Das Internet ist hauptsächlich überflüssig
von Kusanowsky
Ein ausführliche und hübsche Analyse, die sich mit den Entwicklungschancen des Internets beschäftigt, findet man im Blog www.digitalpublic.de von Jörg Wittkewitz, welche zu lesen zwar etwas Geduld erfordert, aber immerhin einen sehr interessanten Einblick in Beobachtungsroutinen liefert, die sich schwer damit tun, sich einer Selbstprüfung zu unterziehen. Die Analyse von Wittkewitz ist von einer gewissen Skepsis geprägt. Weder sei durch das Internet eine neue Normierung intellektueller Standards beobachtbar, die sich im Lauf der Evolution des Buchdrucks eingespielt haben, noch könne man an genuinen Phänomenen des Internets wie etwa Wikipedia und anderen Projekten erkennen, welche Art der Verbesserung eigentlich genau zu beobachten wäre. Im ganzen fehle es an einem großen Wurf – so würde ich seine Ausführungen interpretieren – der deutlich machen könnte, wohin die Reise denn gehen könnte, wenn man sich hoffnungsfroh auf die Entwicklung einlassen möchte. Er schließt seine Analyse mit der Einschätzung: „Diese Aufgabe eines Denkmodells fehlt noch immer – sowohl bei den Adepten des Web wie bei den Bedenkenträgern. So verbleibt der intellektuelle Diskurs zum Thema soziale Struktur Web in einem Sammelsurium aus Kennst-Du-noch-nicht und darauf aufbauenden Tastbewegungen der Selbstvergewisserung. Macht wenig Zuversicht.“
Abgesehen von der Ablehnung einer Zuversicht würde ich dieser Analyse zustimmen. Mir scheint aber, dass das Phänomen, das Wittkewitz beschreibt, erst dann an Relevanz gewinnt, wenn man Differenzen von Hoffnung und Skepsis einmal beiseite läßt. Man ist ja nicht automatisch ein Optimist, wenn man jeden Pessimismus ablehnt. Gleiches gilt gewiss auch andersherum.
Schon am Beispiel Wikipedia zeigt sich eigentlich, dass es nicht genügt, den Mangel einer zündenden Revolution zu bemerken, wenn man zutreffend feststellt, dass die bei Wikipedia üblichen Produktionsroutinen sich kaum von denen unterscheiden, die man auch schon vorher kannte und praktizierte. Wie sollte es denn auch anders gehen?
Wagen wir einen Vergleich: Was hätte Johannes Gutenberg drucken sollen, nachdem er sein Verfielfältigungsverfahren erprobt hatte? Wer hätte Bücher lesen sollen? Und wie bringt man in Erfahrung, welche gedruckten Bücher geliefert werden können, wenn nicht aus Büchern? Die Erfindung des Buchdrucks geschah unter denkbar schlechten Voraussetzungen, die, wenn man den Vergleich weiter treiben wollte, in der frühen Römischen Kaiserzeit sehr viel besser entwickelt waren. Insbesondere gab es zu dieser Zeit bereits einen entwickelten Markt für Literatur; es gab Schreibstuben, in denen Schriften auf Vorrat kopiert wurden; es gab eine einheitliche Sprache, ein einheitliches Recht, eine hochkomplexe Staatsverwaltung, Schulen, weitreichende Handelsnetze, urbane Strukturen und dergleichen mehr. Ein Wunder eigentlich, dass in der Spätantike der Buchdruck nicht erfunden wurde. Als er aber im späten Mittelalter erfunden war, druckte Gutenberg das, was ohnehin bereits geschrieben stand: die Bibel. Wobei er sorgfältig darauf achtete, dass das gedruckte Exemplar der Form nach als Verbesserung einer handschriflichen Kopie in Erscheinung trat. Daraus kann man folgern, dass die Revolution nicht durch den Buchdruck entstand, sondern, dass sich der Buchdruck selbst als Ergebnis eines Evolutionsprozesses herausstellte und zunächst überflüssig war.
