Thanatos und Eros

von Kusanowsky

Thanatos und Eros. Man wird wohl eine Belanglosigkeit notieren, wenn man aufschreibt, dass Liebe und Tod die größten sozialen Rätsel sind. Die Belanglosigkeit resultiert aus der Bedeutsamkeit dieser Themen. Die Belanglosigkeit entsteht dadurch, dass diese Themen im Gespräch eigentlich keine Außenseiterposition zulassen. Das heißt nicht, dass alle Beiträge gleich gut und gleich viel wären; das heißt nur, dass es niemanden gibt, der darüber mehr und besseres weiß als alle anderen. Die Unterschiede der Beiträge mögen in ihrer Dareichungsform liegen, in der Mannigfaltigkeit ihrer Verweisungen und Verknüpfungen, in der Art wie sie verdichtet oder ausgearbeitet werden. Das macht gewiss den einen oder anderen Beitrag interessanter. Grundsätzlich aber gibt es in Angelegenheiten von Liebe und Tod keine Fachexperten; es gibt niemanden, der methodisch kontrollierbare Aussagen gewinnen könnte; niemanden, der näher an die Quelle der Erkenntnis heran käme; niemanden, der mit einiger Gewissheit behaupten könnte, in dieser Hinsicht auf etwas gestoßen zu sein, das anderen bislang verborgen bleiben musste.

Ein Gespräch über Liebe und Tod läßt keine In- und Exklusionsregeln zu. Daher die Trivialität. Man könnte vermuten, dass das daran liegt, dass diese Themen alle angehen, dass sich niemand der Beschäftigung damit wirklich entziehen kann. Ob das stimmt oder nicht ist eine Frage, eine viel interessantere, aber ebenso belanglose ist, warum es trotz aller generationenlangen Bemühungen nicht gelungen ist, darüber etwas in den Bestand des positiven Wissens aufzunehmen. Das heißt ja nicht, dass darüber nichts gewusst wird. Im Gegenteil scheint mir das Wissen darüber geradezu unermesslich zu sein. Wohl aus diesem Grunde wird es darum wohl auch belanglos.

Ich bin mir nicht sicher, ob man sich auf die Generalisierung einigen könnte, dass alle Beschäftigungen, egal welcher Art, die Wissenschaft, die Kunst, die Technik, die Politik und was immer, nur durch einen zentralen Motivationspunkt in Erscheinung treten, dass – wie Psychoanalytiker es gerne haben möchten  – Thanatos und Eros das erste und letzte sind, was alle Beschäftigungen antreiben. Generalisierungen dieser Art stellt man am besten unter Ideologieverdacht, weil sie etwas anderes als das, was sie behaupten, gar nicht zulassen dürfen.

Die Liebe und der Tod – die ebenso bedeutungsvollsten wie belanglosesten Themen, die die Welt kennt, weshalb es ratsam erscheint, damit gar nicht erst anzufangen.

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