Naive Luhmannianer
von Kusanowsky
Alle Kommunikation, die als wissenschaftlich beobachtet werden kann, muss innerhalb des Wissenschaftssystems anschlussfähig sein. Naive Luhmannianer erkennt man daran, dass sie solche Sätze fortwährend wiederholen, nichts weiteres und kaum etwas Abweichendes erarbeiten; und aus der fortwährenden Wiederholung des immergleichen Sachverhaltes ergibt sich die Einsicht, dass es nur so und nicht anders sein könne. Auf diese Weise machen sich Luhmannianer eine neue Ontologie der Welt zurecht. Will man wissen wie Systeme funktionieren, müsse man angeblich bei Luhmann nachlesen.
Im Falle der Wissenschaft hat noch niemand – soweit ich das überschauen kann – auf die Überlegung aufmerksam gemacht, dass sich alle Wissenschaftlichkeit als anschlussfähig unter den Bedingungen der Verwaltungsorganisation der Universitäten erweisen muss. Dass Wissenschaft, sofern sie durch ein Wissenschaftsbeamtentum an eine legitime Staatsgewalt gekoppelt ist, nämlich in der Hauptsache Verwaltungstätigkeit ist, wird zwar gewusst, aber nur selten bemerkt oder für irrelevant gehalten. Diese Verwaltungstätigkeit erstreckt sich nicht allein auf das Geschehen bei Entscheidungsfindungen in Gremien und Zusammenkünften aller Art oder im logistisch-administrativen Vollzug der Verwaltung. Die Verwaltungsfähigkeit muss sich an jeder Stelle im System erweisen, man findet sie überall: eine Bibliothek ist nur dann benutzbar, wenn sie nach Verwaltungsregeln funktioniert; auch Prüfungen sind Rollenspiele, die sich an genauen Durchführungsvorschriften halten müssen, ohne welche sonst sonst nicht festgestellt werden könnte, ob sie durchgeführt wurden oder nicht. Zur Verwaltung gehört überhaupt die Dokumentation von allem; wie sonst könnte Verwaltung funktionieren? Man schaue sich einmal die Gestaltung von Abschlussarbeiten, aber auch wissenschaftliche Aufsätze an, diese vielen Zitierregeln, Gliederungsabschnitte, bis hinein in die Satzstruktur von wissenschaftlichen Texten findet man immer wiederkehrende Routinevorgänge des Formulierens und Gestaltens. Man wird ohne weiteres ein, wenn auch variantenreiches Regelschema von Abfassungsvorschriften finden, die, obgleich nirgendwo eindeutig kodifizert sind, dennoch eingehalten werden müssen, um Vergleichbarkeiten, Ähnlichkeiten, Unterschiede auffindbar zu machen. Diese vielen Selektionsvoränge, die Bewertungen vollziehen (Notengebung, Examensprüfungen, Stellenvergabe, Tagungsorganisation usw.) brauchen notwendig immer wiederauffindbare Muster der Dokumentation, um Bewertungen rechtfertigen zu können. Eine Wissenschaft wie die Soziologie, für welche die Bewährungschancen von Forschungsergebnissen einzig an ihre wissenschaftliche Verwaltbarkeit geknüft sind, entwickelt notwendig ein spezifisches Beobachtungsschema für Gesellschaft. Die Selbstreferenz dieser Art von Wissenschaft kann sie nur in ihrem Forschungsgegenstand fremdrerenziell wieder abrufen, niemals bei selbst, da sie für sich selbst auf der Basis ihrer eigenen Operationen und gemäß ihrer eigenen Paradoxien nicht zugänglich ist. Die Gesellschaft, wenn sie erforschbar ist, müsste sich entsprechend als verwaltungsfähig erweisen. Und nur sofern sie solche Merkmale wieder auffindbar macht, ist sie erforschbar. Alles andere erweist für die Wissenschaft alles irres Zeug, oder fällt bestenfalls gar nicht erst auf.
