Differentia

Das Dokument – Rückblick auf eine Form. Teil 2

vorhergehende Folge

Will man über die Frage nachdenken, was das Internet eigentlich ist, so würde man schnell zu Definitionsverfahren greifen, die genutzt wurden, um das Internet entsehen lassen zu können. So könnte es also naheliegen, das Internet als dezentrale Vernetzungsweise dokumentarischer Bezugseinheiten zu verstehen. Aber damit würde man die einmal gewonnene Definition nur erweitern, ohne zu bemerken, dass mit der Entfaltung des Internets Strukturen entstehen, die für die Beteiligten überraschend sind, weil übersehen wird, was durch den Erfahrungsprozess begonnen hat sich zu verändern. Kaum hat man nämlich eine brauchbare Definition für das gefunden, was man als Dokument bezeichnen möchte, passiert es, dass sich beinahe gleichzeitig neue Entwicklungen anbahnten, die jede Zurückrechnung auf Kausalität abschneiden. Das hängt in erster Linie mit latenten Strukturen zusammen, die zweierlei Verwandlungsroutinen ermöglichen, nämlich: Probleme in Lösungen und Lösungen in Probleme zu überführen. Die Latenz entsprechender Strukturen besteht in der asymmetrischen Gleichzeitigkeit, mit der beides von Unwahrscheinlichkeit in Erwartbarkeit transformiert wird. In Hinsicht auf die zukünftige Entwicklung entsteht dadurch einiges an Verwirrung, zurückblickend ergeben sich aber Effekte für eine Theoriebildung, weil jetzt ein Beobachtungsschema erkennbar wird, das unter veränderten Bedingungen entsteht und mit welchem analysiert werden kann, was vor dieser Veränderung nicht oder nur schwer erkennbar war. Da aber diese Bedingungen einer noch offenen Entwicklung unterliegen, ist gleichzeitig auch gesagt, dass es prinzipiell unklar bleibt, wie sich all das in den latenten Möglichkeiten einer Systemgegenwart abspielen kann.

Seitdem nun das Internet seine Relevanz durchgesetzt hat, werden zwei Fragen behandelbar, die eine je eigene Spezifik der Modalität ihrer Kontingenz entfalten. Erstens: was könnte daraus zukünftig resultieren? Und zweitens: was ist in der Vergangenheit passiert? Eine dritte, hier nicht verfolgte Frage ist, wie man virulente kommerzielle Degressionstendenzen erklärt, mit denen versucht wird, sich anbahnende Copy-and-Paste-Konzeptionen für ein neues künstlerische Schaffen zu blockieren. Mag man auch Versuchen, eine Leistungsschutzrecht durchzusetzen, mit großer Skepsis gegenüberstehen, so führt im Prinzip kein Weg daran vorbei, auch solche Versuche in ein Erklärungsschema der Systementwicklung zu integrieren. Bleiben wir aber zunächst nur bei dem, was beobachtbar wird, wenn sich ein wissenschaftliches Definitionsverfahren für den Gegenstand „Dokument“ in dem Augenblick bewähren kann, indem es im Anschluss unbrauchbar wird. Das hängt zunächst mit seinem Erfolg zusammen, da sich die Verhältnisse erstens deshalb, aber nicht nur deshalb, und zweitens trotzdem ändern, obwohl das Verfahren Kontingenz erheblich einschränken kann. In der Folge geht es dann darum, Systemstrategien der Anpassung einer Konsistenzprüfung zu unterziehen. Ist das Internet nur eine Docuverse wie es von Ted Nelson konzipiert wurde? Wie schon gesagt: damit könnte man anfangen und die Erscheinungsweise des Internets in einen Zusammenhang mit Verbreitungsmedien stellen. Versucht man dies und beachtet man obendrein, dass sich diese Anfangsüberlegungen selbst zuerst durch das Internet verbreiteten, dann stellt man fest, dass das Internet als Verbreitungsmedium etwas anderes zulässig macht als das, was durch die Erzeugung von Dokumenten strukturell determiniert wird.

