Simulation und Manipulation

von Kusanowsky

Die Überlegungen von Paul Virilio über Geschwindigkeit als epistemologisches Paradigma enthalten, wenn man sie auf ihre Kontingenz prüft, höchst relevante Anknüpfungspunkte für ein Nachdenken darüber, wie die Zerrüttung des dokumentarischen Beobachtungsschemas in die Ausgestaltung von Performaten, die statt Manipulation Simulation zum Problem haben, geschieht. Die zwei wichtigsten Punkte sind Geschwindigkeit als „kinematische Energie“ der digitalen Bilder und die Zerlegung des Raumes in eine Chorologie gleichzeitiger Beobachtungsverhältnisse. Die kinematische Energie ist diejenige, die aus der Wirkung der Bewegung und ihrer mehr oder weniger großen Schnelligkeit auf die optischen und opto-elektronischen Beobachtungsverfahren resultiert und sich auf die Wahrnehmung in der Weise auswirkt, dass der geographische Raum durch die absolute Geschwindigkeit der Informationsübertragung in seiner dokumentarisch einfassbaren Dimensionalität zerfällt und in letzter Konsequenz auf Zeit reduziert wird. In der Folge hat man es dann mit einer Bewegungslosigkeit zu tun, die als Kennzeichen dieser Veränderung auffällt. Diese Art der Bewegungslosigkeit zeigt sich in der Simulation des Raumes durch die omnipräsenten, in Echtzeit übertragenen Bilder, die nur noch eine verminderte Mobilität erfordern und der Beobachtung eine Mobilitätssimulation zur Verfügung stellen. Die polare Bewegungslosigkeit beginnt durch die Entfaltung einer Mobilitätsparadoxie.

Real ist was simulierbar ist. Bild: Wikipedia

Real ist was simulierbar ist. Bild: Wikipedia

Mit der Raumsimulation der digitalen Bilder einher geht die absolute Transparenz der durch Licht erzeugten Bildwelt, deren Oberflächengestalt die Wahrnehmung entscheidend verändert. Ein Beobachter muss seine Konstruktion von Wirklichkeit diesen dauerfluktuierenden Erscheinungsformen der Realität ständig anpassen. Damit erhält jede Fläche, von welcher Größe und welchem Umfang auch immer ihre dokumentarische Existenz nur noch im Interface einer Wahrnehmung, die nicht mehr das sichtbare Ergebnis allein des direkten Lichts der Sonne oder der Elektrizität ist, sondern nunmehr das des indirekten Lichts des radio-elektrischen Feldes eines Hertzschen Netzes oder eines Kabels mit optischer Faser. Damit verschwindet für einen Beobachter die Irritation über Wahrnehmungstäuschungen, weil durch die Simulation die optische Illusionen zur epistemologischen Grunderfahrung wird. Virilio spricht in diesem Zusammenhang von einer „Ästhetik des Verschwindens“, die mehrere Dimensionen hat, vor allem aber das Verschwinden des Raums und damit des Ortes der Begegnung, und deren Endpunkt das Aufgehen des dokumentarischen Lebensumfeldes in der Simulation sein wird. Doch nicht nur das Raumempfinden, auch die Zeitwahrnehmung wird durch den Primat der Lichtgeschwindigkeit affiziert.

Die elektromagnetischen Wellen ermöglichen eine Vermittlung von Informationen in Echtzeit; dadurch wird die lineare Zeit von einer globalen, sphärischen Zeit aufgesogen; die Ewigkeit der Gegenwart scheint dann eine naheliegende Konsequenz. Die extensive Zeit der Geschichte geht über in eine intensive Zeit einer geschichtslosen Augenblicklichkeit aller Operativität.

 

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