Zur Trivialität der Subjekt-Objekt-Unterscheidung

von Kusanowsky

Erfolgreiche Formbildungen erkennt man nicht nur an ihrem häufigen Gebrauch, sondern auch daran, dass man im Verhältnis zur Häufigkeit ihres Gebrauchs nicht die selbe Häufigkeit ihrer Haltbarkeitsprüfung findet. Daraus ergibt sich ein semantischer Abschleifungsprozess: aus der Häufigkeit einer Form ergibt sich eine verstärkte Plausibilität, die dadurch fraglich wird, dass sie in verschiedenen Kontexten ungeprüft Eingang findet und ob ihrer inflationären Verbreitung an die Grenzen einer beliebigen Verwendbarkeit stößt. Spätestens, wenn man den Eindruck gewinnt, dass das singuläre Original der massenhaften Nachahmung immer ähnlicher wird, scheint sich wieder das Nachdenken darüber zu lohnen, was mit dem, wovon alle Gebrauch machen, eigentlich noch gemeint sein kann.

Im Falle der Subjekt-Objekt-Unterscheidung wird man diese Beobachtung machen können.

Das Internet stellt ein ideales Medium der vergleichenden Kontextanalyse dar. Durch das Surfen kann man sehr schnell sehr verschiedene Kontexte aufrufen; und es wäre interessant, ob man Programme schreiben könnte, mit denen man die Auswertung der Inhalte per Softwareunterstützung beschleunigen könnte. Aber eine auch schon weniger gründliche Analyse macht deutlich, wie wenig Klarheit man gewinnt, wenn man danach fragt, was unter „Subjekt“, „Subjektivität“ und „subjektiv“ noch einigermaßen kohärent in Erscheinung tritt. Da man mit einer philologischen Methode diese Komplexität nicht mehr kritisch analysieren kann, muss es reichen, es bei einer Betrachtung von Kontingenz zu belassen.

  • die subjektive Meinung könnte in verschiedenen Kontexten soviel heißen wie: die persönliche, individuelle, willkürliche, ungeprüfte, nicht nachprüfbare, eigenwillige, komplexitätsreduzierte, indifferente, unmaßgebliche, kontextvernachlässigende, gefühlsmäßig Beurteilung eines Sachverhaltes.
  • Subjektivität: Individualität, Authentizität, Eigenwilligkeit, Singularität, Relativität, Inkongruenz, Beliebigkeit, Intransparenz, Inkonsistenz, Emotionalität, Nichtvergleichbarkeit, Irrelevanz, Parteilichkeit eines Beurteilungsstandpunktes.
  • für das Adjektiv „subjektiv“ müsste man dann entsprechende Zuordnungen vornehmen.

Das gleiche gilt auch für die andere Seite der Unterscheidung:

  • Objektivität könnte soviel heißen wie: Allgemeingültigkeit, Eindeutigkeit, Überprüfbarkeit, Unbezweifelbarkeit, Wahrheit, höhere Priorität, Unparteilichkeit, Neutralität, Evidenz usw.

Ferner kann man beobachten, dass Subjektivität wie Objektivität von alter und ego als Vorwurf, Recht oder Entschuldigung je nach Interaktionszusammenhang verwendet werden, um entweder eine übergeordnete Urteilsposition zu behaupten, zu rechtfertigen, zu wünschen oder um all das zu negieren.
Diese semantischen Abschleifungen haben außerdem zur Folge, dass für einen Beobachter, dem diese Abschleifungen gar nicht auffallen, der Eindruck einer kontextunabhängigen Bedeutung entsteht, deren Evidenz gleichsam „selbstaufdringlich“ erscheint. Man könnte also glauben, dass gerade die inflationäre Kontextdifferenzierung beweist, dass in allen Fällen das selbe gemeint sei, was andersherum zur Abschneidung von Kontingenz führt mit dem Ergebnis, dass man das, was man versteht, gleichsam selbstverständlich versteht und dann nicht mehr darüber nachdenken kann, dass alles ja auch anders gemeint sein könnte; ein Eindruck, der als Ergebnis der Kontingenz aller Meinungen entsteht.
Diese Beobachtungen betreffen nicht nur das, was neuerdings mit dem Wort einer Amateurkultur umschrieben wird. Auch diejenigen, die sich noch zutrauen möchten, hierarische Unterschiede der Reflexivität stratifizieren zu können, sei es – wie man es früher tat – zwischen Elitär- und Massenkultur, zwischen bürgerlicher und Volkskultur unterscheiden zu können, oder sei es, sich in engere Zitationszirkel zurückzuziehen, um unter sich bleiben zu können, übergeben ihre Dokumente dem Internet und setzen auf diese Weise ihre Elaborate der Beobachtung einer allgemeinen Trivialität aus.

Das Internet ist eine großartige Trivialisierungsmaschine, die alles Experten- um Amateuerwissen gleichermaßen überformt. Dies lediglich beklagen zu wollen hieße, auf einen ordinären Standpukt zu beharren, der das auschließen will, was durch diese Beharrlichkeit ständig eingeschlossen wird, nämlich: ein Recht auf Trivialität in Anspruch zunehmen, das schon lange keiner mehr streitig machen will.

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