Kann die Soziologie das Internet erforschen?

von Kusanowsky

Es wird auch in der Wissenschaft voraussichtlich lange dauern, bis gelernt werden kann, was sich durch das Internet ändern wird, zumal ein solcher Lernprozess von keinem System maßgeblich befördert wird. Die Musikindustrie hat ein Problem mit Filesharern und Internettauschbörsen, der Staat ein Problem mit Datenschutz und Whistleblowern, die Publizistik hat ein Problem mit der Bewahrung ihrer Glaubwürdigkeits- und Garantiestrukturen, nicht zuletzt auch die Wirtschaft, in der sich durch das Internet schöpferische Zerstörungskräfte entfalten, die keine Rücksicht auf etablierte Marktverhältnisse nehmen.

Vorerst bleibt daher für die Wissenschaft keine andere Möglichkeit, als die Erforschung des Internets mit einem Beobachtungsschema vorzunehmen, das der überlieferten Form der Wissenschaft entspricht. Aber all das berechtigt nicht zu der Annahme, dass abweichende Formen der Beobachtung gegenstands- oder aussichtslos wären. Vermutlich wird in der Soziologie und geistverwandten Wissenschaft der „genaue“ Blick anhand klarer Begriffe, die ohnehin niemals gefunden und formuliert werden konnten, ersetzt werden durch den „schrägen“ Blick, um sich von der Kontingenz der eigenen Beobachtung überraschen lassen zu können.

Interessant scheint mir deshalb darauf zu achten, was sich an der Peripherie ereignet, also zu schauen, was in Außenseiterdiskussionen als Problem auftaucht. Da sind zum Beispiel die Diskussionen bei Wikipedia, in denen mit nicht nachlassender Energie um Qualitäts-, Relevanz- und Neutralitätskriterien gestritten wird; Diskussionen, die sich den Ruf eingehandelt haben, WIKI – WIe im KIndergarten abzulaufen, weil man nach trivial-soziologischen Erklärungsmustern meint, es handele sich dabei um die Aushandlung von Machtpositionen und sozialen Distinktionsgewinnen.

Aber möglicherweise ist das nicht nur eine Beobachtung der Geringschätzung, sondern durchaus eine ernstzunehmende Sache. Denn was sich dort entzündet sind anfängliche Versuche minder komplexer Systeme, mit der Dokumentstruktur unter der Voraussetzung ihrer permanenten Simulierbarkeit zurecht zu kommen. Einer trivialen Annahme zufolge wird Wissen in Dokumenten festgehalten und durch Dokumente abrufbar gemacht. Dokumente illusionieren dabei eine Form der Eindeutigkeit und Identität: diese und nicht jene Einheit, Anfang und Ende einer Einheit, Übereinstimmung und Abweichung zwischen Einheiten. Unter der Voraussetzung einer investionsintensiven Distributions- und Verwaltungsorganisation von Dokumenten kann diese Illusion, trotz ihrer immer bekannten Aufdeckung, lange aufrecht erhalten werden, weil die Zugangschancen durch Übernahme von Transaktionskosten geregelt werden. Aber was ist für den Fall, dass die Kostenschwelle so weit sinkt, dass die Verfügung über Dokumente praktisch zum gemeinen Gut wird? Nicht zufällig kommt es dann zu einem Phänomen wie Wikipedia, einem „Mitmach-Projekt“ für alle, ohne vorherige Kontrolle von Kompetenzen und Referenzen. Man könnte freilich Wikipedia interpretieren als triviale Wiederaufnahme der spätestens im 19. Jahundert gescheiterten Enzyklopädie-Idee, doch würde man damit kaum den veränderten Bedingungen gerecht, durch die Wikipedia in Erscheinung tritt.

Ein Beispiel, um das es hier aber vor allem geht, ist die Luhmann-Mailingliste, in der Ähnliches vorkommt. Alle an Soziologie und Systemtheorie interessierten Internet-User können sich dort ohne Anmeldung, Einladung und Kontrolle durch einen Moderator eintragen und an den laufenden Diskussionen teilnehmen. Diese niedrige Partizipationsschwelle könnte der Grund dafür sein, dass sich eine Art „temporäre autonome Zone“ herausbildet welche tendenziell gewohnte Rollenzuschreibungen und Erwartungen unterläuft und auf diese Weise Unsicherheiten und Konflikte erzeugt. So imponierend eine solche soziologische Erklärung auch erscheint, so wenig scheint sie doch dem Phänomen gerecht zu werden, wenn man  – statt wie in der Soziologie üblich – nicht auf Genauigkeit Wert legt, ein Wert, der insbesondere durch die Notwendigkeit determiniert ist, wissenschaftliche Erkenntnisse in Dokumenten festzuhalten und verwaltbar zu machen, sondern speziell auf das „Schräge“, das „Irre“ und „Ungewohnte“ achtet, das von etwas Anderem, etwas Neuem zeugt.

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