„Mensch-ärgere-dich-nicht“ Psychosomatik oder Effekte struktureller Koppelung? 1/5

von Kusanowsky

Bei der Lektüre systemtheoretischer Literatur kann man den Eindruck gewinnen, dass die Systemtheorie bei der Analyse von Interaktionssystemen nicht sehr viel zu bieten hat, von Ausnahmen abgesehen. Das hat erstens damit zu tun, dass zwar Beiträge zu einer Theorie der Interaktion geliefert, aber noch keine übersichtliche Theorie der Interaktion formuliert wurden. Ein zweiter Grund scheint darin zu liegen, dass man sich insbesondere für die Ebenen Gesellschaft und Organisation interessiert und dabei vor allem für den freilich sofort ins Auge springenden Aspekt der Semantik. Interaktion interessiert dann insofern, als sich in ihr symptomatisch fungierende Strukturen dieser Ebenen zeigen, wie man dies etwa an Codes oder Programmen und an Semantik über Interaktion erschließbare Formen der primären sozialen Differenzierung und dergleichen mehr ablesen kann. Tatsächlich aber ist das Vorhaben einer Interaktionstheorie damit nicht erledigt, insbesondere dann nicht, wenn man bemerkt, was woanders als Lücke zurück bleibt.

Bei wissenschaftlichen Forschungen über das Zusammenwirken von psychischen, sozialen und biologischen Faktoren handelt es sich um einen Fragenkomplex, der in der philosophischen Tradition mit dem sogenannten „Leib-Seele“ bezeichnet wurde. Die Kontroversen zwischen „Psychikern“ und „Somatikern“ haben bis heute keine weiterführenden Ergebnisse erzielt. Behaupten die einen eine qualitative Eigenständigkeit der geistigen Sphäre, so beharren die anderen auf einen Reduktionismus, der alle Geistigkeit auf neuronale Aktivität  zurückzuführen gedenkt. Die moderne Hinforschung postuliert aber nicht nur ein neuronales Substrat für alle Vorgänge des Fühlens und Denkens, überhaupt schein ihr alles „Geistige“ selbst nur als neuronale Funktion in Erscheinung zu treten, womit zugleich geistige Wirkungen auf organische Zusammenhänge gar nicht vorkommen können. Andersherum fordern sogenannte „Psychiker“ die Anerkenntnis „geistiger“ Zusammenhänge. Wenn sie auch nicht leugen, dass damit immer auch neuronale Funktionen verbunden sind, so bestehen sie doch auf eine Sphäre, deren Realität durch nichts anderes bezeugt werden kann als durch die variantenreiche Wiederholung derselben Behauptungen. Aber über die Bedingungen der Möglichkeit von „Geistigkeit“ kann damit nicht viel gesagt werden, es sei denn man zieht sich zurück auf eine transzendentalphilosopische Tradition des Argumentierens, die aber auch die veränderten Bedingungen ihrer Akzeptabilität kaum noch überschauen kann.

Man könnte daher auf den Verdacht kommen, dass es sich bei diesen unlösbaren Streitfragen Unterscheidungsroutinen handelt, also um sozial konditionierte Programme, deren Formen das auschließen, was durch diese Formen selbst eingeschlossen wird. Das heißt: die konträren Positionen können eigentlich nicht sagen, worüber sie reden, solange sie nicht sagen können, wie und wodurch Gegenstand ihrer Theorien und Theorien ihres Gegenstandes überhaupt in Erscheinung treten. Das bringt uns auf den Gedanken, dass man systemtheoretisch mit diesem Problemfall besser zurecht kommt, wenn man annimmt, dass organische, psychische und soziale Systeme, die sich gegenseitig zur Umwelt haben, durch strukturelle Koppelung sich gegenseitig irritieren. Zu erklären wäre außerdem, wie durch auszubildende Irritationsroutinen diese Koppelungen strukturerwartend wirken und damit für die Systeme zugleich Anlässe für Blockierungen und Entblockierungen von Systemfunktionen liefern.

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