Netzwerkbildung und Adressen 1

von Kusanowsky

Die Herausbildung von Netzwerken kann nicht ohne einen reflexiven Umgang der Kommunikation mit erreichbaren Adressen geschehen, die durch Netzwerke selbst als erreichbar in Erscheinung treten müssen. Man kann sich allerdings nur an bestimmte Adressen wenden, wenn man spezifizierbare Informationen darüber erhält, wann, wo und zu welchem Thema oder Anliegen jemand erreichbar oder nicht erreichbar ist. Ein funktionale-differenzierte Gesellschaft hat deshalb eine entsprechende Dokumentationsroutine entwickelt, die Wissbares über Adressen aktualisierbar macht. Dabei handelt es sich um Adressbücher. Das sind Adressendokumente der Kommunikation, dies es erlauben, dass Adressen in Raum und Zeit ganz unvorhersehbar aktualisiert werden können. Dabei dokumentieren rubrizierte Adressbücher – neben Namen – oft Einteilungen der medialen Erreichbarkeit. Sie machen Benutzbarkeit der sozialen Adressabilität hinsichtlich einer sozialen Ordnung kenntlich, für die Routinen der Wiederauffindbarkeit als Selektionsergebnis anderer Kommunikationen vorausgesetzt sein müssen. Deshalb kann man mit Telefonbüchern, die nur eine alphabetische Ordnung aufweisen, wenig anfangen, wenn man nicht schon weiß, wen man in welcher Angelegenheit anrufen will. Das heißt aber, dass nicht schon jeder adressabel ist, wenn Telefonbücher massenmedial verbreitet und für jeden zugänglich sind. Vielmehr müssen kategorial angelegte Adressdokumente hergestellt werden, die Ansprechmodalitäten entlang von etablierten, nicht zuletzt an gesellschaftlichen Differenzierungsformen orientierten Sinnunterscheidungen spezifizieren. So können etwa Ansprechmodalitäten zu wirtschaftlichen, rechtlichen oder gesundheitlichen Kommunikationen über Organisationen und Professionen markiert werden, die immer auch signalisieren, dass in anderen Hinsichten nicht mit Adressabilität zu rechnen ist. Es kommt also nicht nur darauf an, schnell und treffsicher herauszufinden, an wen man sich richten, sondern auch, an wen man sich nicht richten kann. Gerade dieser Umstand macht Verwechselungen als Missverständnisse interessant, für welche die Kommunikation selbst wiederrum Verständnis entwickeln muss, weil prinzipiell jeder davon betroffen sein kann.

Der Grund für Verwechselungen wiederum liegt in der Notwendigkeit begründet, dass Netzwerkbildungen nicht durch den Typ des auf Vollständigkeit bedachten Adressenverzeichnisses – wie ein Telefonbuch etwa – sondern vielmehr durch Dokumentation von individuellen Adressbüchern möglich werden. Individuelle Adressbücher sind Unikate, nicht nur, weil sich eine Liste von Datensätzen von jedem anderen Adressbuch unterscheidet, sondern auch, weil jeder durch einen Namen repräsentierte Datensatz in einem solchen Adressbuch auf eine auf Systemkontexte bezogene Geschichte der Kontakte verweist, die ihr ein individuelles Profil der Adressabilität verleiht. Ein Name verweist in zwei Adressbüchern auf ganz unterschiedliche Möglichkeiten der Adressierbarkeit. Allein dadurch wird schon klar, dass ein Name nicht auf Identität verweisen kann, sondern notwendig, sofern ein Datensatz durch einen Namen gekennzeichnet wird, auf eine diese Kennzeichnung ermöglichende Differenz. (Weiter)

Bild: Titelseite des ersten Telefonbuchs, Berlin 1881. Foto: Wikipedia

Siehe dazu auch:
Über Anonymität und Pseudonymität im Internet

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