Differentia

Double-Bind-Anweisungen

Der sogenannten double-bind-Theorie zufolge entstehen psychische Krankheiten für Menschen durch eine doppelte Anweisungsausführung, deren Widersprüchlichkeiten die Beteiligten in nicht kontrollierbare Blockaden führen können. Aber auch in weniger prekären sozialen Kontexten sind double-bind-Anweisungen auffällig. Dabei kann es sich um wenig alltagstaugliche Anweisungen wie  „Beachte mich nicht!“ oder „Nimm niemals Ratschläge entgegen!“ handeln. Bei einer sogenannten double-bind-Anweisung handelt es sich um eine paradoxe Aufforderung, die das verhindert, was sie zugleich verlangt. In kommunikationstheoretischer Hinsicht spielen solche double-bind-Verstrickungen eine wichtige Rolle, weil sie einen darin verwickelten Beobachter zu Entparadoxierungsmaßnahmen zwingen, die mit einem enormen Risiko des Gelingens oder Scheiterns verbunden sind und damit Ansprüche an Kontrollierbarkeit stellen.

Mit der eigenmächtigen Löschung des Weblogs von mspr0 durch die FAZ-Redaktion ist eine Situation eingetreten, die deutlich macht, in welche Falle man treten kann, wenn man mit großer Selbstgewissheit Ansprüche an normative Gestaltbarkeit prinzipiell offener Systeme stellt. So etwas wie „Kontrollverlust“ als eine wie auch immer innovativ gemeinte Idee der Problembehandlung in die Welt hinaus zu posaunen, fällt erstens genauso leicht, wie es dann zweitens schwer fällt, sich für die daraus resultierenden Folgen vor sich selbst und vor anderen zu rechtfertigen. In diesem Fall passierte es, dass die FAZ als Blogowner ganz eigenmächtig genau das tat, wogegen der Blogschreiber seiner Selbstauskunft nach (Kontrollverlust!) eigentlich gar nichts einzuwenden hätte, wenn es ihn denn nicht selbst beträfe, indem man etwa dem Blogautor die Kontrolle über die Bloggestaltung entzieht.

Allgemein gibt es zwei Auswege aus solchen Verstrickungen. Der eine ist repressiv und müsste sich in diesem Fall auf Selbstrepression beschränken: Man unterdrückt die eigenen Widersprüche und läßt nur die eine der einander widersprechenden Instruktionen zu und verbietet die andere. So könnte man „Kontrollverlust“ als inverse Intention der Selbstbestimmung apostrophieren und jede Zuwiderhandlung als Affront zurück weisen. Ein zweiter Ausweg besteht in einem produktiven Gebrauch solcher Argumentationsengpässe. Man könnte Paradoxien fruchtbar zu machen versuchen, indem man eine komplexere Repräsentation der Welt erzeugt, welche die derart entstehende Unlösbarkeit in Komplexität ausdifferenziert. Solange man aber nicht in der Lage ist, paradoxen Situationen zu entkommen, paralysieren Paradoxien den Beobachter und führen entweder zu einem Zusammenbruch der Konstruktion seiner Welt oder zu einem Wachstum an Komplexität in der Repräsentation seiner Welt. Letzteres kann aber nur unter Steigerung der Systemkontrolle erkauft werden, weil anders eine strukturelle Integrität nicht gewährleistet werden kann. Mit verstärkter Kontrolle ist dann aber auch eine Reflexivitätssteigerung verbunden. Womöglich scheint diese Variante, gerade weil sie anspruchsvoller ist, in diesem Fall weniger opportun sein. So bleibt dem Trivialsubjekt nur der Weg in die Selbstrepression, welche alle Selbstbeobachtung nahezu vollständig blockiert und erkennen lässt: „die Welt da draußen ist irre, nicht ich.“

Realität, Interesse, Manipulation – Die „Welt der schönen Bilder“ ist durchschaut?