Nimmt man diesen Vergleich ernst, dürfte man etwas ähnliches auch für die Entwicklung des Internets annehmen. Nicht das Internet bewirkt eine Revolution, sondern es ist selbst das Ergebnis eines evolutionären Trivialisierungsprozesses, der neue Formbildungen wahrscheinlich macht.
Was sich spätestens seit der Industrialisierung trivialisiert ist das, was Oswald Spengler die „faustische Seele“ nannte. Gemeint ist damit ein kultureller Habitus einer spezifischen Wissensproduktion, der unbegrenzbares Weltverstehen kritisch handhabbar macht. Spätestens der Atombombe und der Mondfahrt war dieser Trivialisierungsprozess abgeschlossen. Insofern könnte man Spenglers These vom „Untergang des Abendlandes“ sehr wohl ernst nehmen, war sie doch keineswegs in der Weise pessimistisch formuliert wie ihr affektiv unterstellt wurde, weil jeder Zerfallsprozess einhergeht mit Selektionen, die Neukombinationen ausprobieren, ohne gleichwohl angeben zu können, welche Formen sich bewähren und welche nicht. Es wäre natürlich angebracht, diesen Vergleich gründlicher zu analysieren als es hier geschehen kann. Deshalb sei zur Verkürzung auf Mittel der Abstraktion gewählt, um die Aufmerksamkeit begrenzbar zu strapazieren.
Mit der evolutionären Ausbildung funktional-differenzierter Sozialsysteme werden anders geartete Beobachtungsschemata erzeugt, die unter solchermaßen veränderten Ausgangsbedingungen zweierlei Verweisungswege aufscheinen lassen. Nämlich erstens die Fortsetzung gescheiterter Formen. Das zeigt sich besonders am Beispiel Wikipedia. Das im 19. Jahrundert gescheiterte Projket einer Universalenzyklopädie mitsamt ihrer gescheiterten Theoriekonstruktion wie die des Positismus wird jetzt, wo nahezu unbegrenzt viel Speicherplatz und Manpower zur Verfügung steht, wieder aufgegriffen. Wikipedia ist der Ausdruck einer Verlegenheit, in der bereits Gutenberg steckte. Ein zweiter Verweisungsweg ist die Explosion von Einschätzungsbemühungen, die als Zukunftoptimismus und Skepsis in Erscheinung treten. Beide Affekte erscheinen aber als selbstreferenzielle Systemstrategien einer notwendigen Affirmation der Verhältnisse, unter denen es nur schwer gelingt, die erfolgreichen Anpassungsstrategien zu ändern, welche ihrerseits die Umweltbedingungen in der Weise geändert haben, dass alle Anpassung auf Anpassung selbstverstärkende Prozesse der Abweichung wahrscheinlich macht. Die Repressionsmaßnahmen der Musikindustrie gegen die Internetpiraterie sind moderne Ketzerprozesse. Da man nicht weiter weiß – woher sollte man auch wissen, wie – versuchen die Systeme ihre vermeintlich bewährten Programme mit verstärktem Kräfteeinsatz durchzuhalten. Interessant übrigens sind in diesem Zusammenhang die internen Diskussionen der Piratenpartei. Verfolgt man die in entsprechenden Mailinglisten, wird man feststellen, mit welcher Mühe dort etwas anderes als die erprobten Entscheidungs- und Verfahrensweisen von Parteigremien erfahrbar gemacht werden kann. Die Ketzer sind ihren Inquisitoren ähnlicher als sie es wünschen.
Wittkewitz hat Recht. Es fehlt ein Denkmodell, wie er schreibt; wie ich sagen würde: ein Unterscheidungsverfahren, das uns ein längst geändertes Beobachtungsschema plausibel macht. Und ich werde mich kaum irren in der Vermutung, dass sich entsprechende Systemstrategien nur unter den Beobachtungsbedingungen ausbilden können, unter denen sie sich bereits verändert haben. Aber um in dieser Hinsicht weiter zu kommen, müsste man das Beobachtungsschema einer Selbstprüfung unterziehen.

