Habermas und Luhmann
von Kusanowsky
Habermas: Herr Luhmann, Sie behaupten, daß meine Theorie gar keine Soziologie sei, da ich für meine Gesellschaftsanalyse einen idealen Maßstab, wie eine gute Gesellschaft aussehen sollte, brauche. Wie aber, frage ich sie, will man denn überhaupt Wissenschaft betreiben, wenn man seine normative Basis nicht reflektiert und offenlegt? Es gehört doch inzwischen unbestritten zum wissenschaftlichen Anstand, seinen Maßstab zu benennen, […] An der Schwierigkeit, sich über den eigenen Maßstab Rechenschaft zu geben, hat die alte Kritische Theorie von Anbeginn laboriert. Ich habe es einerseits als meine Aufgabe angesehen, das Defizit der alten Kritischen Theorie zu beheben. Ich war immer der Auffassung, daß die normativen Gehalte einer Theorie zur Theorie selbst gehören müssen. Darum muß jeder Wissenschaftler seinen normativen Maßstab rekonstruieren. Andererseits wollte ich die Kluft zwischen gesellschaftlicher Realität und Idealen verringern. Ideale muß man als konstitutive Ideen verstehen, die ihres >fundamentum in re< nicht entbehren, und die politische Anstrengung der Menschen muß sich darauf richten, die Abweichungen von ihren lebensorientierenden Idealen zu verringern. In diesem Sinne ist das Projekt der Aufklärung erst noch zu vollenden.
Luhmann: Sehen Sie, an dieser Stelle habe ich bereits meine Schwierigkeiten. Als Soziologe kann man eine Gesellschaftstheorie so nicht einführen. Das könnte man als Philosoph oder als normativ orientierter Politikwissenschaftler, wobei ich auch dabei meine Bedenken anmelden würde. Die hatte ja auch Ihr Ziehvater Adorno schon, der sagt, daß sich das abstrakte Aufklärungsziel Gerechtigkeit in der gesellschaftlichen Realität zur Ungerechtigkeit wandelt. Adorno war in vieler Hinsicht realistischer als Sie. Ich habe ganz zu Beginn meiner Gellschaftstheorie im Jahre 1968 bereits gesagt, daß es um eine nüchterne, unbefangene Würdigung der Wirklichkeit gehen muß. ich bin zwar kein empirischer Forscher, doch basiert meine Theorie auf Milieukenntnis. […] Als Jurist ist man immer mit Problemen konfrontiert und muß diese Probleme lösen. […] Sieht man irgendwann einmal über den Rand seines Juristenhorizontes hinaus, entdeckt man, daß die Gesellschaft insgesamt doch ganz ordentlich funktioniert. Dann fragt man sich, wie trotz aller Probleme gesellschaftliche Ordnung möglich sei. Bei Ihnen ist eine gesellschaftliche Ordnung schon vorher da, und dann weiß man auch, wie die funktioniert. Bei mir stellt sich die Frage, wie es denn überhaupt zu einer Ordnung kommen kann. Ihr Ausgangspunkt ist die heile Welt, meiner die Probleme.
Zitiert nach: „Jürgen Habermas zur Einführung“ von Detlef Horster, Seiten 33/34; Junius Verlag, Hamburg 1999

Sehr gut! Ja, so kann man den Unterschied der Ambitionen der Beiden beschreiben. Übrigens ist es so, dass sehr viele der heutigen Akademikerdebatten fruchtlos verlaufen, weil die Erklärungsziele so unterschiedlich sind: was die einen für spannend halten, ist für die anderen banal. Das zeigt, wie sehr „personengebunden“ die Wissenschaft letztlich noch ist, wie wenig es den meisten gelingt, darüber hinaus zu gehen.
„wie wenig es den meisten gelingt, darüber hinaus zu gehen.“ Was müsste den geleistet werden, um darüber hinaus zu gelangen?