Was wäre nun für den Fall, wenn sich Soziologen auf so ein irres Zeug einließen? Wenn sie sich also den Dokumentationsschema entziehen, das für die Autopoiesis moderner Wissenschaft unverzichtbar ist? Eben dies konnte man in der Luhmannliste seit vielen Jahren im Kleinformat beobachten; und man konnte beobachten, wie hilflos einerseits und konfliktuell andererseits darauf reagiert wird. Erklärbar wird das, wenn man bemerkt, dass sich Soziologen auf das Listenschreiben nur einlassen können, solange sie das Verfahren lediglich als ein massenmediales Verteilungsverfahren von Schriftdokumenten verstehen; solange man glauben kann, dass sich das Verfahren als verwaltungsfähig erweist, könnte es sich als eine spannende Ergänzung zur üblichen Verwaltungstätigkeit erweisen.
Und was wäre, wenn diese Hoffnungen nur durch einen Irrtum gedeckt werden?
Wunderschöner Tippfehler (oder teuflisch verstecker Gedanke?) in der vorletzten Zeile „veraltungsfähig“ – im universitären Diskurs ist nur „anschlussfähig“, was „archivierbar“ und dokumentfähig ist, sprich veralten kann oder veraltet werden kann. Zu diesen Veraltungsakten gehören Akten, die nach Ordnungsprinzipien miteinander gruppierbar, in Richtungen und Formate einteilbar sind. Verwaltungssystem sind insofern sehr zutreffend Veraltungssysteme.
@postdramatiker: „Verwaltungssystem sind insofern sehr zutreffend Veraltungssysteme“ – Ja, Danke für diesen Hinweis. Hätten wir Übung im Umgang mit Performaten, würde dies gar nicht als Tippfehler auffallen, sondern könnte als Argument betrachtet werden, ungeachtet irgendwelcher Absichten, Meinungen des Autors. Wie dein Argument ja zeigt, reicht es völlig, wenn etwas Weiterführendes passiert. Übrigens, auch interessant in diesem Zusammenhang: mit deinem Argument hinderst du mich praktisch daran, den Tippfehler zu korrigieren. Du zwingst mir damit ein Argument auf, das ich nicht bedacht habe, das ich aber in diesem Fall akzeptieren möchte. Und stelle dir vor, der Text mit Tippfehler plus Kommentar wäre schon tausendmal kopiert und würde unter meiner Adresse woanders im Internet herum geistern – ich müsste mir das Argument gefallen lassen, auch dann, wenn es mir abwegig erscheint.
Insofern hätten wir damit einen kleinen empirischen Vorausblick auf das, was ich Textsimulationen nenne, was Manipulation weder einschließt noch ausschließt – eben das nenne ich „Performate“.
da Googgle gerade wordpress recht schnell (~10min) indiziert, dürfte das schon lange der Realität entsprechen.
Nunja – du könntest den Tippfehler korrigieren und zu einem Lesefehler meinerseits erklären. Was die Beteiligung des Rezipienten am Performat unterstreicht, die allerdings auch im Hinblick auf Dokumente schon heikel war und den Rezipienten eines Dokumentes zum dokumentarischen Blick aufrief. Oder einfach elektronische Lesegeräte einführte.
@siggi @klaus – lesegeräte. alias google.
@postdramatiker: „du könntest den Tippfehler korrigieren und zu einem Lesefehler meinerseits erklären.“ Klar, aber die Frage ist dann, wer ist schneller, wer kommt eher an.
@siggi2 „da Googgle gerade wordpress recht schnell (~10min) indiziert, dürfte das schon lange der Realität entsprechen.“ – technisch ja, aber die Bedingungen für eine kommunikative Interaktivität entstehen erst.
„…Bedingungen für eine kommunikative Interaktivität… “
Müssen unter systemischen Gesichtspunkten daran unbedingt Wetware „Personen“ beteiligt sein? Na?
„Müssen unter systemischen Gesichtspunkten daran unbedingt Wetware „Personen“ beteiligt sein? Na?“ – Natürlich nicht, auch Automaten könnten beteiligt werden. Nur können Automaten genauso wenig wie Personen die kommunikative Interaktivität herstellen.