Die Trivialität des Meinungskampfes

von Kusanowsky

Auf welche Schlussfolgerungen könnte man kommen, wenn man den Artikel eines Medienwissenschaftlers liest, der das Internet als Verbreitungsmedium benutzt, um seine Meinung anzubringen, aus welcher die Klage hervorgeht, dass der alltägliche Meinungskampf es nicht  mehr zuließe, abweichende Meinungen zu widerlegen, sondern ihnen nur mit Geringschätzung, ja mit Hass zu begegnen? So etwas argumentiert der Medienwissenschaftler Norbert Bolz in diesem Focus-Artikel: Die neuen Jakobiner.

„Man kritisiert abweichende Meinungen nicht mehr, sondern hasst sie einfach.“

Warum auch nicht? Es sei denn, man wollte, um eine abweichende Meinung ganz old fashioned kritisieren zu können, sich gerade diejenige Meinung heraus suchen, die ihren eigenen Hasswert selbst gering schätzen möchte. Wollte man dies aber tun, wird man so ziemlich jede Meinung akzeptieren müssen, dürfte es doch im alltäglichen Meinungskampf kaum eine Meinung geben, die sich äußern will, um gehasst zu werden. Da man aber kaum dazu in der Lage ist, alle Meinungen gründlich durchzuarbeiten, kommt man sehr schnell an eine Grenze.

Damit kommen wir zum Problem: Es geht um Komplexität und darum, dass schon lange kein Indvidiuum mehr dazu in der Lage ist, sich redlich und authentisch um einen Stand der Diskussion zu bemühen bevor man sich ermächtigt fühlen darf, am Meinungskampf teilzunehmen. Stattdessen mischt man sich ein – das Recht dazu ist nicht nur gegeben, sondern es in Anspruch zu nehmen ist massenhaft gelernt und erprobt worden – und man ist der Komplexität nur in der Weise gewachsen, dass man Feindlichkeiten aller Art inflationär zurechnet: Frauenfeindlichkeit, Männerfeindlichkeit, Ausländerfeindlichkeit, Demokratiefeindlichkeit, Ökologiefeindlichkeit, Wirtschaftsfeindlichkeit, Sozialfeindlichkeit, Innovationsfeindlichkeit und schließlich sogar eine – wie man bei Bolz beobachten könnte – Feindlichkeitsfeindlichkeit.
Der Medienwissenschaftler kann das Medium nur dazu benutzen, seine trivialen Epiphänomene zu beklagen; er kann es nicht benutzen um verstehbar zu machen, dass diese Epiphänome selbst das Resultat eines massenhaften Gebrauchs von Massenmedien sind.
Bedenkt man, dass der historische Entwicklungweg von Massenmedien dadurch bestimmt war, dass einem relativ kleinen Kreis von Schreibern, Publizisten, Künstlern, Regisseuren, Wissenschaftlern, Politikern, Theologen, kurz: einer Elite von Professionellen ein relativ großer Rezipientenkreis gegenüberstand, so wird verständlich, warum ein Massenmedium so erfolgreich sein konnte: Man konnte dem Publikum seine Meinung, Thesen, Werke übergeben, solange der Autor mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen konnte als jeder einzelne im Publikum. Man schrieb für Leser, malte und filmte für Zuschauer, funkte für Hörer, musizierte und schauspielerte für ein Amateur-Publikum. Es gab eine funktionale Unterscheidung zwischen Experte und Amateur. Übrigens ist die Aufweichung dieses funktionalen Zusammenhangs keineswegs eine Selbstverständlichkeit, sondern war ein komplizierter Prozess, an welchen höchst komplexe Bedingungen gebunden waren, deren Restbestände immer noch die Problemverarbeitungsroutinen blockieren: Man denke dabei an Hindernisse die allgemeine Volksbildung betreffend, an Vorbehalte gegen die Frauenbildung, überhaupt an Einwände gegen die Meinungäußerung; man denke an die Schwierigkeiten der Ausbildung einer Massenuniversität, an Hindernisse der politischen Partizipation; man denke an allerlei Verdächtigungen lebte man unehelich zusammen, trat man für den Pazifismus ein, bekannte sich zur Homsexualtität und zum Atheismus.
Die allgemeine Liberalisierung der Sitten dürfte wohl kaum möglich geworden sein, wenn das, was dieser Liberalisierung entgegenstand, nicht weggefallen wäre. Aber – shit happens – die längst gegenstandslosen Vorbehalte gegen die Liberalisierung äußern sich bei Bolz in der Weise, dass die Liberalisierung sich kannibalisiert. Norbert Bolz:

Der Gesinnungsterror der politisch Korrekten ist eine Feind-Erklärung: Er stellt jeden liberal Denkenden in seiner Existenz in Frage.

Der Gesinnungsterror, von dem hier die Rede ist, ist nicht die Gesinnung einer Elite, die sich vielleicht sogar mit Gewalt gegen eine Mehrheit durchsetzen könnte, sondern ist das Epiphänomen von Massenmedien, die es allen erlauben, dazwischen zu quasseln, also genau das zu tun, wogegen der alte wilhelminische Professor noch empfindlichste Einwände hatte, weshalb er  – elitär gesinnt wie er war – sich an so etwas nicht beteiligen konnte, ohne Verrat an der heiligen Wissenschaft zu üben.
Da der Wissenschaftsbeamte neuerer Zeit aber gar nichts mehr dagegen einzuwenden hat, sich am trivialen Meinungskampf der Massen zu beteiligten, stellt sich die Frage nach der Relevanz seiner Meinung. Und man könnte vermuten, dass diese Relevanz nicht größer und nicht kleiner ist als alle anderen Meinungen auch. Nach vollzogener Liberalisierung der Sitten müssten man jetzt noch lernen, ihre paradoxen Effekte mit liberaler Gesinnung zu begegnen.

Oder besser, was aber nur sehr schwierig zu agumentieren ist: den Meinungskampf einfach aufzugeben und Formen der Urteilsbildung zu erforschen, die weniger trivial sind. Aber solche Art der Forschung könnte für einen Wissenschaftler wie für viele andere ehemalige Fachexperten eine unerträgliche Zumutung sein.

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