Was Luhmann angeht, gab es ja früher immer wieder Streit um den Vorwurf der Affirmation gesellschaftlicher Verhältnisse. Von kritischer Seite hieß es immer, Luhmann sehe nicht, dass theoretische Positionen im Wissenschaftssystem sich so leicht als politische Legitimationsideologien in Dienst nehmen ließen, wie Habermas das unterstelle. Eine andere, ernstzunehmende Frage war aber auch immer, ob Denkansätze den Denker selbst politisieren in dem Sinne, dass die selbstgeschaffenen Denkzwänge ihn zu bestimmten Einstellungen führen gerade dann, wenn er seinem Denken den Primat über seine politischen Vorurteile gebe. Ich würde hier die persönliche Präferenz in der Politik mit Luhmanns politischem Vorurteil gleichsetzen. Dann könnte man Luhmanns kritisierten affirmativen Standpunkt ebenso wie beispielsweise Derridas politisch engagierten doch wieder mit Luhmann erklären, nach dem der politische Standpunkt eben persönliche Präferenz und nicht theoretisch hergeleitet ist. Es sei denn, der Denker lässt sich von seinen Denkzwängen politisieren.
Die Vermutung übrigens, dass Luhmann mit der Marx-Tradition nichts anfangen konnte, dürfte falsch sein. Luhmann hat in Seminaren immer geäußert, dass er marxistische Theorie schätze; und Dirk Baecker hat in früheren Texten recht häufig Bezug auf Marx genommen. Luhmann kann sich aber vom Theoriedesign her nicht mehr auf Hegel/ Marx und die Tradtion berufen. Warum? Dialektik geht von der Vermittlung zum Vermittelten aus. Bestimmt sind die „Relationen“, „Verhältnisse“, „Wechselbeziehungen“, die logisch/rhetorisch im Modus des „Widerspruchs“ ausgewiesen sind, die vorrangig empirisch/soziologisch als Konflikt bestehen. Wobei das Verhältnis von Widerspruch und Konflikt in einem selten nur problematisierten Abbilungsverhältniss von 1:1 angenommen wird. Soziale Formen (Simmel), Institutionen (Schelsky, Gehlen) und Figurationen (Elias) sind dann ausgewiesen als Etwas, das den Konflikt zugleich zeigt als auch verbirgt. Dadurch entsteht eine Theorielandschaft, die, wenn konsistent durchgeführt, aus bestimmten Vermittlungen besteht, das Subjekt (und auch: Natur) vermittelt wiederum soziale Verhältnisse, seit Marx mit der zentralen Universalvermittlung „Praxis“. Bei Habermas: kommunikative Praxis. Luhmann nimmt aber als Vermittlungskategorie zwischen Systemen Perturbationen an. Die Vermittlungen sind unbestimmt, bestimmt dagegen ist die systeminterne Reproduktion von kommunikativen Ereignissen aufgrund eines paradoxalen Selbstverhältnisses, dessen Seitenwechsel als reale, zeitbeanspruchende/zeiterzeugende Operation auf der Ebene der Strukturen geregelt ist. Symbiotische Mechanismen und zugriffsfeste Komplexität durch Interpenetrationen führen nun nicht unter der Hand bestimmte Relationen doch wieder ein, sondern lassen sich nur als Beobachter feststellen, wenn dieser verschiedene Systeme unterscheidet und dann feststellt, dass beide offenbar parallel zueinander evolutionär driften. Den Grund für diese Veränderung einer Theorienanlage müsste man also in der Veränderung der Systeme selbst finden und nicht in persönlichen Entscheidungen eines Wissenschaftssubjekts.
