Die Zerrüttung der Dokumentform durch Massenmedien 3

von Kusanowsky

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Bereits Entwicklung des Buchdrucks zeigte, was sich gegenwärtig mit der Entwicklung vernetzter Computer scheinbar wiederholt. Die Möglichkeit, Argumentationsangebote in Dokumenten zu fixieren und sie sehr schnell einer größeren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, unterlief traditionelle Kanäle der Kommunikation, insbesondere die der Schriftgelehrsamkei, die zu ihrem Fortgang noch nicht auf das Dokumentschema angepasst war. Es kam erdrutschartig zu einem Abbau von Autoriäten. Man könnte von einer Zentralisierungswirkung der Kommunikation sprechen, der Buchdruck förderte gleichsam dämonisch den Trend zur Individualisierung der Teilnahme an gesellschaftlicher Kommunikation vor allem im Hinblick auf Förderung von Kritik und abweichender Meinung. Schließlich erweiterte die Nutzung von Elektrizität bis die dahin bekannten Kommunikationsmöglichkeiten.

Technikgebrauch und Informationsverarbeitung sind seitdem aufeinander angewiesen. Das Kommunikationssystem wurde dadurch zwar abhängiger von einer störungsfreien, technischen Umwelt, die Kommuniktionsmöglichkeiten vervielfachten sich jedoch. Elektronische Maschinen der Informationsverarbeitung ermöglichten zunächst über Rationalisierung und Rechenleistung eine Leistungssteigerung von Menschen, die sich nun der herkömmlichen Kommunikationswege effizienter bedienen konnte. Mit dem Internet überwindet elektronisch gestützte Kommunikation inzwischen jede räumliche und zeitliche Beschränkungen und erleichtert so das Zustandekommen von Kommunikation, macht also Anschlussfindung – unabhängig ihrer Kontextrelevanz – so wahrscheinlich, dass diese Wahrscheinlichkeit selbst zu einem Problem werden kann. Zu denken wäre dabei an die von Peter Kruse beobachteten Erregungsmuster der Netze, die für die Beteilgten hoch gefährlich werden können.

Die durch die Technik erzwungene Einseitigkeit von Kommunikation verändert jedenfalls das Selektionsgeschehen. Die für den Buchdruck noch relevante Autorität der dokumentierten Quelle wird annulliert und ersetzt durch die Anonymität der Quelle, weil die Unterbrechung der Retroreferenz auf der einen Seite die Beobachtung der Selbstreferenz auf der anderen Seite fördert. Dies führt zu einer extremen sozialen Entkopplung des medialen Substrats der Kommunikation, da mit dem Verschwinden des Dokuments als Quelle auch der Dokumenterzeuger als Urheber entschwindet. Computerprogramme werden diese entstehende Lücke ausfüllen. Schon jetzt entscheiden sie, wenn auch noch nicht vollständig darüber, wie das Medium die Kommunikation selbst zu Formen verdichtet, die als Simulationen erkennbar werden. Aber sie  sind schon als Formen konturiert, die die Möglichkeiten der Kopplung einschränken und ausweiten können. Das Internet führt zu einer Verschärfung der Diskrepanz zwischen potenzieller und tatsächlich stattfindender Kommunikation insbesondere dadurch, dass die Zugangserleichterung zur Teilnahme an Kommunikation zu einem Verzicht auf die Notwendigkeit räumlicher Integration gesellschaftlicher Operationen führt.

Es gehört gewiss zur wichtigsten Auswirkung des Buchdrucks ein Verständnis von Kommunikation erzeugt zu haben, das perfekt auf den industriellen Produktionsprozess von Schriftdokumenten, später auch von Bilddokumenten angepast ist. Das Buch war die erste industriell angefertige Ware, die unter Bedingungen einer höchst undifferenzierten Ausgangslage im 15. und 16. Jahundert Verbreitung finden konnte. Der Erfolg war so weitreichend, dass die Dokumentform selbst zur Empirieform der modernen Gesellschaft wurde. Der Buchdruck führte dazu, dass man „Aufzeichnen“ und „Kommunizieren“ als Funktionen des Buches nicht unterschieden konnte und dass das Medium „Buch“ an sich schon als Kommunikator gegolten hat, das die Botschaft „Text“ an den Kommunikant anscheinend weiter gab. Die Überreichungsform als Ware wurde zum Ausgangspunkt für eine Theorieform der Kommunikation, die ein Sender-Empfänger-Modell plausibel machen konnte, übrigens empirisch überprüfbar durch Anwendung und Ausweitung dieses Modells nach Installation von Telegrafen, Telefon und – nachdem schließlich auch ein magnetisches Aufzeichnungsverfahren möglich wurde – durch Radio und Fernsehen. Insofern besteht genügend Grund, die Marxschen Analysen der Warenform noch einmal genauer zu betrachten, ist doch in diesen Analysen latent eine Kommunikationtheorie angelegt, die selbst noch keinen Begriff von Kommunikation entwickelt hatte.