Ich frage mich, ob nicht bereits die Fragestellung falsch ist. Wem nützt denn Wikipedia in erster Linie? Ich würde meinen, das Wikipedia in erster Linie dem/de Autoren selber nützt.
Nicht etwa, weil diese(r) durch Wikipedia ein Forum geboten bekommt, sondern, weil das Schreiben eines Artikels in Wikipedia vergleichbar ist, mit der erstellung eines Referats.
Der Autor muß sich mit dem Objekt auseinandersetzen. Der Leser muß das nicht.
Ein Beispiel: Ich habe unter anderem Artikel zu den ‚fermatschen Pseudoprimzahlen‘ und den ‚Carmichael+Zahlen‘ erstellt. Dazu mußte ich nicht nur entsprechende Bücher lesen, sondern auch verstehen, wobei es dabei geht. Ich habe auch Programme geschrieben, die entsprechende Zahlen ausgegeben haben.
Der Leser muß das alles nicht tun. Will er es aber wirklich verstehen, dann muß er das gleiche machen wie der Autor.
Anderes Beispiel: Man findet in der Wikipedia einen Artikel über den Schauspieler und Schriftsteller Aribert Wäscher. Dieser Artikel kann aber bestenfalls ein Einstieg sein. Ich habe von Wäscher nicht aus der Wikipedia erfahren, sondern aus der Biographie von Axel von Ambesser. Ambesser hat ihm ein ganzes Kapitel gewidmet, das mehr Lust darauf macht, mehr von Aribert Wäscher zu erfahren, als es der dröge Artikel der Wikipedia machen würde.
Das betrifft auch andere Personen, die in der Biographie von von Ambesser zu finden sind, und das betrifft generell andere Biographien.
Es gibt da zwei Probleme: Das eine ist, das Bücher schnell vergriffen sind, und nicht wieder Aufgelegt werden. Das ließe sich dadurch vermeiden, indem vergriffene Bücher freigegeben werden, und elektronisch für jedermann kostenfrei bei sagen wir mal der Deutschen Nationalbibliothek herunterladbar wären.
Das andere ist, das selbst wenn die Quellen zur Verfügung stehen, sie teilweise eben nicht ihren Weg in die Wikipedia finden würden. Der Inhalt des in der Biographie von Ambessers bereitgehaltenen Kapitel über Aribert Wäscher ist ziemlich persönlich, und teilweise ziemlich diffizil. Er würde in der Wikipedia ziemlich schnell gelöscht werden.
Ich denke, Wikipedia ist ein Baustein am Möglichkeit, uns klüger zu machen. Jedoch liegt es in dem einzelnen selbst, ob er diese Chance nutzt. Ich denke, die meisten Menschen werden die Chance nicht nutzen.
@Arbol01
„Wem nützt denn Wikipedia in erster Linie? Ich würde meinen, das Wikipedia in erster Linie dem/de Autoren selber nützt.“ – Das ist gut beobachtet und stimmt sicher. Das zeigt aber, was sich ändern wird, wohin die Reise gehen könnte, was gegenwärtig mit den bekannten Unterscheidungsroutinen aber nicht bemerkt werden kann. Das Internet ermöglicht ein ganz anderes Verhältnis von Schreibern und Lesern als wir es traditioneller Weise kennen. Gewöhnlich schreibt ein Autor für massenhaft viele Leser, von welchen jeder einzelne weniger Aufmerksamkeit auf sich zieht als der Autor. Der Autor wird bekannt, die Leser bleiben in der Masse anonym. Solche Mitschreibeprojekte wie Wikipedia verschieben das Verhältnis. Ein Schreiber schreibt für andere Schreiber, die an dem Text weiter schreiben. Das Verhältnis der Anonymität verschiebt sich, da verschiedene Schreiber miteinander in einen Schreibdialog treten, wodurch sie sich gegenseitig adressabel machen.