@Stephan P. Marx‘ Begriff der Praxis lässt sich meines Erachtens jederzeit mit Luhmann rekonstruieren, allerdings hinsichtlich einer organisationssoziologischen Betrachtungsweise. So könnte man die Relation (Konflikt, Antagonismus, Widerspruch) in ihre extrem abgespeckten, voraussetzungsärmeren Varianten des „Reentry der System/Umwelt-Differenz“ als Selbstreferenz und die „Perturbation“ als Fremdreferenz auflösen. Das „Bewegende“ entsteht dann nicht mehr aus der Relation, sondern ist bereits Teil des Systems. An dieser Stelle des Umgangs mit der Reproduktion der Grenze bekommt man beide Theorien in ihrer Unterschiedlichkeit in den Blick. Und man beginnt zu ahnen, dass bei praktischer Orientierung Dialektik besondere anregende Stärken in der Organsiationstheorie und Systemtheorie in der Gesellschaftstheorie hat. Und dem Systemtheoretiker, Formenlogiker und Organisationssoziologen kann man nun bestimmt nicht vorwerfen, er wisse nicht was es heisst, wenn er von Dialektik schreibt. Ich würde bei Luhmann den Vergleich mit einem anderen Autoren als Hegel suchen: Mit der Luhmannschen Systemtheorie hatte die Soziologie endlich die radikale Entsubstanzierung nachgeholt, die die Physik Anfang des 20. Jahrhunderts durchlitt. Nach Einstein, Maturana und Luhmann stellt sich die Frage nach „Praxis“ jedenfalls entschieden anders als noch zu Marxens Zeiten.
In diesem Zusammehang, also im Zusammenhang zwischen „Marxscher Praxis“ und den von nach wie vor sehr gut funktionierenden Organisationen, bei aller Dividualität ihres Selbstzugriffes und Kontingenzproliferation, durch die die funktionale Differenzierung unter Druck gesetzt wird, kann man dennoch skeptisch beobachten, dass die stratifizierten Organisationen mit ihrer EDV ihr personales Inventar fest an ihre Abläufe ketten. Auch die Klientel wird so zu Quasimitgliedern der Organisation, allerdings ohne Entscheidungsbeteiligungen. Die überbordenden Managementberatungen zielen darauf ab, doch wieder das Kerngeschäft auf Kapitalverzinsung oder auf Rechtmäßigkeit des Verwaltungshandelns und Machtauserhalt zu trimmen. Drohende Kontingenz wird klein gemacht. Zugleich wird Bedarf nach Diversifikation aufgenommen, der darauf hinaus läuft, ihrer Klientel Allzuständigkeiten anbieten zu können. Marx würde müde nicken und auf seine These von der in Organisationen eingebauten Monopolisierungstendenz verweisen. Monopolisierung bedeutet eine organisierte Gesamtverkettung von Ereignissen, die zuvor funktional separiert nicht durchrechenbar waren. Und auch Datenschutzorganisationen können nicht mehr als Wächter bezüglich der Frage fungieren, unter welchen Bedingungen Ereignisse unterschiedlicher Systeme durch Organisationen verkettet werden dürfen oder nicht. An den Adressen (Personen, Organisationen) kommt es dann zum Schwur, wie Ereignisse aus einem System in einem anderen System wohlkalkuliert/wohlkalkulierbar durchschlagen.
Dass man diese latente Tendenz der Provokation der funktionalen Differenzierung durch Organisationen als Akademiker vielleicht nicht ganz so klar im Blick hat, mag daran liegen, dass die Organisation des Wissenschaftsbetriebs zu den strukturell schwächsten Organisationen gehören, was vielleicht daher kommt, dass der Wissenschaftsbetrieb gegen alle Perturbation (Ablenkungserzeugung) relativ immun ist und darum sich paradoxerweise selbst schwächt. Ein Indikator für die Schwachheit der Wissenschaftsorganisationen mag darin zu sehen sein, wie leicht und bereitwillig sich Hochschulen im vergangenen Jahrzehnt durch Politik und Wirtschaft haben verschulen lassen, indem sie dem verunsicherndversichernden Diskurs, der Perturbationen auslösen könnte, keinen intra- oder interinstitutionellen Ort mehr zuweisen können.
