Der anwesende und abwesende Körper
von Kusanowsky
Die Popularisierung von Druckerzeugnissen aller Art ermöglichte eine Verständigung über Texte oder Bilder, welche die im Raum verteilten Körper der Rezipienten erreichen mussten und wodurch jedes Exemplar als Kopie des selben „Dings“ in Erscheinung trat. Wird diese Situation zum Normalfall aller Kommunikation, so wird der, dieser kommunikativen Situation vorausgehende Normalfall – die gleichzeitige Anwesenheit – zum Sonderfall. Und sofern aus der so bezeichneten interaktiven Situation Theorien abgeleitet werden, die durch Buchdruck wiederum ihre Plausibilität erhalten, so wird einer solchen Interaktionssituation auch dasjenige Beobachtungsschema übergestülpt, das sich aus der Rezeption von Texten ergibt. Auch das mündliche, ja vertrauliche Gespräch unter vier Augen bekommt dokumentarischen Charakter, weil im Prinzip alles, was gesagt wird, den Konsistenzprüfungsroutinen von Aufzeichnungsverfahren unterzogen werden kann. Jedes gesprochene Wort in gegenwärtiger Anwesenheit wird beobachtbar als Ergebnis eines Gedankenproduktes, das für die Kommunikation die Möglichkeit aufwirft, alles Gesprochenes nur als gleichsam symbolische Wiedergabe des Gedachten aufzufassen. Der Körper der Anwesenden, insbesondere ihr Gehirn, wird damit selbst zum Dokument, das auf Wiederholbarkeit hin untersucht werden auch dann, wenn nur in wenigen Fällen eine Übereinkunft darüber erzielt wird, dass exate Wiederholungen stattgefunden haben. Interessanterweise wird trotz der Unwahrscheinlichkeit exkater Wiederholungen und Übereinstimmungen die Glaubwürdigkeit im Gespräch zwischen Menschen gar nicht vermindert, sondern verstärkt. Das ist ein Grund dafür, sich intensiver mit einer Kommunikationstheorie der Interaktion zu befassen.
Im digitalen Medium aber löst sich nun der Körper der Beteiligten genauso auf wie jeder sonst nur vorstellbare materielle Raum der Kommunikation. Der Körper verschwindet hinter seiner zeichenhaften Repräsentation. Ähnlich wie das digitale Bild nichts anderes mehr dokumentiert als sich selbst, so fehlen auch der digitalen Schrift jegliche Spuren, die auf die Körper ihrer Benutzer verweisen. Um den Unterschied deutlich zu machen: Bei der handschriftlichen Produktion von Text ist der Körper als schreibender Körper im Dokument erkennbar; er hinterlässt eine Spur, die vom Leser als Habitualisierung der Interpretation zugänglich gemacht werden kann. Die digitale Schrift hingegen blendet den Körper sowohl als sozial positionierende und gewichtende Kraft als auch als dramaturgische Ressource komplett aus.
Für die Beurteilung der kommunikativen Situation hat das entscheidende Konsequenzen, da der Unterschied zwischen Anwesenheit und Abwesenheit, der bei Niklas Luhmann noch als Ordnungsfaktor für Interaktionssysteme verstanden wurde, verschoben wird, da man nicht länger die Formel uneingeschränkt übernehmen kann, die besagt, Interaktion sei Kommunikation unter Anwesenden.
Sobald man mit dem Internet verbunden ist, ist man in der Liste eines Orwellschen Beobachters eingetragen, der damit einen indifferenten Überblick über alle kommunikativ erreichbaren Nutzer hat. Dies bedeutet zwar noch nicht Anwesenheit, aber in der Verschränkung von virtuellem Kommunikationsraum und tatsächlichem Produktionsraum kann der Unterschied von Anwesenheit und Abwesenheit unmöglich einen Direktionswert für Anschlussoperationen sein, da keine eindeutig Beobachtung darüber möglich ist, ob mögliche Kommunikationspartner unaufmerksam, ablehnend, technisch abgeschnitten oder einfach nur vom Computer entfernt sind. Während in Interaktionssystemen physisch kopräsente Beobachter ihre gegenseitige Anwesenheit als Form kontrollieren können, fehlt bei virtueller Kommunikation eine klar unterscheidbare Außenseite. Das gilt auch für den Fall von Videokonferenzen. Der beobachtbare virtuelle Raum für Anschlussmöglichkeiten ist in beiden Richtungen hin unbestimmt. Er kann gerade die Beobachter nicht enthalten, an die man sich richtete, dafür aber eine unbestimmte Menge an nicht adressierten Beobachtern, nämlich die unbeobachteten Beobachter der Kommunikation, die dem Vollzug des Systems entweder unentdeckt beiwohnen oder zu einem späteren Zeitpunkt entsprechende Protokolleinträge zur Kenntnis nehmen.