„Ich denke, die meisten Menschen werden die Chance nicht nutzen.“ Das ist die entscheidende Frage. Man kann gewiss sagen, dass viele der Chancen gegenwärtig ungenutzt bleiben. Aber das wird sich ändern sobald beispielsweise das Schreiben von Wikis in Schulen zur Standardleistung von Schülern wird.
Warum nur Beobachten? Analyse reicht mir nicht aus.
Wieso macht man sich keine Gedanken darüber, wie man mit Hilfe des Internets gewünscht Ergebnisse wahrscheinlicher macht?
Das ist die Idee der Vision einer Gemeinsamen Bewusstseinskultur http://de.consenser.org/node/1733
@Schnittmenge:
„Wieso macht man sich keine Gedanken darüber, wie man mit Hilfe des Internets gewünscht Ergebnisse wahrscheinlicher macht?“
Das ist eine sehr schwierige und nicht einfach zu beantwortende Frage.
1. Es sind sehr viele Leute, die sich darüber Gedanken machen, wie es möglich werden könnte, dass ihre Wünsche in Erfüllung gehen. Viele Leute wünschen vieles, und vieles verschiedene.
2. Nicht wenige bemerken nicht, dass die Zeit, in denen das Wünschen noch geholfen hat, noch niemals so recht gekommen war; und schwerlich jemals kommen wird.
3. Der Traum von einer „gemeinsamen Bewusstseinskultur“, die Illusionen eines kollektiven Subjekts wurde durch eine Gesellschaft erzeugt, die sich nur schwer über die Bedingungen ihrer Möglichkeit informieren konnte. Man wird wohl nicht allzu sehr daneben liegen, wenn man vermutet, dass eine treffendere Analyse erst möglich ist, sobald sich die Verhältnisse in der Weise geändert haben, das neue Beobachtungsschemata auftauchen, die rückblickend erklären können, was den Zeitgenossen selbst verschleiert geblieben ist.
Die Möglichkeiten, die das Internet erzeugt, sind in der spekulativen Vorausschau so vielfältig, dass von keinem Standpunkt aus mit Treffsicherheit gesagt werden könnte, wie es weiter gehen wird. Erst diese Unklarheit macht doch die Sache interessant, oder nicht?
Die Annahme, man könnte mit Kampagnen zielgerichtet gewünschte Ergebnisse erbringen, stirbt im Verein mit anderen Illusionen, die sich im Laufe des Trivialsierungsprozesses globalen Massenkommunikationskultur heraus gebildet haben.
@Kusanowsky:
Zu 1. und 2.: Ja, es gibt viele verschiedene Wünsche. Damit diese Wünsche überhaupt eine Chance haben, bedarf es das Überleben der Menschheit an sich. Das sollte unser Norden sein, an dem wir Menschen unser Handeln ausrichten sollten. Ich erlaube mir, die Ziele einer Gemeinsamen Bewusstseinskultur einfach zu setzen und kann dies auch mit dem hermeneutischen Zirkel rechtfertigen: http://de.consenser.org/node/2219
Zu 3. Wenn es zu einem Paradigmenwechsel kommt – was wir brauchen – kann man zu einem großen Teil die veralteten Erfahrungen über Bord werfen – sie haben unter dem neuen Paradigma keinen Wert mehr.
Auch ich glaube, dass zielgerichtet top-down Kampagnen nicht erfolgsversprechend sind. Doch glaube ich auch, dass eine bottom-up Bewegung einen Mindestbedarf an Strukturen und Regeln brauchen, damit überhaupt etwas Sinnvolles emergieren kann.
Es gibt keine Treffsicherheit, doch gibt es Stellschrauben, die bestimmte Ereignisse wahrscheinlicher machen. Eine Stellschraube ist die Kultur. Nicht das Internet, sondern die Twitter-Kultur, Facebook-Kultur, … haben die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Effekte emergieren können.