Karl Marx über den Staatsapparat (im 18. Brumaire des Louis Bonaparte):
„Diese Exekutivgewalt mit ihrer ungeheuern bürokratischen und militärischen Organisation, mit ihrer weitschichtigen und künstlichen Staatsmaschinerie, ein Beamtenheer von einer halben Million neben einer Armee von einer andern halben Million, dieser fürchterliche Parasitenkörper, der sich wie eine Netzhaut um den Leib der französischen Gesellschaft schlingt und ihr alle Poren verstopft… Eine Staatsmacht, deren Arbeit fabrikmäßig geteilt und zentralisiert ist …
Jedes gemeinsame Interesse wurde sofort von der Gesellschaft losgelöst, als höheres, allgemeines Interesse ihr gegenübergestellt, der Selbsttätigkeit der Gesellschaftsglieder entrissen und zum Gegenstand der Regierungstätigkeit gemacht, von der Brücke, dem Schulhaus und dem Kommunalvermögen einer Dorfgemeinde bis zu den Eisenbahnen, dem Nationalvermögen und der Landesuniversität Frankreichs. …. Alle Umwälzungen vervollkommneten die Maschine statt sie zu brechen.
@Penthesilea
„Mit der Luhmannschen Systemtheorie hatte die Soziologie endlich die radikale Entsubstanzierung nachgeholt, die die Physik Anfang des 20. Jahrhunderts durchlitt. Nach Einstein, Maturana und Luhmann stellt sich die Frage nach „Praxis“ jedenfalls entschieden anders als noch zu Marxens Zeiten.“
Ja, völlig anders: Als „nicht mehr stellbar“ bzw. „gegenstandslos weil scheingeklärt“ unklärbar durch Luhmannsche Systemtheorie.
Eventuell versucht „man“ es mal mit einer anderen Systemtheorie?
Einer, die System nicht als permanent sozial amputierte intellektuelle Spielwiese, sondern als Vollsystem begreifen kann und will, mit Schlußfolgerungen, die Bedingung und Eigenart von Systemen zur Erlangung typischer Emergenz zur Basis operationellen Handelns machen kann. Aber: „Einstein, Maturana und Luhmann …“ zum einen in eine Reihe zu stellen und zum anderen alle als „Beleg“ für o.g. Einschätzung hin zu schmeißen ist extrem grenzwertig und zeugt nicht gerade davon, daß Penthesilea auch verstanden hat, was er/sie da treffend auf „Luhmannschen Systemtheorie“ formuliert hat.
Einstein hat damit nichts zu tun, im Gegenteil, er ruderte gegen den Strom, und Maturana spielt zum einen in einer völlig anderen Klasse als Penthesilea und Luhmann und wird wohl zum anderen nach reichlicher weiterer Entwicklung mehr im medizinischen Bereich als im sozialen punkten. Wer über diese Leute redet, sollte zuvor sich ansehen, was diese selber nicht sein wollen, womit sie nicht verglichen werden möchten – schwache Leistung von Penthesilea, die auf Luhmann wohl bedingt zutreffen kann, aber das hat sich ja wohl von selber erledigt.
Ich vermute, dass das Interesse an der Marxschen Theorie, das bezieht sich übrigens auch auf die Ignorierung, sofern diese Ignorierung mit einer alternativen Betrachtnungsweise verknüpft wird, nach wie vor an einem Problem der Steuerung von Systemen orientiert ist. Bei Problem der Steuerung in Organisationen geht es m.E. um die Differenz der Minimierung und Maximierung von Effekten. Das könnte heißen, dass es bestimmte Beobachter gibt, die mit dieser Unterscheidung arbeiten und eben deshalb Steuerungsprozesse konstruieren. Wenn man die Unterscheidung mit Hierarchie bzw. Komplexitätsgefälle konditioniert, übersieht man vielleicht, dass der Beobachter, der mit dem Schema arbeitet, sich nicht selbst an Hierarchie binden muss. Er kann die Differenz von Minimierung und Maximierung an Strukturen binden, die als Kombinationsspielräume bestimmte Ereignisse selbsttätig zulassen und andere ausschliessen. Das Problem wird damit auf die Ebene der Entscheidung über Entscheidungsprämissen verlagert, also auf die Ebene von Strukturvorgaben, die festlegen, was in der Organisation als Entscheidung beobachtet werden kann. Das Steuerungsproblem liegt möglicherweise weniger darin, dass solche Strukturvorgaben Dezentralisierung oder Heterarchien sein können, sondern eigentlich darin, dass die Ordnungsprozesse der Organisation auf mikrodiverse Turbulenzen angewiesen sind, und damit auf Pertubation.
