Überlegungen zur Dämonie digitaler Medienpraxis II

von Kusanowsky

Ein Kennzeichen aller Verbreitungsmedien, gleichviel zunächst ob Sprache, Schrift oder Dokument, besteht in der intelligiblen Beherrschung dämonischer Gewalt. Gemeint ist damit nicht etwa der Einbruch irgendeiner mythischen Urgewalt, sondern vielmehr erscheint dämonische Gewalt im Unterschied zu legitimer Gewalt. Letztere erhärtet sich durch ein Verweisungsnetzwerk von Referenzen auf Referenzen, erstere entsteht parasitär aus den durch legitime Gewalt erzeugten Schwachstellen, die mittels der eingespielten sozialen Programme nicht oder nur sehr schwer unter die Kontrolle eben jener Programme gestellt werden können, die durch Verstärkungsleistungen zur Steigerung von Selbstreflexivität diese Schwachstellen gleichsam latent erzeugen und fortschreiben: Durch Übertreibung erweisen sich die Verhältnisse als unhaltbar.

Die intelligible Leistung von Verbreitungsmedien besteht in der kybernetischen Regulierung eines Verhältnisses von Verbreitung und Verhaltenskontrolle. Die Eskalation der Medialisierung der Kommunikation geschieht historisch über Interaktionsysteme, die zunächst nur Sprache gebrauchen und schien bisher mit der Massenkommunikation zu enden. Im Fall von Interaktionssystemen sind die Beobachter bei minimaler Medialität der Kommunikation auf die Anwesenden bezogen, etwa durch den Einsatz von Mimik, aber auch bei einigen prosodischen Elementen sprachlicher Kommunikation. Während die Verbreitung minimal ist, ist die Kontrolle egos über das Verhalten alters maximal. Im Falle der Massenmedien hingegen gibt es kaum mehr irgendeine Möglichkeit, das Verhalten alters zu kontrollieren oder zielgerichtet zu manipulieren, da der Durchgriff auf Personen nicht gelingen kann.

Wie könnte man nun die Herstellung von Anschlussfähigkeit über Simulationen erklären, wenn durch Simulation Manipulation weder ein- noch ausgeschlossen ist? Wie stellen Simulationen die Irritation über wiederauffindbare Sinngehalte sicher? Wie erzeugen Simulationen eine für die Aufrechterhaltung der Kommunikation unverzichtbare Rekursivität? Man könnte vermuten, dies geschieht durch eine Selektivität in der All-Gegenwart. Dabei handelt es sich um eine Ubiquitas, die jenseits vom Selektionskriterium „Neuheit“ gilt, weil es innerhalb von aufeinander bezogenen Simulationen keinen kausal-zeitlichen Ablauf mehr gibt. Für diese Art der Selektivität haben andere Ereignisse den Charakter von Information. Was in dieser Hinsicht als Information anfällt, ist für Dokumentationen keine Information mehr, weil die Dokumenstruktur kein Möglichkeit impliziert, auf Gleichzeitigkeit zu reagieren. Auch besteht das selektive Charakteristikum von Simulationen nicht darin darin, dass sie noch schneller sind als der Ausstoß von Dokumenten durch Massenmedien, sondern darin, dass die Möglichkeiten der Skandalisierbarkeit von Manipulation wegfällt, und zwar deshalb, weil andersherum alle Information prinzipiell als Manipulation zustande kommt.

Am Beispiel Wikipedia zeigt sich das sehr deutlich. Man besteht auf Relevanzkriterien, deren Relvanz sich aus Dokumenten ergibt, aus denen auch hervorgeht, dass andere Relevanzkriterien in Frage kommen könnten. Solche Schleifen erzeugen die Relevanz von Relevanz. Außerdem besteht man auf Neutralität, da die Relevanz von Dokumenten auf ihre Kontingenz verweist und damit darauf, dass man alles ja auch ganz anders betrachten kann. Der Versuch, Neutralität zu erzeugen ist etwa der Versuch, referenzlos alle Dokumentreferenz zu beschreiben, was aber ständig an der Kontingenz derselben Referenzialität scheitern muss. Aus diesem Grund liegt es nahe, die Dokumentation von Wissen aufzugeben und mit der Simulation von Wissen anzufangen, wenn man bemerkt, dass die virulenten Streitigkeiten durch fortdauerndes referenzieren auf zugrunde liegende Unterscheidungen keinen anderen Ausweg zulassen. Die dämonische Gewalt wird auf diese Weise rücksichtlos gegen ihre eigene Rücksichtslosigkeit in die Legitimität gezwungen.

 

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