es gab solche, die als prinzipiell unlösbar behauptet wurden, wie dies insbesondere in Hochreligionen immer wieder zu finden ist. Gemäß solcher Betrachtungsweisen wird das Widersprüchliche für das alltägliche Handeln isoliert, indem es ein Geheimnis bleibt und wird dadurch neutralisiert. Man weiß zwar, dass da noch etwas ist; aber auch, dass, solange nicht daran gerührt wird, die Dinge ganz normal weiterlaufen können.

Das Geheimnis ist der Versuch einer kommunikativen Beherrschung des Paradoxons: Das Unberührbare, das Tabu wird als Geheimnis und damit als Verbot oder als Unmöglichkeit einer die Sache bestimmenden Kommunikation dargestellt. Das neugierige Nachfragen wird untersagt, durch Belastung des Gewissens entmutigt oder mit der Auskunft, man würde nur unzureichende Ergebnisse erzielen, die erkennen lassen, dass man am Wesentlichen vorbeigegangen sei, abgewimmelt.(2)
Schon in der Frühzeit der Aufklärung konnte sich eine Unterscheidung einspielen, die zwischen Geheimnissen der öffenlichen Angelegenheiten, die auf Bewahrung der gegenwärtigen Form des Gemeinwesens abzielten, und den Geheimnissen der Herrschaftsausübung, die der Sicherheit derjenigen zugerechnet wurden, die die Stelle des Fürsten im Staat inne hatten. Letztere entsprechen dem, was heute unter dem Terminus Staatsgeheimnis verstanden wird und für das, um es zu erkunden, Spionage betrieben werden muss: die Finanzlage, Beratungen und Verträge mit anderen Staaten, militärische Aufmarschpläne und nicht zuletzt natürlich auch die Spionagetätigkeit der anderen Seite. Die Aufrechterhaltung von Geheimnissen zur Kontrollierbarkeit von Paradoxien vertrug sich aber nur schlecht mit den Prinzipien der modernen Vernunft, die nach der Transparenz aller gegen alle verlangte. Interessanterweise zeigt sich, dass durch die Etablierung von Repräsentationsinstanzen höchst effektive Strategien entwickelt werden konnten, um die als Geheimnisse gefassten Paradoxien in den Letztbegründungen von Funktionssystemen zu neutralisieren, und zwar dadurch, dass Repräsentationsinstanzen diese in einer paradoxen Darstellung sinnlich-ästhetisch erlebbar machen.
Schon Carl Schmitt hatte für die absolutistische Staatsverfassung die Erklärung angeboten, dass etwa die Römische Kirche ihre Überlebensfähigkeit der Verknüpfung von Gegensätzen verdankte, die allein durch die Repräsentation des Papstes ermöglicht werde. (3) Demnach gelang die Repräsentation in der Verknüpfung von Macht, Recht und Ästhetik. Macht war präsent durch den Verweis auf Gewalt, Recht durch Verweis auf Ursprung und Tradition.
Mit fortschreitender funktionaler Differenzierung der Gesellschaft, mit der sich herausbildenden Industrialisierung und dem Schwinden der Plausibilität einer Einheit von Immanenz und Transzendenz sowie der Zuverlässigkeit tradierter Zeichenrelationen, wird die Sichtbarkeit des Widersprüchlichen schließlich zu einem drängenden Problem. Eine langlebige Lösung dafür konnte in der Erweiterung einer Staatslegitimation gefunden werden, die spätestens seit der Romantik höchst attraktiv durchgehalten werden konnte. Sie lag in der der Liebe zwischen König und Untertanen, so dass, wo schließlich die Liebe unter allen verwirklicht werde, am Ende jeder Bürger Repräsentant des Staates sein wird. Alle Widersprüche und Paradoxien sind in dieser Liebe aufgehoben. Man denke dabei etwa an die Heimat- und Volksromantik, der nicht zu Unrecht eine affirmative Funktion zur Sicherung der Herrschaftsausübung zugerechnet wurde. Die Sichtbarkeit des Staates in der Familie des Monarchen – triviale Überreste davon finden wir in der Regenbogenpresse unserer Tage – wird zu einem der leitenden Motive im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts, begünstigt durch Innovationen der massenhaften Verbreitung von Bilderzeugnissen. Man denke etwa an die Rede Erich Mielkes vor der Volkskammer 1989, um zu sehen, wie sehr der Gedanke der Liebe in den Strukturen des modernen Staates erhalten werden könnte. Und man überprüfe darauf hin einmal die Reden von Politikern, die als Repräsentaten des Volkswillens bis heute dafür garantieren, dass Staatsgeheimnisse weiter aufrecht erhalten werden können. (Weiter)

1. Spitznagel, Albert: Einleitung. In: ders. (Hg.): Geheimnis und Geheimhaltung. Erscheinungsformen – Funktionen – Konsequenzen. Göttingen 1998, S. 19 – 51.
2. Luhmann, Niklas: Die Religion der Gesellschaft. Frankfurt a.M 2000, S.81.
3. Schmitt, Carl: Römischer Katholizismus und politische Form. Nachdruck d. 2. Aufl. 1925, Stuttgart 1984.

Die österreichische kaiserliche Familie um 1870. In der Liebe innerhalb Herrscherfamilie und in der Liebe des Herrschers für seine Untertanen konnten die Paradoxien des modernen Staates durch Repräsentation behandelt werden. Bild: Wikipedia
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