Die These, dass in einer funktional differenzierten Gesellschaft ein postfaustisches Trivialsubjekt durch einen Beobachter abgelöst wird, dem es gelingt, diese Trivialform zu enttrivialisieren, lässt sich mannigfach belegen und erläutern.

Hier habe ich einen Blog-Artikel gefunden, der zeigt, wie hartnäckig dieser Ablöseprozess ignoriert wird, und wie dennoch besagtes Subjekt eben solche Trivialformen des Beobachtens benutzt, durch die es seine Konstitution als angeblich souveräne, kritische und authentische Urteilsinstanz unterläuft, ohne zu bemerken, auf welches diabolische Spiel man sich damit einläßt. In diesem Artikel geht es um ein altbekanntes Schema der paranoischen Durchschauung von Interessenslagen, Realitätsgewissheiten und Manipulationsstrategien, die angeblich genauso souverän verstanden und angewendet wie durchschaut und zurück gewiesen werden können. Und dies gelingt durch Benutzung eines Verfahrens, das genau diese Differenzen erzeugt, die als Beobachtungsdefizit skandalisiert werden: Politiker, herrschende Kräfte, so könnte man den Artikel zusammenfassen, setzen ihre Interessen gegen den Willen anderer souverän durch und verbreiten mittels manipulierter Bilder eine affirmative Verschleierung ihrer wahren Absichten. Durch ein gleichsam „magisches Geschehen“ wird die Bevölkerung in einen korrupten Sumpf aus schönem Schein, aus Lug und Trug hineingezogen, indem falsche Vorbilder Lebensprobleme erzeugen und Therapiebedarf steigern; und nach dem all das ob seiner Unhaltbarkeit von den Beteiligten bemerkt wird, fängt dieser Prozess wieder von vorne an. Wörtlich heisst es: „Dann schmeißen wir viele Berichte und Bilder in den Mülleimer und bekommen neue. Wir müssen nur sehr wendig und flexibel sein im Kopf. Nicht dass uns noch ein krankhafter Schwindel erfaßt und wir zum Arzt müssen!“

Stapelweise Romanliteratur in einem Buchladen, Foto: Wikipedia

Bezug genommen wird dabei auf den Roman von Simone de Beauvoir „Welt der schönen Bilder“ aus dem Jahre 1965, in dem ein solches Geschehen erzählerisch analysiert wird. Interessant ist zu beobachten, wie hier das skandalisierte Defizit, nämlich Verlogenheit und Verlust von menschlicher Authentizität, durch Textkritik entsteht, die in Form von Dokumenten, hier Romanliteratur, Bilder, Filme, Quellen verschiedener Art wiederrum in Dokumente überführt wird, die das selbe Beobachungsdefizit durch ein re-entry reproduzieren in sozialen Verhältnissen einschreiben und abrufbar machen. Die Konstitution einer angeblich durchschaubaren imaginären Realität erzeugt in ihrem Vollzug jene Realität, deren Durchschaubarkeit auf einer zweiten Seite der Realität, als Realität der Fiktion die Fiktion so beobachtbarer Realität als Skandalon erscheinen lässt. Man findet real wieder was eine fiktive Bearbeitung die beobachtbare und skandalisierbare Realität überformt hat. Das Triviale daran ist, dass das Subjekt in Laufe seiner Simplifizierung die erfolgreiche Strategie der Herstellung von Fiktionen zur Ermittlung von Kontingenz möglicher Realitätsvergewisserung in Nichtkontingenz umändert. Alternative Verstehensweisen – dafür werden Fiktionen gebraucht – werden in alternativlose Erklärungmuster umgewandelt; und erscheinen folglich – wen könnte das wundern – als Zumtung und Fehlleistung.

Der Selbstmanipulationsprozess verbleibt für das Subjekt undurchschaubar, weil es sich lediglich fremdreferenziell, also in einem „falschen Leben“ wieder findet.

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