Aber die Frage von Anwesenheit und Abwesenheit stellt sich sehr viel grundsätzlicher, wenn man das Beobachtungsschema beobachtet, durch das eine „Kommunikation unter Anwesenden“ in eine Theorie Eingang finden konnte, die sich allein durch Buchdruck plausibilisieren konnte. Was wäre über die Gewissheit von Anwesenheit und Abwesenheit zu sagen, wenn ein entsprechender Unterschied allein über Techniken der Simulierbarkeit in ein Beobachungsschema der Performativität überführt wird? Die These lautet, dass Interaktion in einem virtuellen Raum durch eine Differenz von entschwindenden und verbleibenden Beobachtern stabilisert wird.

„Verehrte An und Abwesende“ so Einstein im Auftakt seiner „berühmten“ Rede zum Rundfunk 1930 http://www.youtube.com/watch?v=CuoN8ss2DYg
Vielen Dank für diesen Beitrag! Dieser Beitrag zeigt als Beispiel sehr deutlich, worin die Irritationen bei Einführung des Rundfunks bestanden. Ähnlich wie bei Einführung des Fernsehens hatte man zunächst keine Möglichkeit der dokumentierenden Aufzeichnung. Die ganze Situation war durch eine erhebliche Unvollständigkeit des Informiertseins bestimmt. Insbesondere die Sprecher wussten nicht, ob auf der anderen Seite irgend jemand erreichbar war. Dies zeigt sich noch in dieser Rede von Einstein. Zur Überbrückung der Verlegenheit werden die An- und Abwesenden begrüßt, weil in dem Fall, dass Abwesende nicht erreichbar sind, immernoch ein Adressat benennbar und bemerkbar ist.
Die ersten Rundfunk- und Fernsehveranstaltungen waren in diesem Sinne Performate, die durch magnetische Aufzeichnungsverfahren zurück gedrängt werden konnten. Der Unterschied zu anderen Aufführungsveranstaltungen – wie etwa Theater oder Zirkus – ist, dass der Unterschied von Anwesenheit und Abwesenheit im live-Geschehen mitreflektiert wird. Für die neure Entwicklung des real-time-Internets verschiebt sich dieser Unterschied auf eine Differenz von Entschwinden und Verbleiben.
Vielleicht wollte Einstein einfach nur einen Witz machen?
[…] alles, was dokumentierbar ist durch fortlaufende Adressierung simulierbar, indem eine Differenz von erreichbar und unerreichbar in einen selektives Gedächtnis kopiert wird, das die strukturelle Koppelung auf Dauer stellt und […]
[…] ohne sich auf die Eindeutigkeit von An- und Abwesenheit verlassen zu müssen. (Siehe dazu: „Interaktion als Kommunikation zwischen absentierenden Beobachtern„). Insbesondere dann, wenn man über das „real-time-internet“ nachdenkt, wird man […]
[…] unterzogen werden kann. Der Körper der Anwesenden wird damit selbst zum Dokument. (Weiter mit: Die Abwesenheit des Körpers oder: Interaktion als Kommunikation zwischen absentierenden Beobachtern)So wundert es dann auch nicht, dass Soziologen Habitusforschung bertreiben können, weil sich in […]
[…] einen Kontingenzspielraum von Anwesenheit und Abwesenheit insbesondere auch dann, wenn Computer als Anschlussstellen einer Mehrfachnutzung unterliegen, zu deren Feststellung wiederrum keine eindeutigen Routinen der Identitäsauffindung hergestellt werden können. (Im Falle Niggemeier: welcher Troll war zu welchem Zeitpunkt am Computer von KND anwesend oder nicht?) Empirisch hat man es dann nur mit absentierenden Beobachtern zu tun, die für fortgesetzte Irritationen über An- und Abwesenheit keine lokale Identität in Anspruch nehmen müssen. (Weiterführend: „Interaktion als Kommunikation zwischen absentierenden Beobachtern„) […]
ein kurzer hinweis vielleicht noch zum text: um die nicht-beobachtbare beobachtung anderer möglicher beteiligter im interaktionssystem doch wieder zumindest zum teil beobachtbar zu machen, wird häufig ein (vielleicht auch nur softwareseitiges) angebot gemacht, die beobachtung zu dokumentieren (like, „gesehen am“, teilen, etc.)
liebe grüße,
UNL