Damit wäre die basale Zirkularität so definiert: Steuerung reagiert auf Mikrodiversität, die auf Steuerung mit weiteren mikrodiversen Prozessen reagiert, die weitere Steuerung erforderlich machen usw. Diese Zirkularität verbraucht sich nicht, sie ist katalytisch und damit vielleicht auch das Medium, in welchem die Organisation ihre Form gewinnt. Man könnte also paradox formulieren: Das System benötigt Steuerung, weil es die basale Unordnung benötigt, und die Unordnung benötigt Steuerung, damit sie Mikrodiversität ist, und so fort. Man könnte dann dieses unvermeidbare Problem daraufhin überpfüfen, wieviel Mikrodiversität eine Organisation durch Steuerung stimulieren und beobachten will und wieviel nicht. Aber letztlich, das dürfte auf alle Steuerungsmodelle zutreffen, gilt, dass Steuerung nur intern anschlussfähig ist und von außen nur auf Irritationen reagiert, so viel in der Umwelt auch immer von Steuerungsvorgaben gesprochen werden will: das Schicksal der Organisation liegt in ihrem eigenen Vermögen.
So ist der Wissenschaftsbetrieb nicht einfach nur durch Kapitalzwänge geschwächt, sondern Kapitalzwänge stellen nur eine weitere Umweltbedingung her, unter denen die Organsation ihre Effekte maximieren oder minimieren kann.
Der Zusammenhang zwischen Organisationstheorie und dem marxistischen Kritikbegriff, wie er sich in diesem Kommentarwechsel abzuzeichnen beginnt, scheint sich durch die Beschleunigung der funktionalen Differenzierungen ergeben zu haben, denn durch diese Beschleunigung entstand eine „Kontingenzexplosion“ und ein beinahe wahnsinniger Regelungsbedarf, der übrigens – das zeigt das Zitat aus dem „18. Brumaire“ – schon frühzeitig beobachtet und erklärt wurde. Alles, was spätestens seit der Industrialisierung geschah, beobachtet und mitgeteilt wurde, konnte mehr und mehr als möglich, und nicht mehr als notwendig behandelt werden, wodurch die Möglichkeit einer verbindlichen Welterzählung verschwand und möglicherweise erst in dem Diskurs um Postmoderne wieder einen, wenn auch sehr selbstwidersprüchlichen Anfangspunkt fand: man kann seitdem verbindlich erklären, dass nichts mehr verbindlich erklärt werden kann. Aber: müsste seitdem nicht jenes Ausufern von Kontingenz wie dies der Diskurs um Postmoderne beobachtbar machte, lesbar als massiver Orientierungsverlust, nicht erneut Gesellschaftskritik entmutigen? Dass dies nicht geschieht, scheint mir an der Funktion von Organisation zu liegen. Organisation sorgt dafür, dass alles, was entschieden wird, kritikfähig bleibt; und solange Organisationen ihre Stabilität behalten, behalten sie auch immer eine Kritikikabilität. Insofern ist damit auch noch einmal ein Verweis auf die unterschiedliche Theorieanlage von Habermas und Luhmann möglich. Habermas, so könnte man vielleicht formulieren, bleibt bei Entscheidungsproblemen innerhalb von Organisationen, die ja immer auch auf Normativität angewiesen sind. Luhmann musste dagegen diese Problemstellung ebenfalls auf einer nächsten Beobachtungsebene behandeln. Allerdings würde das „Experimentum crucis“ der Luhmann-Apostel so aussehen: auch sie müssen, wissend, dass ihre Theorie eigentlich keine Entscheidungsvorlagen mehr definieren kann, an Entscheidungsnotwendigkeiten partizipieren, was immer auch heißt: Entscheidung und ihre Durchsetzung rechtfertigen, sich also der Kritik aussetzen und folgerichtig Gegenkritik betreiben. So kommt es vielleicht auch, dass der wissenschaftliche Nachwuchs damit anfängt, Luhmanns Theorie zu Rechtfertigungszwecken zu gebrauchen, wie man das in diesem Kommentarwechsel hier beobachten konnte. So ergibt sich, dass die organiserte Luhmann-Theorie sich innerhalb eines Habermas-Universums bewähren muss und möglicherweise verliert sie dadurch ihre Legitimität, sobald auch mit systemtheoretischen Argumenten die Defizite verteidigt werden, die durch ihre Organisation durchgesetzt werden.
