Marx, Nietzsche und die Beobachtung eines retrofuturistischen Systems

von Kusanowsky

Mit bestem Dank an Franz S., Janek B., Leo A. und Rolf T.

Friedrich Nietzsche und Karl Marx – Brothers in law? Bild: Wikipedia, Montage Kusanowsky

Friedrich Nietzsche hatte einmal geschrieben:

„Wenn sich jetzt Philosophen eine Polis träumen wollten, so würde es gewiss keine Platonopolis, sondern eine Apragopolis (Stadt der Müssiggänger).“

Damit hatte Friedrich Nietzsche einen keineswegs hoffnungsvollen Ausblick auf die Zukunft der modernen Gesellschaft gegeben, weil er realistisch weniger an die Einsicht in ewige Wahrheiten glaubte, sondern mehr an die Verwirklichung einer sozial strukturierten, telosfreien Paradoxie. Das ehemalige zoon politicon, wie es den alten Griechen erschien, das um sozialer Zwecke Willen sich vergesellschaftet, scheint bei Nietzsche zu einem Quasselkaspar degradiert zu werden, dessen eifrigstes Bemühen darin besteht, sich der Zwecklosigkeit seines Tuns zu überlasssen. Nicht zufällig findet man bei Karl Marx in der „Deutschen Ideologie“ eine interessante Parallelstelle, in der nach der Analyse der Widersprüche einer kapitalistischen Gesellschaftsordung die Aufhebung all dieser Widersprüche in einem idealtypischen Kommunismus beschrieben wird. Dabei handelt es sich um eine zukünftige Gesellschaft

„wo jeder nicht einen ausschließlichen Kreis der Tätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden.“

Eine solche Synopse könnte man als eklektizitische Spinnerei eines philologisch halbgebildeten Spaßmachers beiseite legen, der sich nicht an die Schubladenordnung einer Wissenschaft halten will. Dabei handelt es sich um eine Ordnung, die hartnäckig daran festhalten will, zwei so ungleiche Denker wie Nietzsche und Marx in gänzlich verschiedene Gegenstandsbereiche einzusperren, an welchen sich  Affektstimulierungsroutinen festgeklebt haben, die einen gelassenen Vergleich fast gar nicht mehr zulassen. Sowohl der Kommunismus Marxens als auch der Übermensch Nietzsches scheinen sich bis heute nicht erübrigt zu haben, jedenfalls möchte man das meinen, wenn man darauf achtet, mit welcher Wahrscheinlichkeit entsprechende Verweise bestimmte Erregungsmuster im Diskurs erzeugen. Wer so etwas zurückweisen wollte, scheint sich weder mit Philologie noch mit Soziologie und ihren Umweltbedingungen jemals ernsthaft befasst zu haben.

Nehmen wir uns aber mal das Recht heraus eine Spinnerei ernst zu nehmen, die besagt, dass Marxsche und Nietzscheanische Denker sich in Apragopolis miteinander unterhalten würden. Worüber könnten sie reden? Mein kleines Gedankenexperiment lautet, dass sie Gespräche führen würden in einer Art, wie sie neulich auf meiner Facebookseite zu beobachten war.

Ganz nebenbei zwitscherte Klaus K. die Frage in die Runde, ob es eigentlich stimme, dass Andersdenkende ganz anders denken als alle anderen. Worauf Janek B. skeptisch zurückfragte, ob denn nicht jeder anders als alle anderen denke? Dass dies ist ja gerade die Frage sei, lautete die Antwort und wird mit dem Nachsatz ergänzt, wie man davon wissen könne, wenn es so wäre.Solchermaßen angestachelt spekulierte Janek B. dass, wenn jemand in der Lage wäre, ein anderes kognitives System komplett in seinem eigenen kognitiven System abzubilden, ein perfekter und nichts verändernder Austausch möglich wäre.

Woraufhin Rolf T. genauso engagiert einwarf, dass man dazu aber schon wissen müsse, was man selbst denkt. Wenn man aber von Andersdenkenden spräche, scheint man diese Kleinigkeit offensichtlich schon gelöst zu haben.Wenn aber, so Franz S., von „Andersdenkenden“ gesprochen werde, entstünde der Eindruck, als sei das Andere als Denkendes akzeptiert, obwohl man doch eigentlich von einem denkenden Doppel-Ich ausgehen würde.

