Kann man den Willen des Gehirns manipulieren?
von Kusanowsky

Die Trivialisierung des Beobachtungsschemas, das sich aus der Beurteilung massenmedial verbreiteter Dokumente ergibt, macht es eigentlich unmöglich, Kuriositäten merkwürdig zu finden. Man könnte doch annehmen, dass eine Form der Beschreibung sozialer Sachverhalte, die Polykontextualität in Rechnung stellt, laufend Irritationen über die Verschiedenartigkeit entsprechender Differenzen in entsprechenden Kontexten generiert. Das Gegenteil ist der Fall. In dem Augenblick, in dem man erwartet, sich über fast alles wundern zu können, findet man kaum noch etwas, das noch bemerkenswert wäre.
Das gilt ganz besonders für diesen Blogartikel einer Karriereberatung, in welchem ernsthaft darüber spekuliert wird, ob der Glaube an den „Freien Willen“ die Arbeitsproduktivität steigern könnte. Mit Verweis auf entsprechende amerikanische Studien, die so etwas untersuchten, wird mittels eines trivialskeptischen Einwands die methodische Kontrollierbarkeit solcher empirischen Untersuchungen mit dem rhetorischen Kniff der Relativierung in Frage gestellt. Man könne trefflich darüber streiten, heißt es in dem Artikel, ob man die Ergebnisse solcher Studien als seriöse philosophische Betrachtungen anerkennen wolle oder ob es sich lediglich um „geschickte Manipulation“ handelte.
Wenig unkurios sind solche Statements ja gerade hinsichtlich ihrer fremdreferenziellen Vergleichbarkeit, die alle Selbstreferenz verschleiert. Welches Problem hätte denn ein freier Wille mit Manipulationsversuchen? Vielleicht das selbe wie ein unfreier Wille? Der freie Wille bemerkt Manipulation, aber verhält sich, weil für ihn durchschaubar, notwendig indifferent. Der andere bemerkt sie nicht und verhält sich genauso indifferent, weil für ihn prinzipiell ohnehin undurchschaubar.
Ob das alles davon abhängig ist, was man glauben möchte?
Mit Verlaub, auf mich wirkt der Versuch, einfache Sachverhalte und Argumentationen durch das Spicken mit Fremdwörtern und kompliziert verschachtelten Sätzen aufzublähen, um ihnen einen intellektuelleren Anstrich zu geben, eher hilflos und profilneurotisch. Aber das ist natürlich nur mein subjektiver Eindruck.
Dennoch muss ich widersprechen: Der freie Wille schützt vor Manipulation keineswegs. Der freie Wille äußert sich durch die Option (vermeintlich) frei entscheiden zu können. Das heißt aber nicht, dass diese Entscheidung nicht beeinflussbar wäre. Sei es durch Priming, Framing oder andere Techniken (übrigens allesamt in der Psychologie bekannt und nachgewiesen), lassen sich Kunden gezielt und erfolgreich zum Kauf animieren.
Daraus ergeben sich zwei Schlussfolgerungen: a) der freie Wille ist in Gänze eine Illusion oder b) er existiert (was wahrscheinlicher ist, sympathischer sowieso), lässt sich aber manipulieren. Insofern ist es nicht zwingend, dass der freie Wille die Manipulation bemerkt.
Ein pragmatisches Beispiel zum Schluss: Bei jeder Verführung (insb. der in der Liebe) ist das Ziel, dass die Manipulation nicht entdeckt wird – und doch bleibt jedem die Option darauf einzugehen oder nicht. Selbst dann noch, wenn die Absicht längst entdeckt wurde. Auch hier: Nicht immer verhält sich der freie Wille notwendigerweise indifferent.
Die Zurückweisung von Argumenten durch Hinweise auf Geringschätzung von Wortwahl und Sprachhabitus sind ein geläufiges und triviales Mittel, sein eigenes Recht auf Partizipation geltend zu machen, und dies, obwohl dieses Recht nirgendwo weder bestritten wird noch beschnitten werden könnte. Es handelt sich bei solchen Einwänden also weniger um Argumentation als um die Pflege von Idiosynkrasie. Man zeigt sich empfindlich und meint, ein Recht darauf geltend zu machen, habe irgendetwas an sich, das der Sache nach ernstzunehmen wäre. Trivial ausgedrückt: Nur weil jemand anders schlauer schreiben kann, lass ich mich nicht verdächtigen, dümmer zu sein. Beides, Vorwurf und Verdacht, sind Ergebnis selbstreferenzieller Beobachtung. Sie verweist auf Selbstvorwurf und Selbstverdächtigung.
