Verhaltensakkordierung in der Interaktion

von Kusanowsky

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Nicht selten kommt es in Interaktionszusammenhängen sehr oft auf eine hohe Geschwindigkeit der Verhaltensakkordierung an, die durch eine Sequenzialisierung des Geschehens, wie Kommunikation sie erzwingt, charakterisiert ist. Dabei spielt es keine Rolle, ob sprachgestützt oder nicht. Auch bei nicht sprachgestützter Kommunikation, die sicherlich sehr häufig vorkommt, muss die Aufmerksamkeit sehr scharf fokussiert werden, was Zeit und Übersicht kostet und damit vielleicht Chancen verwirkt, die latent in Anschlussmöglichkeiten liegen.

Die struktruell gekoppelten Systeme konditionieren sich gegenseitig. Das meint, dass sie im Laufe der Evolution, die beständige Selbstanspassungsnotwendigkeiten erzeugt und Restabilisierungen leistet, durch „wenn, dann“-Relationierungen Strukturen der Erfahrungsbildung herstellen, die dafür sorgen, immer schon auf das vorbreitet zu sein, was als nächstes passiert.
Damit ist natürlich nicht ausgeschlossen, dass sich Neues, Überraschendes oder Fehlleistungen ereignen können, zumal auch die Beobachtbarkeit solcher Vorkkomnissse selbst das Ergebnis evolutionärer Prozesse sind. Man muss also auch lernen, dass Neues und Überraschendes überhaupt möglich ist.

Die in diesem Zusammenhang interessierende Frage ist die Frage nach der Geschwindigkeit von Evolution. Aus makrostruktureller Perspektive dürfte die Frage wie schnell Evolution abläuft kaum zu beantworten sein, geschweige denn, dass geeignete empirische Methoden erfindbar wären, mit deren Hilfe man das messen könnte.
In mikrostruktureller Hinsicht mag schon die Vermutung genügen, dass Evolution mitunter sehr schnell ablaufen kann, schnell soll hier heißen: innerhalb weniger Minuten. Damit kommen Prozesse in den Blick, in denen sich Operationen verketten, die ein Hochgeschwindigkeitsgeschehen ermöglichen. Ob dies mit der Vorstellung eines operativen Kontinuums von Wahrnehmung und Verstehen gelingen kann, sei hier aber nicht weiter verfolgt. (Fußnote Im Arbeitszusammenhang um Jürgen Markowitz hat sich in der letzten Zeit die Vorstellung eines operativen Kontinuums von Wahrnehmung und Verstehen ausgebildet.) Mindestens kann man aber sagen, dass es Akte des Referierens-auf-etwas sind, welche die Initialisierung von Operationen der Wahrnehmung und der Kommunikation erzeugen. Von Kommunikation kann gesprochen werden, wenn die Akte mit Hilfe der Unterscheidung von Information und Mitteilung zustande kommen. Mit Luhmann hat es sich eingebürgert, diesen Fall Verstehen zu nennen. Von Wahrnehmung kann gesprochen werden, wenn die Akte mit Hilfe der Unterscheidung von Verhalten und Ausführungsvarianten des Verhaltens geformt werden. Die Bezeichnung eines relationierenden Aktes in der Wahrnehmung scheint allerdings fraglich, denn sie legt die unzutreffende Vermutung nahe, ein rein innerpsychischer Vorgang sei gemeint. Denn die entsprechende Operation meint den Vorgang der selektiven Synthese dreier Selektionen. In Fall eines operativen Kontinuums von Wahrnehmen und Verstehen ist damit der selektive Akt des Deutens eines Verhaltens als spezifische Ausführungsvariante einer Intention gemeint, die wiederum am Verhalten abgelesen wird (Goffmans Begriff des Engagements ist hier von Bedeutung). Verstehen versteht sich dann von selbst. Als Verhalten wird hier das Verhältnis verstanden, in das sich ein Bewusstsein zu seinem Weltverhältnis setzt. Man kann sich nicht nicht verhalten. Verhalten kann dann anhand der Unterscheidung von attentionaler, intentionaler und konstitutionaler Verhaltensdimension weitreichend dekomponiert werden. Die sozial gesteuerte Attribution von Erleben und Handeln ist damit nicht gemeint (siehe den Hinweis auf die soziale Grammatik). Als Grundoperation des Bewusstseins kann das Referieren-auf-etwas verstanden werden, wobei es sich auf intentionale wie attentionale Gehalte beziehen kann. Man müsste dann Vollzug als Selbstreferenz von Bezug als Fremdreferenz unterscheiden: Die Bezugspunkte des Referierens werden im Vollzug des Referierens selbst gesetzt. Der sich daraus ergebende Zirkel ist durch Wahrnehmung irritierbar. Gehirn und Bewusstsein wirken mithin in der Konstitution der Bezugspunkte zusammen, sind aber als operativ geschlossene Systeme gedacht, die strukturell gekoppelt sind. (Referenzzirkel)

Fortsetzung

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