An dieser Stelle präzisierte Leo A., dass es nicht „die einen und die anderen“ gäbe, sondern jederzeit „die anderen und die anderen“ als lauter Alternativen, womit gesagt sei, anders zu sein, wäre die gleichgültigste Unterscheidung, die sich denken liesse.

Dem stimmte Rolf T. uneingeschränkt zu, ohne jedoch auf die Nebeneinschränkung zu verzichten, die besagte, dass es sich dabei zugleich um die komplizierteste Unterscheidung überhaupt handelte, da sie reflexiv ein „Ich“ unterstellt, das von sich selbst als einem „Ich“ wisse.

Ergänzungsbedürftig erschien Janek B. in diesem Zusammenhang der Gedanke, dass das „Ich“ sich seiner selbst zwar bewusst sei, aber erstens nicht zu jeder Zeit, wie Heinz von Foerster schon meinte, wenn er sagte: „Wir sehen nicht, dass wir nicht sehen“ und dies zweitens nicht zu jeder Zeit vollständig. Wenn man von struktureller Kopplung in sozialen Systemen und ihrer Entwicklung generell ausgehen wolle, operierten kognitive Systeme wohl nicht auf Basis gleicher Strukturen, sondern auf Basis dessen, was die Strukturen eines kognitiven System überhaupt ermöglichten. Er glaube daher nicht, dass ein kognitives System sich überhaupt zu jeder Zeit seiner selbst komplett bewusst sein kann, weil dies in kompletter Handlungsunfähigkeit enden müsse.

Leo A. meint dagegen, dass er mit dem Ich nichts anfangen könne. In keiner Theorie komme er als „ich“ vor, sondern immer nur „das Ich“, das ein differenzloses, nichtssagendes, allzu einfaches Theorienkonstrukt sei. Ebenso reduktionistisch käme außerdem „das Andere“ daher, wobei doch erst das Nicht-Andere ins Herz der Dinge und des Daseins träfe.

Dem musste Rolf T. widersprechen, indem er sagte, dass er in seiner Theorie selbstverständlich vorkomme. Er könne sich eine „theoria“, gemeint als Anschauung ohne Schauer, also ohne Beobachter, gar nicht vorstellen. Und wenn er eine Theorie habe, so sei er der Theoretiker, und deshalb sage er in seiner Theorie auch nur und auschliesslich das, was er selbst theoretisch fassen könne.Das musste Leo A. aber präzisieren, indem er erklärte, dass er selbst in keiner Ich-Theorie vorkomme, so wenig wie in einer sonstigen. Er selbst wäre theoretisch nicht zu thematisieren, höchstens episch. Dies aber nur mutmaßlich episch wie theoretisch nur scheinbar, nur bestenfalls täuschend echt. Denn sowohl das Theoretiker- wie das Erzähler-Ich könnten, was ihn selbst beträfe, eigentlich nur fehlgehen. Aber weil Dichter sowieso lügen, enstünde die zusätzliche Unwahrheit nur in der Theorie.

Faksimilie des Manuskripts „Gespräche in Apragopolis“, A.D. 2010

Das Gespräch unser Einwohner von Apragopolis war zum Zeitpunkt der Aufzeichnung noch nicht beendet und wer weiss, welche Ergebnisse der Fortgang des Gesprächs noch erzeugen könnte, durch die das Gespräch eine ganz andere, unverhoffte Wendung nehmen wird.

Eines scheint aber abschließend als Ergebnis diagnostizierbar, dass, wenn Marx und Nietzsche auch unmöglich vollständig die Zukunft einer funktional-differenzierten Gesellschaft vorhersehen konnten, so konnten sie sich immerhin die Freiheit nehmen, der Sache wenigstens sehr, sehr nahezukommen. Und wer weiß woher eine solche Freiheit kommen kann, die bei Beobachtung antimarxscher und antinietzeanischer Affekte offensichtlich als Frechheit verstanden wird.

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