Kritik und Konkurrenz – Überlegungen zur Empirieform der modernen Gesellschaft 1

von Kusanowsky

Mit der Entwicklung der Dokumentform, deren evolutionärer Prozess zugleich ein aufsteifender Pfad der Erhärtung und dadurch bedingt ein absteigender Pfad der Zerrüttung war, ergab sich der Ausdifferenzierungsprozess der modernen Funktionssysteme, die mit der Zeit lernen mussten, Kritik und Konkurrenz einzuüben. Die Systeme, die auf der Basis dieser speziellen Empirieform operierten, konfrontierten sich durch Konkurrenz selbst mit der persuasiven Möglichkeit der Kritik, indem sie Dokumente massenhaft verbreiteten und damit in allen Situationen die Möglichkeit unterstellbar machten, dass alle anderen Teilnehmer über alles Wichtige und Entscheidende bereits informiert sein könnten, wodurch sich alle gegenseitig aus der Perspepektive beobachteten, ob und in welcher Hinsicht diese Unterstellung kontingent überprüfbar war.

War für die mittelalterliche Zeit das Problem der Abweichung in keiner Hinsicht lösbar, weil die dieser Kulturform zugeordnete Empirieform Abweichung nicht zulassen konnte, so konnte infolge des Ausdifferenzierungsprozesses gelernt werden, dass Gründe für abweichende Meinungen in einer politisch, wirtschaftlich und daher auch religiös und künstlerisch komplexer werdenden Gesellschaft viel zu verschieden und zu zahlreich waren, um noch dem Gebrauch des monumentarischen Beobachtungsschemas unterworfen werden zu können. Abweichung wurde damit statthaft, allerdings unter der Bedingung, dass Wahrheit immer noch durch Überprüfung operationalisierbar blieb. Dies hatte insbesondere das Verbot der Selbstreferenz zur Folge, was sich verstärkend auf die Akzeptanz von Kritik und Konkurrenz auswirkte; eine Akzeptanz, die bald in allen Bereichen der Gesellschaft als Beschleunigung beobachtbar wurde. Sehr schnell war keine Organisation, keine Bürokratie, keine Hauswirtschaft der Beschleunigung mehr gewachsen. Die Akzeptanz der Empirieform fand schließlich ihren Niederschlag auch in Freiheitskonzeptionen. Das war jedoch erst möglich, nachdem Descartes durch Überprüfung der Überlegungen von Montaigne, Pascal und anderen auf die Idee gekommen waren, sich von der Beschleunigung nicht mehr verunsichern zu lassen, sondern sie zum Material und zum Garanten individueller Beweglichkeit zu machen. In dem bekannten „cogito ergo sum“  kommt vortrefflich die Entstehung dessen zum Ausdruck, was Karl Marx später eine sogenannte „Robinsonade“ nannte: Was immer dir widerfährt, Angenehmes und Unangenehmes, beziehe es auf dich und sei dir darüber im Klaren, dass es dich im Moment zu dem macht, wer und was du bist, ohne dabei auszuschliessen, dass dir gleich anschliessend wieder etwas widerfährt, für das dasselbe gilt.

Es geht dabei nicht darum, dass das Subjekt seine Einsamkeit entdeckt, sondern durch den Ausschluss der Annahme, dass all diese Überlegungen sozial determiert sein müssen, damit sie individuell erfahrbar und damit auch variirbar sind, wird die Gesellschaft selbst, wenn auch zunächst nur in ihrer latenten Möglichkeit erfahrbar. Die Erfahrung sozialer Realität ist damit durch die Dokumentform ausgeschlossen worden und musste notwendig gegen diese Gesellschaft selbst, die sich auf diese Weise möglich machte, durchgesetzt werden. (Weiter)

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