Ruine und Denkmal

von Kusanowsky

Ruinen werden nicht entdeckt; sie werden erfunden. Sie erscheinen aus dem Dickicht des Unbekannten. Ruinen erfinden kann nur wer zur Vergeßlichkeit bereit ist. Dazu gehört sehr viel.
Ruinen, hier nicht im allgemeinen Verständnissinne genommen, das zerstörte und unbenutzbare Mauerreste als solche bezeichnet, sondern verstanden als Elemente unvollständig verstandener Strukturen, deren Erstgebrauch auf keinen Urheber zurückführbar ist; Ruinen, das sind verstreute Kombinationsmöglichkeiten, die Strukturbildungen über Zeitgrenzen zulassen. Zeitgrenzen ihrerseits sind unentbehrlich zur Bildung eben jener Strukturen, welche zur Entstehung auf eine nur gering determinierte, aber nicht unbegrenzt behandelbare Formalität angewiesen sind. Man hätte es in dieser Hinsicht mit einer prästrukturellen Formalitätsbasis zu tun, die streng genommen keine Kombinationsmöglichkeit ausschließt, aber jeder Kombination eine harte Bewährungsunwahrscheinlichkeit aufdrückt, was zur Folge hat, dass zunächst zwar viele Interpretationen möglich sind, die aber, sobald sie verstreut werden, der Formalität einerseits Komplexität abringen und andererseits in eine fest determinierte Interpretationsgrundlage zurückgeführt werden müssen. Andernfalls wüsste man nicht, was man verstanden hat, wenn man etwas verstanden hat.
Ruinen sind hier keine Gegenstände der Archäologie. Man könnte sie verstehen als Rahmenbedingungen aller Hermeneutik.

In ähnlcher Weise wie jede technische Erfindungskunst immer auch Grenzen ökonomischer Machbarkeiten in Erwägung ziehen muss, hat jede Deutungskunst ein Zeitproblem. Damit ist weniger die Taktung der Kognitionsprozesse gemeint, die sich an ein „Schneller“ oder „Langsamer“ orientieren. Wenn gleichwohl eine solche Orientierung unverzichtbar ist, so braucht diese ebenfalls Zeit, um ihre Ausrichtungsgeschwindigkeit zu justieren.
Die Deutungskunst findet statt dessen ihre Lösung im Problem. Wie schafft sie es nur, Zeit zu beschaffen, wenn sie dafür bereits Zeit braucht? Sie benutzt Zeitgrenzen als akausale Orientierungspunkte, die als Zeitzeichenelemente zunächst keine Klarheiten darüber zulassen, was wann geschah oder geschehen musste, damit das geschehen kann, was geschehen konnte. Zur Vermeidung einer Arbitrarität der Zurodnung vertieft sie sich in die Latenz der Unwahrscheinlichkeit ihrer Möglichkeiten, die auf der anderen Seite ihrer Operationen das Gegenteil dessen warhrscheinlich macht, was sie blindlings in Erwägung zieht. Man könnte auch sagen, die Operationen warten auf sich selbst. Die Deutungskunst findet darum ihre Lösung im Problem; Zeit ist im Ergebnis das, was das Ergebnis als Zeit zulassen kann, wenn die Zeit für Ergebnisse gekommen ist. Die Grenze des Zulässigen sind Zeitgrenzen, die aber nicht etwa Etappen zwischen Anfang und Ende markieren, sondern spezifische Differenzen von Vorstellbarkeit erzeugen, die nachher auf ein Vorher und vorher auf ein Nachher umgerechnet werden. Wer kennt nicht den seufzenden Ausruf: „Wenn ich das vorher gewusst hätte!“ – eine Einsicht, die man nachher gewinnt und dann nicht hätte gewinn können, wenn man sie schon vorher gehabt hätte. Aber diesen Zusammenhang wird übersehen, wird vergessen. Vergesslichkeit ist das, was zurück bleibt, wenn man sich an etwas Unvorhersehbares erinnert, weil sich alles nur in der Gegenwart ereignet. Man stößt die Leiter zurück, über die man hinauf gestiegen ist.
Ruinen sind keine Zeugnisse vergangener Zeiten. Sie sind die Formailitätsbasis des Erinnerns, deren strukturelle Integrität latent verbleiben muss, weil nur so die „Manifestationen des Geistes“ Haltbarkeiten erzeugen. Sie könnten dies nicht, wenn sie nicht zerstören könnten wodurch sie entstehen.
Denkmäler kann nur errichten wer Ruinen hinterläßt.

Jede Zeit, die sich auf sich selbst etwas einbildet, errichtet mehr oder weniger herrliche Denkmäler. Das deutlichste Merkmal der modernen Zivilisation besteht vielleicht darin, dass ihre Denkmäler nicht allein von ihrer Glorie erzählen. Und darauf bildet sie sich etwas großartiges ein.
Welche Skepsis man auch immer über die moderne Variante der Denkmalspflege und ihrer Kultur mit sich herum tragen möchte, auch der Denkmalsbegriff hat es verdient mit weniger Pathos betrachtet zu werden, zumal ja alle Skepsis immer das Pathos reflektiert und deshalb von diesem nicht recht ablassen kann.
Denkmal und Ruinen stehen komplemantär zueinander; sie bedingen sich gegenseitig in ihrer Identifizierbarkeit. Wenn die Ruine den Imperativ “denk mal!” setzt und entsprechende Ergebnisse erzwingt, so könnte man annehmen, dass das Denkmal diesen Imperativ umkehrt, weil ohnehin klar ist, was aus den Dingen wird. Sie werden das Zeitliche segnen, was nicht heißt, dass sie von ihrer Vergänglichkeit künden. Das Gegenteil ist ja der Fall. Man will Erinnerung bewahren, die Erinnerung unter den Schirm der Ewigkeit stellen. Das misslingt vorhersehbar, denn wo wäre immer währende Erinnerung abrufbar? Denkmäler verstehen wir dann, wenn sie als paradoxe Einheit von Zeitunterschieden verständlich gemacht werden können.

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