Alles wird an­ders, wenn es durch Schrift ver­mit­telt wird

von Kusanowsky

zurück zu: Die Katastrophe der Empirieform 

Um 800 v. Chr. führt die Er­fin­dung des pho­ne­ti­schen, grie­chi­schen Al­pha­bets einen fol­gen­rei­chen Wan­del der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­struk­tu­ren her­bei. Die Durch­set­zung des Me­di­ums Schrift löst die Wis­sens­ver­mitt­lung von der Ort- und Zeit­ge­bun­den­heit einer vor­nehm­lich münd­lich kon­zi­pier­ten, dia­lo­gisch und psy­chago­gisch wir­ken­den Über­mitt­lung von Wis­sens­in­hal­ten. Die dar­aus re­sul­tie­ren­den Pro­ble­me hat be­reits der der „erste Me­di­en­phi­lo­soph“ Pla­ton im Phaid­ros und im Sie­ben­ten Brief ge­äu­ßert. Vor allem kri­ti­sier­te er die Los­lö­sung des Au­tors vom Text, da das Ge­schrie­be­ne „fest steht“ und „sich nicht ver­tei­di­gen kann“. Der Autor ver­zich­tet durch die Ver­schrift­li­chung sei­ner Ge­dan­ken auf die Mög­lich­keit, si­tua­ti­ons-​ und adres­sa­ten­ge­recht zu spre­chen und seine Ideen dem Re­zi­pi­en­ten­kreis ent­spre­chend zu ver­mit­teln. Das Schrift­stück als sol­ches kann sich den Leser nicht aus­su­chen. Für phi­lo­so­phi­sche Au­to­ren stellt sich da­durch zu­gleich das Pro­blem, dass ihre Texte in die Hände von Men­schen ge­ra­ten, die mit ihren po­li­ti­schen oder re­li­giö­sen Im­pli­ka­tio­nen nicht ein­ver­stan­den sind. Schrift­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on hat ein Pro­blem der Adres­sie­rung. Ver­schärft wird die Pro­ble­ma­tik durch elek­tro­ni­sche Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gi­en, die nicht nur die räum­li­che und zeit­li­che Di­men­si­on er­wei­tern, son­dern Kom­mu­ni­ka­ti­on an sich be­schleu­ni­gen. Die neuen Me­di­en un­ter­wan­dern somit den Buch­kul­tur-​Ka­non der „great books“ und pro­du­zie­ren einen un­er­schöpf­li­chen Reich­tum an Sinn durch kom­bi­nier­ba­re Sym­bo­le: Bil­der, Töne und Texte ste­hen Hier­ar­chie be­freit ne­ben-​ und an­ein­an­der und ent­zie­hen sich einer tra­di­tio­nel­len Tex­ther­me­neu­tik.

vollständiger Text: Gesellschaft und Kontingenz – Ulrike Weichert

Weiter