Menschen, Leichen, Puppen, Plastinate – Zur Individualität von Skandalen

von Kusanowsky

Eine zukünftige neue Art von Journalismus  wird es fertig bringen müssen, in der Berichterstattung nicht mehr jeweils nur über ein individuelles Ereignis zu berichten, dieses zu kommentieren und dessen Hintergründe zu er- und vermitteln, sondern darauf zu achten, inwiefern gleichzeitige Ereignisse sich gegenseitig beobachtbar und damit kommentierbar, erforschbar, vermittelbar machen. Ein hübsches Beispiel dafür findet man in diesen beiden Ereignissen: Gunther von Hagens verkauft demnächst plastinierte Leichtenteile in einem Online-Shop. (Wie hier berichtet) Und: Ein Künstler hat eine lebensechte Wachsfigur des im Koma liegenden israelischen Ex-Premierministers Ariel Scharon geschaffen. (Hier.)

Der Nachrichtenwert beider Ereignisse ist ihr Skandalwert. Da beide Ereignisse aber nur aufgrund ihres individuellen Skandalwerts journalistisch interessant sind, andernfalls wäre es ja nur ein Skandal, werden sie auf verschiedene Ressorts verteilt und in verschiedenen Rubriken eingeteilt. Man hält das immer noch für seriösen Journalismus. Die Arbeit des Künstlers gehört in das Feuillton, nicht in die politische Berichterstattung; das Projekt des Plastinators gehört in die Wissenschaftsberichterstattung, nicht in die Wirtschaft. Wenn auch Journalisten längst wissen, dass solche Rubrizierungen in nicht wenigen Fällen kaum plausibel sind, so fehlt es doch an geeigneten Möglichkeiten der Dokumentierbarkeit, weil die Zeitung als Dokument eine Sequenzialisierung erfordert und damit immer auch eine Individualisierung dessen, was allein sozial produziert werden kann. Eine Zeitung wird gewöhnlich von vorne nach hinten, von oben nach unten und von links nach rechts gelesen. Daraus ergeben sich Priorisierungen und Erwägung von Relevanzen: Wichtiges kommt nach vorne, Unwichtiges nach hinten, Schlagzeilen werden groß gedruckt, der Textkörper klein. Außerdem gibt es die immer fragwürdiger werdende Trennung von redaktionellen Inhalten und Werbung einerseits und Berichterstattung und Kommentar, Profi und Amateur andererseits. Dabei handelt es sich um Einteilungen, die bereits auf Einteilungen treffen, das heißt: in Einteilungen eingeteilt werden müssen. Da diese Einordnungen aber Ergebnisse zirkulärer Produktionsroutinen sind, die durch die Dokumentform nicht wiedergegeben werden können, muss sich alle beschreibbare Realität den Notwendigkeiten der Dokumentform beugen. Es entsteht eine soziale Plausibilität derzufolge nur das real ist – und damit behandelbar, erforschbar, kommentierbar – was durch Dokumente referenziert werden kann. Dagegen spricht auch nicht die Erfahrung der Bezweifelbarkeit solcher Einsichten, weil diese wiederum vortrefflich dokumentierbar sind. Was einen systemtheoretischen Soziologen nicht weiter wundert, muss einen Journalisten die Einsicht der Unseriösität aufzwingen oder in Verzweiflung treiben, weil Jorunalisten das nicht einfach ändern können, weshalb sich Thesen über den Journalismus, die seine Zurückgebliebenheit monieren, von selbst erübrigen, weil dadurch nicht verständlich wird, wie gering der evolutionäre Spielraum für revolutionäre Anpassungsleistungen ist.

Ein Zeitungsbericht, der eine Wachspuppe abbildet, die einen Menschen abbildet, über dessen Relevanz nur deshalb berichtet werden kann, weil er selbst zu einer Projektionsfläche, und damit zu einem Abbild von journalistischen Bildern geworden ist, unterscheidet sich in seiner Einteilbarkeit von einem anderen Zeitungsbericht, der über einen Menschen berichtet, der ein Dokumentationsverfahren von Leichen erfunden hat und erfolgreich durch Zurschaustellung abbildet, nur dadurch, dass die Zumutung der Individualität der Ereignisse durch die Dokumentform aushaltbar ist. Denn die Dokumentform kann alles realisieren: Menschen, Leichen, Pupppen, Plastinate und kann leisten, dass all dies wiederrum zu Dokumenten, dass alles – wie Karl Marx formulierte – zur Ware wird, für die genau das gilt, was für die Dokumentform allgemein gilt: Linearität, Kausalität, Sequenzialität, Identität. (Siehe dazu auch: „Das Dokument, die Werktreue, die klassische Dramaturgie.“). Sobald aber die dokumentierte Welt selbst nur als Dokument verstehbar wird, muss sich notwendig die Dokumentform zerrütten lassen, will sie weiter funktionsfähig bleiben; sie muss sich verschieben, verdrehen, ja verleugnen lassen können, damit weitere Differenzen für weitere Dokumentationsverfahren anfallen. So wird es dann nur zu einer Frage der Wahrscheinlichkeit bis die Evolution der Dokumentform, die immer zugleich auch ihr Zerrüttungsprozess ist, schließlich solche chaostheoretischen Überlegungen plausibel macht, die lauten, dass alles in der Welt mit allem zusammenhängt. Solche Überlegungen treten dann an einem Punkt innerhalb eines historischen Prozesses als überraschend zutage, als unvorhersehbare Erkenntisgewinnung, als neuartige Wissenschaft, die dann aber wiederum nichts anderes vermag, als die Einsichten in eine Form zu bringen, die Zusammenhängendes nur unzusammenhängend erforschen und vermitteln kann: ein Chaostheoretiker plastiniert keine Leichen, ein Journalist bastelt keine Wachspuppen, ein Plastinator schreibt keine Zeitungsberichte, ein Künstler wäscht keine Leichen. Und ein Blogautor schreibt keine Weltliteratur.All diese Einsichten sind nicht skandalfähig. Woher kommt dann der Skandalwert von Nachrichten? Es könnte daran liegen, dass nur die Dokumentform skandalfähig ist und nicht etwa das, was dokumentiert wird. Wer darüber gründlicher möchte, sollte noch einmal die Analyse der Warenform bei Karl Marx studieren:

Das Geheimnisvolle der Warenform besteht also einfach darin, daß sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eignen Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt, daher auch das gesellschaftliche Verhältnis der Produzenten zur Gesamtarbeit als ein außer ihnen existierendes gesellschaftliches Verhältnis von Gegenständen.

Oben: Ein Bild-Dokument, das ein Menschen-Dokument abbildet. Unten: Ein Bild-Dokument, das ein Leichen-Dokument abbildet. Beide dokumentiert bei Wikipedia, das ein Lexikon-Dokument ist. Und hier: Ein Internet-Dokument, das keines ist.

Advertisements