Grafische Darstellung einiger weniger Seiten im World Wide Web. Bild: Wikipedia

Fortsetzung

Das Dokument – Rückblick auf eine Form. Teil 1

Der Bücherwurm. Carl Spitzweg, um 1850. Öl auf Leinwand. Bild: Wikipedia

Aus der Dokumentationswissenschaft ist bekannt, dass im Laufe eines Dokumentationsprozesse aus einer dokumentarischen Bezugseinheit eine Dokumentationseinheit gebildet wird. Dabei handelt es sich um einen Datensatz, der die Merkmale der dokumentarischen Bezugseinheit enthält und stellvertretend für sie in ein elektronisches Datenverarbeitungsverfahren eingespeist wird. Hätten man es beispielsweise mit einer Bücherdatenbank zu tun, dann enthielte die Dokumentationseinheit – der Datensatz – die einzelnen bibliographischen Daten, aber auch Angaben zum Inhalt, zum Beispiel in Form von Schlagworten oder einer Klassifikation. In diesem Sinne ist die dokumentarische Bezugseinheit ein virtuelles Objekt, eine Bündelung von Informationsderivaten, die als Gegenstand der dokumentarischen  Bearbeitung genommen wird. Bei den dokumentarischen Bezugseinheiten kann es sich um alle möglichen physischen Träger von abrufbaren Informationen handeln, also Druckerzeugnisse aller Art, Tonträger, Filme, Museumsobjekte und vieles mehr.
Wichtig dabei ist aber, dass eine dokumentarische Bezugseinheit nicht in jeder Hinsicht gleichzusetzen ist mit einer speziellen Dokumentenart. Sie wird stattdessen als Informationseinheit aufgefasst, die aus einer Dokumentenart abgeleitet wird. So kann z. B. ein einzelnes Kapitel aus einem Fachbuch, ein Artikel aus einer Fachzeitschrift oder auch ein Produkt aus einem Warenkatalog als dokumentarische Bezugseinheit verstanden werden.

Differenzierungen dieser Art sind keineswegs eine müßiggängerische Spielerei von wissenschaftlichen Stubenhockern. Tatsächlich handelt es sich dabei um definitorische Verfahrensweisen, die immer dann aufkommen, wenn sich die Komplexität von Systemen im Laufe eines Evolutionsprozesses nicht mehr verlässlich auf ihre Ausgangsbedingungen reduzieren lässt. Man ist dann auf die Einführung von Zwischenstufen, die den Gegenstand zergliedern, angewiesen. Damit werden Sinnzäsuren hergestellt, die eine höhere Abstraktionsleistung erfordern, die aber in der Konkretion auf mehr Fälle angewendet werden kann, als man ursprünglich behandeln musste. Das heisst, dass man mt Hilfe solcher Verfahrensweisen mehr als nur das Augangsproblem zu behandeln kann. Konkret heißt das: wenn die Frage aufkommt, was ein Dokument eigentlich ist, dann handelt es sich dabei um das Ende eines Problemerfahrungsprozesses, der gewohnte Beurteilungsweisen gleichsam über Bord werfen muss, um mit dem, was sich unwiderruflich als Lösung aufdrängt, fertig werden zu können. In diesem Fall liegt man richtig, wenn man auf die Einführung von Computern in der Verwaltung von Archiven, Bibliotheken und Warenlagern aller Art tippen möchte, weil man Dokumente nicht länger mit Schriftstücken gleichsetzen kann, wenn man in Erfahrung bringt, dass sich ein Verfahren anbietet, mit der man etwa Schriftstücke und Möbelstücke auf gleiche Weise behandeln kann.

Ein solcher Differenzierungsprozess ist der Interpretation nach aber immer ambivalent. Wenn es zwar einerseits gelingt, ein höher auflösendes Definitionsverfahren zur Herstellung entsprechender Software zu nutzen, deren Kosteneinsparungseffekte durch Generalisierung von Verarbeitungsroutinen höchst attraktiv ist, so passiert auf der anderen Seite auch eine Ausdifferenzierung von Ungenauigkeiten, die durch eine Ausweitung semantischer Horizonte entstehen. Man hat in dieser Hinsicht mit dem in der Systemtheorie bekannten Phänomen der Komplexitätsteigerung durch Komplexitätsreduzierung zu tun. Sobald man ein Verfahren gefunden hat, dass Vieles einfacher macht, findet man zugleich Vieles, das anderweitige Anschlussüberlegungen ermöglicht. Kaum ist also ein Problem gelöst, stellt man fest, dass die sich daran anschließende Ausgangssituation eine gänzlich andere geworden ist. Fängt man nämlich an, diese so erfolgreichen Datenverarbeitungsverfahren vernetzt zu prozessieren ergibt das etwas, das man so noch nicht kannte, nämlich: ein Internet. Es emergieren neue Strukturen, deren Behandlung nicht auf die Elemente zurück geführt werden können, aus denen sich diese Strukturen aufgebaut haben.

Fortsetzung

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