Kritik und Konkurrenz – Überlegungen zur Empirieform der modernen Gesellschaft 2

von Kusanowsky

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Die Dokumentform war aber nicht nur Ausgangsbedingungen für den Ausdifferenzierungsprozess, sondern diente immer auch zur Durchdringung der Systeme durch Mehrfachbesetzung von Operationen. Diese wechselseitigen Durchdringungen schlagen sich  – wie bei Luhmann formuliert – in der Mehrsystemzugehörigkeit von Operationen nieder: Das Wirtschaftssystem wird nicht nur durch Geld integriert, sondern lässt außerdem Nebencodierungen wie Ethik zur Steigerung seiner Irritationsfähigkeit zu. In den Professionalisierung der Organisationen können dann ethische Standards definiert und auch dann noch durchgehalten werden, wenn sich die Unhaltbarkeit solcher Standards längst herum gesprochen hat.

Die empirischen Möglichkeiten moderner Funktionssysteme führen zu einer beständigen Vermehrung, Beschleunigung, Verdichtung und Globalisierung von Kommunikationen, die ihre Mittel notwendig in eine Inflationierung, bzw.Trivialisierung ausufern lassen. Und nur in wenigen Fällen dürfte auch eine Gegenbewegung, die Enttrivialisierung und Deflationierung beobachtbar werden. Einen solchen Trivialisierungsprozess kann man in allen Funktionssystemen wiederum ablesen, etwa als Ausuferung von Selbstdarstellungsformen im Sport, der Publizistik; und dort, wo sich Systeme gerade durch solche Selbstinszenierungen codieren – wie etwa im Entertainment – werden dieser Formen immer exzentrischer.

Auch in der Wissenschaft und Publizistik sind solche Tendenzen als trivialer Genie-Kult beobachtbar, der seinen ganz eigenen Habitus ausprägt. In der Konkurrenz um Aufmerksamkeit und Kritik setzten die Systeme immer neue sprachliche und visuelle Gebilde ein, die dann sogar nicht nur in Hinsicht auf die Möglichkeit der Kritisierbarkeit verwendet werden, sondern vielmehr, indem die höchste Wahrscheinlichkeit von Kritik die eigentliche Legitimität darstellt, durch die solche Gebilde die Irritationsroutinen noch einigermaßen steigern können. Und es ist nur eine Frage des Geschmacks, ob man die Frage noch verfolgen möchte, ob der neueste Tabubruchskandal schon langweilt oder noch nicht.
Im ganzen hat man es mit einem Verschärfungsprozess zu tun, der mit der Entwicklung durch Kritik und Konkurrenz vorangetrieben wurde. Die erste Lösungsfindung bestand in der Kombination aus einem liberalen Rechtsstaat und einer liberalen Wirtschaftsweise. Erst danach konnten sich demokratische Verhältnisse einspielen, die zugleich bedingt waren durch die Akzeptanz wohlfahrsstaatlicher Institutionen. All das mündete schließlich in der Ausweitung und Verschärfung von Risiken globaler Kommunikationsprobleme. Weltweit wachsen Regionen und Bevölkerungsgruppen durch schnellere Transportmittel und Massenmedien zusammen. Es entsteht ein globales Netz von Finanzströmen, arbeitsteiligen Produktionsprozessen und Datenströmen, ohne, dass noch empirische Möglichkeiten der Integration auffindbar wären.
Letztlich kann man damit rechnen, dass die Beschleunigung der Kommunikation die Problemerfahrung in der Weise erwartbar macht, dass nach Lösungen unter diesen Bedingungen gar nicht mehr gefragt werden kann. Es müsste sich an der Form der Empirie etwas ändern, damit unter veränderten Bedingungen ein Weitermachen wieder möglich wird. (Weiter)

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