Rumpelstilzchensimulationen

von Kusanowsky

Ein Blog zu schreiben, das nicht im Mittelpunkt massenmedialer Aufmerksamkeit steht, hat nur wenige, aber ein paar entscheidende Vorteile. Ein Vorteil ist der „Zeitverzug“, den man sich leisten kann, weil man nicht mithalten muss mit der rasanten Entwicklung von Kommunikationsproblemen, für die keiner der jeweils Beteiligten eine Lösung durchsetzen kann, wenn diese Probleme den Beteiligten über den Kopf wachsen.
Wenn auch mit Verzögerung, so doch mit Genuss, bekomme ich gerade Kenntnis von einem hübschen Possenspiel, das im Blog von Stefan Niggemeier inszeniert wird. Irgend ein Troll – wer es tatsächlich ist kann hier nicht verraten werden, weil von hier aus solche Urteile schamvoll verschwiegen werden müssen – hat Stefan Niggemeier das Leben schwer gemacht. Man müsste es in soziologischer Hinsicht allerdings etwas differenzierter ausdrücken. Ein Kommunikationssystem hat mehr als nur einen Troll in Bewegung gesetzt, um den Fortgang der Kommunikation in der Weise sicherzustellen, dass die Thematisierung einer Störung einen reibungslosen Fortgang derselben durch Ausbreitung von Irritationen unkenntlich macht, indem Störungen dieser Art eine ganz normale Fortsetzungvariante darstellen, sobald Kommunikation über Internet in Gang kommt. (Bei Interesse: „Die Trolligkeit der Kommunikation über Internet„)
Ein komplexe Detailanalyse der Geschehnisse kann ich mir ersparen, weil sie in den hier angestellen Überlegungen über Performate als Empirieform der postmodernen Gesellschaft im wesentlichen bereits enthalten ist: Das Internet ist kein Massenmedium, sondern ein Simulationsmedium für Massenmedien. Das wichtigste Merkmal ist, dass durch das Internet die Zerrüttung der Dokumentformvollendet und diese durch eine andere Form der Urteilsbildung ersetzt wird. Solange aber Systeme das Internet als Verteilungsverfahren von Dokumenten betrachten, womit auch gemeint ist, die Verfahrensweisen zur Urteilsbildung unverändert beibehalten zu können, müssen solche spezifischen und unlösbaren Probleme auftreten, wie sich durch den Troll-Skandal bei Niggemeier bemerkbar werden. Performate als Simulationsverfahren, die gewiss nicht erst durch das Internet ihre ersten Ausbildungen erprobten, erzeugen:

  • eine Kontingenz von Adressen, die unproblematisch bleibt, solange Kontrollroutinen über Identitäts-Aussagen zuverlässig reproduzierbar sind. (Ausführlicher: „Netzwerkbildung und Adressen„)
  • eine Kontingenz von Identität, wenn sich ein Verhältnis von Anonymität und Pseudonymität einspielt und durch zuverlässige Benutzung legitim wird. (Siehe dazu: „Über Anonymität und Pseudonymität im Internet„)
  • einen Kontingenzspielraum von Anwesenheit und Abwesenheit insbesondere auch dann, wenn Computer als Anschlussstellen einer Mehrfachnutzung unterliegen, zu deren Feststellung wiederrum keine eindeutigen Routinen der Identitäsauffindung hergestellt werden können. (Im Falle Niggemeier: welcher Troll war zu welchem Zeitpunkt am Computer von KND anwesend oder nicht?) Empirisch hat man es dann nur mit absentierenden Beobachtern zu tun, die für fortgesetzte Irritationen über An- und Abwesenheit keine lokale Identität in Anspruch nehmen müssen. (Weiterführend: „Interaktion als Kommunikation zwischen absentierenden Beobachtern„)
  • eine Kontingenz von Wahrheit, insofern Dokumente in den ablaufenden Simulationen immer noch enthalten bleiben, aber zum Fortgang der Irritationen selbst wiederrum nur als Differenzen ihrer Simulierbarkeit erscheinen.
  • schließlich: eine Kontingenz von Manipulation. Damit ist wesentlich gemeint, dass Manipulation durch den anhaltenden Zerrüttungsprozess der Dokumentform nicht länger skandalfähig wird, sondern mehr und mehr selbst als Zugangsvoraussetzung zur Partizipation anerkannt wird. (Zum Hintergrund: „Die Katastrophe der Empirieform„)

Der Fall Niggemeier ist deshalb besonders interessant, weil man beobachten kann, wie Unterscheidungsroutinen anfangen, sich an den performativ determinierten Charakter der Empirieform zu gewöhnen, in dem die Effekte (Lüge, Täuschung, Betrug, Manipulation) einerseits zwar immer noch skandalfähige Irritationen auslösen können, andererseits kann man aber schon bemerken, dass die Vorschläge zur Behebung solcher Defizite wiederrum allein über das Internet diskutiert werden müssen, weil die Internet-Performate einen anderen Umgang mit Zeitverzug erzwingen. Denn Regelbildungsversuche sind zwingend auf In- und Exkludierungsmechanismen angewiesen. Weder könnte man zuerst über solche Vorgänge Vorträge halten und Aufsätze oder Zeitungsartikel abdrucken, noch könnte man darauf hoffen, Gerichte könnten solche Fälle eindeutig und rechtzeitig entscheiden, weil ja die Kommunikation über Internet von keiner Stelle aus aufzuhalten ist, womit zugleich gesagt ist, dass die Frage, wer infomiert ist und wer nicht, gar nicht mehr die selbe Relevanz haben kann als zu der Zeit, da man Dokumente auf ihre Wahrheit überprüfte.

Das bedeutet auch, dass die ganze Trolligkeit der Kommunikation über Internet keinen anderen Ausweg zulässt, als alle relevanten Diskussionen, die nur als Simulationen möglich sind, innerhalb einer noch zu findenden Empirieform zu führen, die Simulationen aber schon als wenigstens weiterführend erhärtet haben muss, damit eine verlässliche Regelfindung möglich wird. Solange aber noch nicht genügend Versuche gescheitert sind, kann man eine komplexe Varationsbreite von Interferenzen beobachten, die durch die Verschiebung des Beobachtungsschemas entstehen. Denn die Verschiebung kann allein nur durch soziale Systeme bewerkstelligt werden. Bewusstseine können daran natürlich in der Weise beteiligt sein, dass Hoffnungen erwartbar werden. Aber die Determinierung von Regelbildungen ist niemals nur eine einseitge, kausal prozessierte Leistung innherhalb der Dynamik. Die Systeme operieren schon nach den Möglichkeiten einer Determinierung durch Perforamte, aber noch nicht vollends losgelöst vom dokumentarischen Schema. Diese Kontigenz erzeugt dann die beobachtbaren Überlagerungen, wie sie sich beispielsweise in der Steigerung von unhaltbaren Zumutungen über Humanvermögen empirisch zeigen: „Lieber Herr Du Mont, ich bin ein großer Bewunderer Ihrer medialen Fähigkeiten.“ Spott ist zwar noch möglich, aber man kann nicht heraus finden, ob noch jemand lachen will, womit gesagt ist: Spott ist legitim, hilft aber auch nicht weiter.

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