In Kontext dieses Blogs wird davon ausgegangen, dass die moderne Gesellschaft viele verschiedene Kontexte des Verstehens zulässt. Relevant sind solche Überlegungen deshalb, da man immer wieder bemerken kann, dass die selben Worte, Begriffe, Definitionen in verschiedenen Kontexten auftauchen und dort je spezifisch nach Maßgabe funktionaler Anforderungen differenziert werden. Eine übergeordnete autoritative Ebene es richtigen, verständigen oder vernünftigen Begreifens ist nirgendwo zu finden. Das gilt insbesondere auch für das, was man unter Willensfreiheit, Illusion und Manipulation verstehen kann; in allen Fällen: nichts Einheitliches, sondern Differentes. Daraus ergibt sich nicht die Frage, wer Recht, wenn freier Wille, Illusion oder Manipulation behauptet, begründet oder widerlegt werden, sondern die Frage, durch welche Formen sich die daraus ergebenden Verwirrungen beobachten lassen. Dass solche Überlegungen nicht immer zur Zufriedenheit aller Beteiligten sind, liegt in der Natur der Sache.
Es mag der Eindruck entstanden sein, dass hier Trivialsierungsprozesse „angeprangert“ werden. Wenn man es täte – was soll’s? Wen kümmerte dies? Trivialisierungsprozesse sind Zerfallsprozesse, die als Ergebnis der Zerrüttung von Formbildungen entstehen. Das hier beobachtete Trivialschema, mit dem Dokumente beurteilt werden, ist eines, das sich aus den Formen der Textkritik ergibt. Methoden der Textkritik werden in der Schule unterrichtet und finden auf diese Weise triviale Verbreitung. Solche Entwicklungen sind Folgewirkungen erfolgreicher Anpassungsstrategien, die unvorhersehbare Folgewirkungen zeitigen. Insbesondere, wenn Formen auftreten, deren Handhabung sich den Konventionen der üblichen Textkritik entziehen – mit dem Entstehen des Internets ist das der Fall – kann man bemerken, dass das eingeübte Beobachtungsschema „dokumentier/nicht-dokumentiert“ an dieser Innovation scheitert, weil das, was durch dieses Beobachtungsschema ausgeschlossen wird, nämlich Manipulation, sich im Laufe der Neustrukturierung von Formen immer stärker aufdrängt. Das Scheitern erkennt man daran, dass die Beobachtung von Manipulation immer wieder als Defizit zurück gewiesen wird, ohne zu bemerken, dass im Laufe eines Verfertigungsrozesses von Dokumenten keine Manipulation nicht möglich ist.
Entsprechend dauert es bis auf solcher Art entstehende Formen reagiert werden kann. Das gelingt, sobald Prozesse der Enttrivialisierung angestoßen werden können, aber wenn, dann nur unter hartnäckiger Beanspruchung des noch bekannten Trivialschemas.
Non-triviale Beobachtungsschemata zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie eine Konjunktur von neuen Anschlussmöglichkeiten eröffen, weil neue Sinnfindungshorizonte erschlossen wurden.
[…] dem Artikel “Vorwurf der Manipulation: Wahrer Glauben an den Freien Willen angeblich nicht eindeutig!” von Klaus Kusanowsky auf Differentia: Welches Problem hätte denn ein freier Wille mit […]
„Welches Problem hätte denn ein freier Wille mit Manipulationsversuchen? Vielleicht das selbe wie ein unfreier Wille? Der freie Wille bemerkt Manipulation, aber verhält sich, weil für ihn durchschaubar, notwendig indifferent. Der andere bemerkt sie nicht und verhält sich genauso indifferent, weil für ihn prinzipiell ohnehin undurchschaubar.“
Das ist ebenso scharf formuliert, wie analysiert: Die Freiheit des Willens wird ganz recht von der Latenz des Wollens bedroht – echte Freiheit kann dagegen keine latenten Dispositionen haben. Umgekehrt ist die Unfreiheit betäubt für ihre Bedingungen – sie unterliegt dem unfreien Blick auf die eigene Unfreiheit.
Der freie Wille – ein Stück operativer gedacht – hat mit Manipulationsversuchen aber deshalb ein Problem, weil es für ihn nicht beobachtbar ist, ob sein Wollen frei oder determiniert ist; zumindest benötigte er dafür eine weitere (un)willentliche Beobachtung, die ihrerseits daraufhin beobachtet werden müsste, ob sie (un)willentlich geschah. Diese latente Ungewissheit kann nicht beseitigt werden – und das ist selbst (und gerade) für den freien Willen ein Problem.