Das gemeinsame Problem Eurer Beobachtung der Habermas – Luhmann – Thematiken ist der mehr oder weniger ungeordnete Rekurs auf verschiedene Theorem und deren wenig konkrete Rezeption, gipfelnd im Einstein – Maturana – Luhmann – Konstrukt.Und Marx darf auch noch mitmachen.
Um etwas an Luhmann orientierte Ordnung in die Diskussion zu bringen, die semantischen Vorleistungen der „abendländischen Philosophie“ zu würdigen und die beobachtbare Dezentrierung der Gegenstände des Denkens und des Denkens und der Sprachen zu ordnen, möchte ich Euch auf eine Rede von Karl Heinz Ladeur hinweisen.
Danach wird viele hier angedachte Fragen trotz aller Ungewissheit sicher klarer zu formulieren sein.
Viel Spass: http://www.philosophische-gesellschaft-bremerhaven.de/dokumente/2011/ladeur/Komplexitaet.pdf
Woran erkennt man einen „ungeordnete Rekurs auf verschiedene Theoreme“ und eine „wenig konkrete Rezeption“? Wer kann Orientierung einbringen und womit? Woran erkennt man, dass dieser Orientierungsversuch nicht ebenfalls all die bezeichneten Defizite aufweist? Wie käme man weiter, wenn man „die Dezentrierung der Gegenstände des Denkens und des Denkens und der Sprachen“ nachvollzogen hat? Käme man erst wieder weiter durch Klarheit? Wessen Klarheit? Und Ordnung? Wessen Ordung? Welche eindeutige Kriterien gibt es für die Bestimmung von Eindeutigkeit?
Ich habe diesen Text ja nicht zufällig vorgeschlagen, er sollte dieser etwas konfusen Diskussion argumentative Klarheit und etwas Historizität des Denkens und die erwähnte Verschleifung mit Praxisbereichen hinzufügen.Einstein&Co hatten wir ja schon,aber auch der ahistorische Einwand,
Komplexität der Industrialisierung mit Der von heute gleichzusetzen, steht für eine
tendenziell ins Fabulieren abdriftende Schönworterei.
Und: nach der Lektüre des genannten Artikels hätte der geneigte Leser die eine oder andere Frage nicht mehr oder nicht so gestellt.
Und zuletzt enthält dieser Text systemtheoretisch inspirierte Empfehlungen für verschiedene Teilsysteme,etwas, von dem diese Diskussion noch weit entfernt ist.
Ich hatte gehofft, das neuronale Flackern würde etwas rhythmischer 😉
Zum Thema Klarheit, wie und ob sie durch eine Diskussion überhaupt zustande kommen kann, empfehle ich diesen Link.