Ist das keine spannende Herausforderung, wie man durch gezielte Kulturschaffung gewünschte Ergebnisse wahrscheinlicher machen kann?
@schnittmenge
„durch gezielte Kulturschaffung gewünschte Ergebnisse wahrscheinlicher machen“ – niemand kann über Differenzen des Zufälligen gezielt oder souverän verfügen. Man kann es trotzdem versuchen, aber interessant ist dann die Beobachtung des Verhaltens derjenigen, die nicht bemerken, was ihnen entgeht während sie mit Gewissheit glauben, da käme etwas Bestimmtes auf sie zu.
@Kusanowsky 17. Juni 2010 14:16 (Direktes Antworten ging nicht)
Ich freue mich, dass Du es für Wert empfindest, dass man es versuchen soll.
Es ist auch immer richtig, dass einem Beobachter immer etwas entgehen wird. Eine sinnvolle Reduktion ist notwendig. Deshalb lege ich nahe, vor dem Beginn der gezielten Kulturschaffung, ein gemeinsames Bewertungssystem mit messbaren Indikatoren zu vereinbaren. Dann wird die Soll-Ist Differenz mit der Kulturschaffung gekoppelt. Der Lernprozess kann beginnen.
Gute Idee. Fangen wir an zu lernen, wie ein gemeinsames Bewertungssystem mit messbaren Indikatoren vereinbart werden könnte, wenn kaum etwas anderes so unhaltbar ist wie die Behauptung, es käme auf Gemeinsamkeiten an, wo doch jeder beliebige Zufall immer noch wahrscheinlicher ist als das Zustandekommen von Gemeinsamkeiten irgendwelcher Art.
Das „Gemeinsam“ bezieht sich nicht auf alle Systemteilnehmer, sondern auf die, die an den Stellschrauben einer gezielten Kulturschaffung drehen. Ich denke dieser Konsens ist einfach zu erreichen, da die Stellschrauber, diesen Feedback für eine gezielte Kulturschaffung brauchen.
Es gibt verschiedene Ansätze, die noch alle Entwicklung benötigen. Doch einen Ansatz möchte ich aufzeigen: Die Schwarmleistungszahl => http://de.consenser.org/node/1735
Übrigens haben wir mehr gemeinsamen, als wir bewusst wahrnehmen, denn unsere Augen sind nicht für weiße Buchstaben auf weißem Papier geschaffen.
Ich denke auch, dass ein bewusstes Vorgehen, wie wir uns gegenseitig unterstützen könnten uns weiterbringen wird, als Differenzen zu vergrößern.
[…] dazu auch diese Artikel: Macht uns das Internet klüger? Wikipedia als reinkarnierte Gutenberg-Bibel Monumente – Dokumente – Performate. Zur Frage von Überlebenschancen kultureller […]
@Schnittmenge
du bist nen bissl esoterisch unterwegs, oder? gezielte kulturproduktion durch menschen, die die stellschrauben eben dieser kulturproduktion drehen? ich weiß nicht so recht, wie das überhaupt ein argument sein kann, das klingt so unglaublich. wie kusanowsky schon schrieb, das große kollektive subjekt ist spätestens mit dem nationalsozialismus zu beerdigen und das ist zu feiern. eine funktional _differenzierte_ gesellschaft ist nämlich genau das: differenziert. und eine gemeinsame bewusstseinskultur? ist das dein ernst? machtungleichgewichte sind dir bekannt oder? das kommt auch in der systemtheorie vor und wer diese unterscheidung beflissentlich ausblendet, ist verloren.
