Tabu und Verbot – Überlegungen zur Empirieform der modernen Gesellschaft 5

von Kusanowsky

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Ein Unterschied zwischen Verbot und Tabu besteht darin, dass über Verbote gesprochen werden kann, ja, gesprochen werden muss, damit sie z.B. begründet werden können. Tabus entstehen aber durch Routinen der Vernachlässigung immer nur einer Seite einer zweiseitigen Form der Beobachtung. Wichtig dabei ist, dass diese Einseitigkeit eingeübt werden kann, ohne, dass im Verlauf der Kommunikation die Mechanismen der Sanktionierung dieser Einseitigkeit auffallen. Ein Tabu kann als Entscheidungsmarkierung zur Ausgrenzung von sozialen Übereinkünften zustande kommen und wird zu einer paradoxen Erwartung der offensichtlichen Unsichtbarkeit. Das, was eine Gesellschaft als Tabu behandelt, ist dabei genau das, was sie aus dem öffentlichen Gespräch ausgrenzen muss, weil sie es nicht zulässt, über diese Dinge öffentlich zu sprechen. In einer Gesellschaft, in der es aber eigentlich nichts gibt, über das man nicht kommunizieren könnte, ist letztlich auch ein Tabu ein Thema, dass im Verlauf der Abspulung von entsprechenden Routinen zur Sprache kommen muss, aber wenn dies geschieht, dann immer nur als Skandal.
Ein Tabu ist ein Gebot, das deshalb durchgehalten werden kann, weil das Gespräch darüber nur als Skandal möglich wird. Und die interessante Frage ist, wie sicher gestellt werden kann, das niemand einem solchen Skandal ausweichen kann. Gegenüber der Verletzung eines Tabus muss man, so scheint es, immer Position beziehen. Die Tabuverletzung kalkuliert eine erwartete Störung von Erwartungshaltungen ein. Eine in einem spezifischen Medium der Kommunikation ermöglichte Tabu-Wahrnehmung verstärkt insbesondere Selbstreflexion: Man erkennt erst dann ein Tabu und seine soziale Funktionen, wenn man bereit ist, ein Tabu als Akt einer Störung wahrzunehmen.
Ein Tabu ist praktisch ein Mechanismus eines sozial artikulierten Vermeidungsgebotes. Indem eine tabuisierte Differenz symbolisch aus der Welt der Sprache und des Handelns ausgegrenzt wird, wird es indirekt als Tabu innerhalb der aktuellen Kommunikation markiert. Eine tabuisierte Differenz spaltet dabei die Innenseite der Unterscheidung, den Reflex der Unterscheidung, der mit der Wahl der Unterscheidung ursprünglich verboten war, von ihrem späteren Gebot – der Vermeidung ihres Gebrauchs. Das Aussprechen eines Tabus ist damit doppeldeutig: es grenzt eine Differenz aus der Sprache aus und hinterlässt einen Nicht-Ort, eine Art anwesende Abwesenheit. Das Schweigen ist dabei zugleich die Macht desjenigen, der die Zeit und die Art und Weise bestimmt, mit der das Gebot formuliert wird.
Tabus wirken gleichsam als Schnittstelle zwischen Innen und Außen, zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. In diesem Sinne fungieren sie vor allem auch als Medien komplexer kognitiver Verarbeitungsweisen. Man könnte das Tabu beispielsweise etwa als die Kehrseite der Assoziation betrachten. Während die Assoziation einen überraschend neuen Zusammenhang zwischen bisher unbekannten Elementen erst stiftet, zwingt das Tabu dazu, das in der Vergangenheit Ausgegrenzte als unterdrückte Differenz wieder nachträglich in den aktuellen Diskurs und in die Wahrnehmung aufzunehmen. Ein Tabu arbeitet mit dem verdrängten Affekt, indem es mit dieser Verdrängung spielt. Das Tabu ordnet zudem die Beziehungen zwischen Vermeidung und ausgegrenzter Sichtbarkeit, die Assoziation zwischen herbeigeführter Ähnlichkeit/Differenz und provozierter Nähe zwischen den Elementen, die selbsttätig Neues zu erzeugen scheint. Tabus schärfen die Beobachtung einer auf Selbstbegrenzung hin orientierten Wahrnehmung: Tabus lassen erkennen, dass die spezifische Art ein Tabu zu erzeugen, einen untergründigen medialen Raum des Verdachts konstituiert. Im Raum des Tabus liegt entsprechend ein submedialer Raum des latenten Selbstverdachts eingeschlossen. Und es müsste noch zu zeigen sein, wie dieser Selbstverdacht in der Empirieform der modernen Gesellschaft begründet liegt. (Weiter)

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