Virtualität und strukturelle Koppelung

von Kusanowsky

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Die spezifischen Elemente von psychischen Systemen sind Gedanken und Vorstellungen. Gedanken und Vorstellungen sind Ereignisse, die mit ihrem Auftauchen wieder verschwinden. Gedanke reiht sich an Gedanke. Das psychische System produziert die Gedanken, und als ein ein autopoietisches System wird es deshalb aufgefasst, weil es dauernd neue Gedanken produziert; und: es kann nur denken, sonst nichts. Wie auch andere Systeme, so kann das psychische System nicht ohne seine Umwelt existieren. Man kann ohne Gehirn, ohne Körper, ohne alle sonstige Umweltkomplexität keine Gedanken fassen. Dabei setzen psychische Systeme bestimmte Umweltbedingungen voraus. Das Gehirn befindet sich, systemtheoretisch gesprochen in der Umwelt des Bewusstseins und dieses existiert nur in der Umwelt des organischen Systems. Die Gehirntätigkeit besteht nicht darin, Gedanken zu produzieren; das Gehirn denkt nicht! Warum? Weil bei der Produktion von Gedanken das Bewusstsein auf bestimmte Gehirntätigkeiten angewiesen ist. Die Messung von Gehirnströmen verrät nicht, was das Bewusstsein denkt und von den Gedanken lassen sich keine Rückschlüsse ziehen, welche Gehirnprozesse aktiv sind. Andernfalls könnte keine Hirnforschung funktionieren, weil das Gehirn über sich selbst immer schon alles wüsste. Aber es weiß über sich selbst rein nichts, ist nicht zur Selbstbeobachtung fähig.

Das Gehirn ist für das Bewusstsein unzugänglich wie das Bewusstsein für das Gehirn. Sie gehören unterschiedlichen Systemen an: das Bewusstsein dem psychischen System, das Gehirn dem organischen System. Das Bewusstsein kann immer neue Ordnungsebenen erreichen, das Gehirn nicht. Das Erreichen qualitativ neuer Ordnungsebenen wird als Emergenz bezeichnet. Dabei wird im Sinne von Emergenz festgelegt, dass das Ganze etwas anderes ist als die Summe der Elemente, aus denen es hervorgegangen ist. Es enstehen qualitativ neue Eigenschaften aufgrund der spezifischen Form der Vernetzung seiner Elemente. Durch die funktionale Differenzierung entsteht eine Reduktion von Komplexität, um eine klare Abgrenzung zur Umwelt zu gewährleisten.

Dies berührt dann auch die Frage nach der Virtualität. Das psychische System braucht um sich entwickeln zu können, Einflüsse von außen, jedoch werden diese Einflüsse der Umwelt nicht einfach in das psychische System hineinprojiziert, sondern Eindrücke, die aus der Wahrnehmung von Unterschieden resultieren, erzeugen einen Impuls, der dann wiederrum eine Irritation im Gehirn verursacht. Damit das aber funktioniert muss gleichzeitig eine Auslagerung potenzieller Sinnverknüpfungen in schon entwickelten Sinnstrukturen erfolgen, die gebraucht werden, um eine Inversion zeitlicher Abfolgen zu ermöglichen. Der Impuls selbst findet nicht im psychischen System statt, sondern aktualisiert nur aus dem Bereich virtueller Sinnverknüpfungen die jeweils aktuell akzeptable Variante, die über die strukturelle Koppelung zur Herstellung jener Bedingungen beiträgt, durch die diese selbst erst wieder möglich werden.

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