Das Konfuse an der hier ablaufenden Diskussion scheint mir durchaus wahrscheinlich, jedenfalls nicht unwahrscheinlicher zu sein als in allen anderen Diskussionen, auch in solchen, die auf Klarheit großen Wert legen. Für sehr unwahrscheinlich halte ich dagegen die Durchsetzung einer interventionistischen Absicht, die Ordnung in ein Chaos bringen möchte, welches selbst immer nur auf der Basis einer Differenz zur Ordnung durch Beobachtung von Ordnung zustande kommen kann, womit eine Differenz immer einen beobachtungsleitenden und damit ordnungsfähigen Anschlusswert herstellt. So ist die Feststellung von Unordnung nur ein weiterer Beitrag zur Entrollung eines Ordnungsgefüges, das für verschiedene Betrachtungsweisen verschieden Anschlussmöglichkeiten liefert, also auch für die Absicht, auf Konfusion hinzuweisen, allerdings ohne die empirische Möglichkeit herzustellen, diese Konfusion zu vermeiden. Vermeidungsstrategien dieser Art scheinen mir ein typischer Versuch zu sein, die Dokumentform auf ihre Haltbarkeit zu testen, indem Zentrierungen durch Zusammenfügung Konzentration erzeugen um die Erwartung von Anschlussfindung auf Regeln der Fortsetzung der Kommunikation zu beschränken. In dem Maße, wie dies gelingt, werden Versuche zur Dezentrierung wahrscheinlicher, weil sie als kalkulierte Regelverletzungen immer einen Überraschungsanlass liefern. Insofern weist dein Interventionsversuch eine ganz normale Selbstwidersprüchlichkeit auf: Apppell zur (Kon)Zentrierung auf Dezentrierung. Aber diese Intervention ist nur ein weiterer Beitrag zum Fortgang einer Diskussion, in welcher sich die Regeln selbst ermitteln lassen müssen, damit sie weiter gehen kann. So sind alle anderen Beiträge auch nur Interventionen, die man eventuell auf gleiche Weise auf ihre Selbstwidersprüchlichkeit untersuchen könnte, wodurch sich die skeptische Anschlussüberlegung ergibt, wie eine Kommunikation weiter gehen könnte, wenn jede Art von Widerspruch und Selbstwiderspruch vermieden werden müssste.
Aus einer Empfehlung zur diskursiv prozedural gemeinten Miterzeugung von mehr Varietät und Kreativität – um die Systeme zu irritieren – ein interventionistisches Konzept machen zu wollen ist in seiner Einfachheit schon fast böswillig.
@Walter Mengel @Kusanowksy
„Die Nutzung des Internet hat die Kommunikationszusammenhänge zugleich erweitert und fragmentiert. Deshalb übt das Internet zwar eine subversive Wirkung auf autoritäre Öffentlichkeitsregime aus. Aber die horizontale und entformalisierte Vernetzung der Kommunikationen schwächt zugleich die Errungenschaften traditioneller Öffentlichkeiten. Diese bündeln nämlich innerhalb politischer Gemeinschaften die Aufmerksamkeit eines anonymen und zerstreuten Publikums für ausgewählte Mitteilungen, sodass sich die Bürger zur gleichen Zeit mit denselben kritisch gefilterten Themen und Beiträgen befassen können. Der begrüßenswerte Zuwachs an Egalitarismus, den uns das Internet beschert, wird mit der Dezentrierung der Zugänge zu unredigierten Beiträgen bezahlt“ Jürgen Habermas 2006 zit. in DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 10.3.2006.
„ist in seiner Einfachheit schon fast böswillig“ – diese Böswilligkeit müsste man nachweisen, und die Einfachheit auch; Unterstellung allein reicht nicht. Ich bitte darum, meinen vorhergehenden Kommentar noch einmal zu lesen und den Kontext mitzuberücksichtigen, durch den die Vermutung von Intervention als Möglichkeit erscheinen konnte.