@kusanowsky –“ es mag der Eindruck entstanden sein, dass hier Trivialsierungsprozesse „angeprangert“ werden. Wenn man es täte – was soll’s? Wen kümmerte dies?“
Es kümmert dies jenen, der beobachtet, daß die meisten der blog-Beiträge ihr generatives Verfahren zur Textproduktion aus der Ausbeutung des Beobachtungsschemas trivial/non-trivial entwickeln. Es kümmert den Blogautor also offensichtlich und treibt ihn um: das Vorherrschen von etwas Trivialem, welches zu ersetzen er vorschlägt. Warum reibt er sich nun derart am Vorherrschenden und attestiert ihm Trivilialität?
Und wenn ein letztlich unerlässliches re-entry gestattet wäre: erscheint der Code trivial/nontrivial als conditio sine qua non der Textproduktion nicht reichlich banal?
„Und wenn ein letztlich unerlässliches re-entry gestattet wäre: erscheint der Code trivial/nontrivial als conditio sine qua non der Textproduktion nicht reichlich banal?“
Ja, in der Tat. Das wäre so, wenn man annehmen könnte, dass das hier erprobte Performat „Internetblogging“ eben solche Rezeptionsroutinen zuliesse, wie man es von der Textkritik massenmedial verbreiteter Dokument kennt. In diesem Fall lohnte sich auch kaum noch das kritische Kommentieren von Blog-Artikeln. Dass es aber dennoch geübt wird, hängt wohl mit den gleichen Gründen zusammen, mit denen sich die Wiederholung des hier sich zeigenden Beobachtungsschemas vollzieht: es ist möglich, aber unwahrscheinlich, dass sich eine überschaubare und fest umzirkelbare Zielgruppe um die Rezeption der gleichen Dokumente bemüht, ja es ist eigentlich höchst unwahrscheinlich, so etwas überhaupt zu versuchen, da keine adressierbare Zentralstelle der Verbreitung von „Internet-Dokumenten“ identifizierbar ist: Keine Autoradresse, keine Verlagsadresse, kein Textadressen, keine Diskursadresse und so weiter.
Die Performate des Internets sind Trivialformate, deren Merkmal vorerst nur die Zerrüttung des dokumentarischen Beobachtungsschemas ist. Es geht hier nicht darum, dass zu beklagen, sondern Verfahrensweisen der Enttrivialisierung zu erproben. Der Weg dahin führt über die selbstreferenzielle Akzeptanz dieser Trivialformate. Wie es aber weiter geht, weiß man nicht, weil ein Beobachtungsschema für Performate noch zu finden ist. Der Kommentator darf sich diesen Bemühungen anschließen, wird es aber wohl nicht tun aufgrund des höchst unwahrscheinlichen Erfolgs solcher Bemühungen. Meckern ist unter solchen Bedingungen einfacher als Nachdenken.
„Das wäre so, wenn man annehmen könnte, dass das hier erprobte Performat „Internetblogging“ eben solche Rezeptionsroutinen zuliesse, wie man es von der Textkritik massenmedial verbreiteter Dokument kennt.“
Dies ist zunächst nicht weiter als eine notorische Unterstellung, die ich für nicht trifftig erachte. Stellt man in Rechnung, daß sich Hermeneutik als Textkritik unter der Prämisse einer „Lesbarkeit der Welt“ (Blumenberg) als Anleitung zur Lektüre-Praxis heiliger (Hyper-)Texte entwickelt hat (und somit als Schrift-Managemeint), so galt und gilt seit jeher: diese Texte hatten
„keine Autoradresse, keine Verlagsadresse, kein Textadressen, keine Diskursadresse und so weiter.“
„Gott“ als Schöpfer und Urheber fungiert als schlechthinnige Nicht-Adresse, der man nicht schreiben kann und die nicht antwortet. Just like „The Internet“. Talmudismus wäre vor diesem Hintergrund nichts als ein großer Nonsens mit Methode. Nicht von ungefähr werden jedoch immer wieder Vergleiche bemüht, welche die hypertextuell-rhizomatische Struktur von Internet und babylonischem Talmud hervorheben. (vgl. http://ask.metafilter.com/25275/The-Talmud-and-The-Internet)
„die Zerrüttung des dokumentarischen Beobachtungsschemas“
Fing damit nicht bereits Mose an, als er die gerade frisch ans Tal geschafften Gesetztestafeln eigenhändig zerschlug? Die Geschichte des Dokuments ist die seiner Re-stauration aus der Zerrüttung.
„Der Weg dahin führt über die selbstreferenzielle Akzeptanz dieser Trivialformate. „Der Kommentator darf sich diesen Bemühungen anschließen, wird es aber wohl nicht tun aufgrund des höchst unwahrscheinlichen Erfolgs solcher Bemühungen.“
Der Kommentator möchte sich vorbehalten, Unparteiischkeit zu wahren und weder Akzeptanz noch Rejektion des Trivialen zu seiner Sache zu erklären. Er hofft, damit die Suggestion zu vermeiden, er wisse, was zu tun, wie sich zu verhalten sei und wie nicht.