Nein, alle Menschen vereint ihre gemeisame Menschlichkeit. Verschiedenheit entsteht aber durch die menschliche Natur. Das ist der Unterschied: Menschlichkeit und menschliche Natur. Menschlichkeit wird gesellschaftlich hergestellt, die menschliche Natur kann sich aber nicht ändern. Menschlichkeit besteht darin, die menschliche Natur vollständig zu verstehen und sich schließlich auf Menschlichkeit im Konsens zu einigen. Da Verschiedenheit unsere menschliche Natur ist, müssen wir alles daran setzen, diese Differenzen zu verringern.
@Schnittmenge
soso, menschliche natur. zuviel in der sozialbiologie-ecke geschnuppert, oder wie? das die sog. menschliche „natur“ auch ein produkt eines wissenschaftlichen konstruktionsprozess ist, ist die nicht geläufig? es gab schon viele die von „natur“ im menschen gefaselt haben und dann menschengruppierungen hierarchisierten. das sollte in jedem geschichtsunterricht gelehrt worden sein. im alltag nennt mensch solche vertreter*innen auch reaktionäre oder auch rassist*innen.
@Ultras Niklas Luhmann
„wie kusanowsky schon schrieb, das große kollektive subjekt ist spätestens mit dem nationalsozialismus zu beerdigen …“
kusanowksy hat auch schon darüber geschrieben, dass mit Gegen- und Anti-Ismen nicht viel zu erreichen ist. Das schafft nur Dissens und führt zur Vergrößerung von Differenzen. Man sollte nicht mit normativen Vorstellungen anderen seinen Willen aufzwingen. Richtig ist in jedem Fall die Konsensfindung.
Deshalb respektiere ich deine Meinung und finde es richtig, dass du sie hier mitteilst. Auch finde ich es richtig, nicht rassistisch zu sein. Aber ich finde es auch nicht richtig so pauschal von Reaktionären und Rassisten zu schreiben. Denn ich glaube nicht, dass du einer bist oder dir wünscht, dass ich einer werden sollte oder sein müsste.
Deshalb müssten wir die Diskussion an dieser Stelle etwas sachlicher angehen, denke ich.
@Schnittmenge
um vielleicht meine Ablehnung deiner Beiträge mit dem Artikel zu verknüpfen: nein, es geht überhaupt nicht um Konsens, denn ich bin überhaupt nicht einverstanden mit dem was du hier schreibst. Innerhalb der Theorie sozialer Systeme wird das auch als 4. Selektion bezeichnet: Annahme oder Ablehnung um ein Fortbestehen der Kommunikation zu gewährleisten – oder nicht. Du schreibst die ganze Zeit irgendwelche Sachen von Konsens, aber Konsens ist so unglaublich unwahrscheinlich, dass das Internet u.U. vielleicht dazu beigetragen hat, diese Unwahrscheinlichkeit wenigstens beobachtbar, weil täglich neu re-produziert, zu machen.
Was du bist ist mir völlig egal, was ich beobachten muss, ist esoterisches Zeug, das ich ablehne, weil ich es für gefährlich halte. Hätte es dieses „Internet“ ™ nicht gegeben, wäre die Beobachtungsmöglichkeit nicht gegeben gewesen.
„was ich beobachten muss, ist esoterisches Zeug“
Warum musst du das? Denn die Beobachtungsmöglichkeiten, die sich aus dem Internet ergeben, lassen auch zu, etwas anderes zu beobachten.
@Schnittmenge
Ultras Niklas Luhmann macht nur darauf aufmerksam, dass Konsens nicht wahrscheinlicher ist als Dissens. Das heißt doch, er widerspricht nicht deshalb, weil er es unbedingt will, sondern weil es geht. Das müsste man, wie du schreibst, „sachlich angehen, denke ich“.
@kusanowsky
stimmt, lassen sie. andere beobachter*innen könnten das auch gut finden, was hier so in der kommentarspalte kam. da gebe ich dir recht, mehr aber auch nicht 🙂 und in einem parallel-universum könnten wir versuchen, alle nett zueinander zu sein, um uns nicht mehr widersprechen zu müssen. ist nicht der fall, lassen wir es also bleiben, so zu tun, als ob hier sowas möglich wäre.
und sachlich? was soll damit gemeint sein? etwas nicht so irrationales, eher „pragmatisches“, weniger radikales? das widerspricht ja auch ein stück weit dem ultra-dasein 😉
zeitlich, sachlich, sozial, ich dachte das wären die drei dimensionen, wusste nicht, dass es dazu auch entsprechende differenzen gibt.