@kusanowsky – und alle liebenswürdigen anderen: zwar bin ich nun hellwach, nachdem ich diese 15 Seiten des Karl-Heinz Ladeur gelesen habe, aber mir schwirrt selbstverständlich erst einmal der Kopf. Ich bin auch weit davon entfernt, zu glauben, es liesse sich – und doch wohl gar nicht ad hoc – zu alldem hier so engagiert und gleichwohl gelassen Vorgetragenem etwas Sinnvolles, Weiterführendes und im besten Sinne Anschlussfähiges wie Anschlussgerechtes sagen. So sage ich zunächst einmal Euch allen nur Danke. Denn ich selber bin im Moment durchaus ein inneres Stück weiter, auch wenn ich es wohl doch noch nicht artikulieren und damit „beweisen“ und einsichtig machen kann. Ich kann aber zeigen und – das wenigstens – sagen, WARUM ich so fühle, wie ich nun einmal grade nach dieser Lektüre von allem hier und von Ladeur fühle:
Ich breche ab, weil ich einen Sprung machen muss: Ich muss zunächst einmal sagen und zeigen, worauf ich mich stützen möchte. Wer mein Twittern in den letzten Tagen verfolgt hat, der wird sich NICHT wundern: Stützen möchte ich mich auf die in meinen Tweets bereits erwähnten 73 Nummern (#1 bis #73) des Remigius Bunia in seinem ebenfalls von mir nun schon in zahlreichen Tweets erwähnten Buch „Romantischer Rationalismus“. Für mich sieht das dann so aus: Zwar bin ich soeben – sozusagen – lang hingeschlagen, als mir der Ladeur vor Augen kam, aber weil ich mein sozialisiertes Leseschicksal ja kenne, war ich dann doch gar nicht so überrascht, sondern einfach nur dankbar: Ich durfte wieder einmal erkennen, dass es eben doch die „Götter“ sind, (zum Beispiel, um des Spaßes halber im Bilde zu bleiben, Pallas Athene, die bislang über 75 Jahre mein Lesen immer geleitet zu haben scheint), die mich auch erst den Remigius Bunia kennen und lesen liessen, bevor mir nun der Ladeur begegnet, der mir – als Gelegenheits-Luhmannianer – nach 55 Luhmann-Büchern doch noch einiges Grundlegendes, so bislang doch eben nicht Verstandenes beigebracht hat. Damit Ihr das nachvollziehen könnt, zitiere ich einfach mal eine (oder mehrere) Nummern dieses Bunia, man wird sehen):
#33 „Nicht über Dinge und Ideen zu sprechen, sondern über Prozesse und Operationen ist nach wie vor eine Option. Novalis liefert einige Bemerkungen, die darauf hindeuten. Aber sie haben sich nicht zu einem greifbaren Entwurf verdichtet. Eine solche Verdichtung mag sein Ziel gewesen sein. Eine adäquate Terminologie für seine Idee hat sich erst im 20. Jahrhundert dank der modernen Linguistik seit Ferdinand de Saussure und seit der Entstehung der Kybernetik herausgebildet. Dabei gebührt letzter – und den daraus entstandenen Denkrichtungen wie denjenigen von Gregory Bateson und Niklas Luhmann – besondere Aufmerksamkeit, weil sie – als Differenztheorie – nicht mehr auf einem Primat der Sprache setzt. Die prozeßorientierten Beschreibungen erlauben die Überwindung der alteuropäischen Aktiv-Passiv-Paare (Signifikant/Signifikat, Subjekt/Objekt etc.), die den Blick auf das Netzwerk der >gegenständlichen Akteurenur die Kommunikation kann kommunizierenscharf<, also determiniert sowie determinierend sich abzeichnenden semantischen Objekten hantiert und jongliert. Eine künftige nichtmathematische und dennoch strenge Sprache der Form würde lizide und präzise Beschreibungen auch des Ungenauen und Nichtpräzisierbaren erlauben."
Ich denke, meine Freunde, dies mag für's erste und für heute genügen. Ich hatte es schon getwittert: Wer wirklich auf der Höhe unserer Zeit mitreden will, der kommt um diese #1 bis #73 des Remigius Bunia nicht drumherum.
Rudi K. Sander alias dieterbohrer aka @rudolfanders aus Bad Schwalbach auch in http://www.sinnweltentheorie.de oder:
http://supersozius.wordpress.com
@Kusanowsky: Hoppla ! Wo sind denn hier die mit mühevollem Abschreiben zitierten anderen drei oder vier weiteren Nummern geblieben?
@dieterbohrer Welche drei oder vier weiteren Nummern?
sehe ich eben zu spät: ist ja inzwischen erledigt.