„da gebe ich dir recht, mehr aber auch nicht“
Was könnte mehr bedeuten als das?
@Dorotyna Spieka
ich hätte meinen standpunkt auch weichspülen können oder sonst irgendwas relativierendes schreiben können. aber ich habe nur zugestimmt. 🙂
@Ultras Niklas Luhmann
„Innerhalb der Theorie sozialer Systeme wird das auch als 4. Selektion bezeichnet“
Dagmar Berghaus geht in dem Buch „Luhmann leicht gemacht“ davon aus, dass Sinnverstehen wie auch die Annahme oder Ablehnung von Alters Sinnangebot an Ego einer Art vierten Selektion zugeordnet werden und bezeichnet dies irrigerweise als Anschlussgeschehen. Verstehen als 4. Selektion heißt bei Berghaus Anschlusskommunikation: Den Inhalt der Mitteilung verstehen und annehmen oder ablehnen. Bei Luhmann findet sich jedoch kein Hinweis darauf, dass Sinnverstehen einem vierten Akt zugeordnet wird, während dagegen ausdrücklich in Soziale Systemegeschrieben steht: „Das gilt insbesondere für eine vierte Art von Selektion: für die Annahme bzw. Ablehnung der mitgeteilten Sinnreduktion, was nur meint, dass die Kommunikation unter dieser Bedinung schon fortgesetzt ist. Damit ist das Sinnverstehen dieser sog. vierten Selektion eigentlich nur wieder in diesem Dreitschritt enthalten:
„Annehmen und Ablehnen einer zugemuteten und verstanden [oder missverstandenen] Selektion sind… nicht Teil des kommunikativen Geschehens; es sind Anschlußakte [sic]“ (Luhmann, 1987, S. 204). Man muss bei „der Kommunikation das Verstehen ihres Selektionssinnes unterscheiden vom Annehmen bzw. Ablehnen der Selektion als Prämisse“ (Luhmann, 1987, S.203)
Das Verstehen ist dann schon vollzogen. Oder nicht?
beobachter*innen
Sag mal Ultras Niklas Luhmann weil ich ja meine das du männlich bist was meinst du eigentlich im Zusamenhang mit „beobachter*innen“ und gender_gap. wo ist denn da der sinn? was das denn soll? ich als feminist*in bin natürlich klar festgelegt, auch weg. pov früher auch poc und so, jetzt aber damit kann man mir nicht mehr kommen. ich seh das auch und will mich da nicht einmischen. Aber dass du da krass mit _gapb kommst ist nicht normal, auch nicht im Zusammenhang mit jetzt Theorie und so.
Willst du das mal sagen. Wie das jetzt für dich ist?
Ich mein dass du dich klar positionieren musst. wegen den gap weist du? ich mein das auch weil ich critical whiteness bin und so.
Es komt klar auf dich an.
melanie
hey melanie,
(in diesem fall) ich benutze die formulierung „beobachter*in“ um eben darauf auch hinzuweisen, dass nicht nur _der_ beobachter dinge beobachtet, sondern es eben auch z.B. eine weibliche, kritische Wissenschaftsbetrachtung gibt, die aber häufig nicht gelesen wird und/oder marginalisiert wird. Luhmann selbst war ja nicht so der Typ, der sich dafür krass begeistern konnte, was Feminismus angeht, aber die von ihm mitentwickelte Theorie lässt sich meines Erachtens auch auf diese Phänomene übertragen.
Ich weiß allerdings nicht genau, ob das deine Frage ausreichend beantwortet, bin also über weitere Diskussionen gespannt.