Differentia

Monat: März, 2010

Parabel: Der König von Savatthi

In alter Zeit, ihr Leser, gab es einen König in der fernen Stadt Savatthi. Und jener König befahl einem seiner Diener: „Heda, du Mann, gehe und versammle alle die von Geburt an Blinden, welche in Savatthi leben!“ – „So sei es, Herr“, antwortete dieser. Er ließ alle Blinden, so viele es auch in Savatthi gab, ergreifen und begab sich dorthin, wo der König weilte. Zum König gelangt, sprach er dies: „Versammelt sind fürwahr, Herr, alle von Geburt an Blinden, die in Savatthi leben.“ – „So sage ich dir, weise du den Blinden einen Elefanten!“ – „Es sei,Herr“, antwortete dieser Mann dem Könige und zeigte den von Geburt an Blinden mit den folgenden Worten einen Elefanten: „Dies, ihr Blinden, ist ein Elefant.“ Einige derselben ließ er das Haupt des Elefanten betasten und erklärte ihnen: „Dies, ihr Blinden, ist ein Elefant.“ Einigen anderen wies er die Ohren, wieder anderen den Stoßzahn, den nächsten den Rüssel, anderen den Körper, den einen den Fuß, den anderen den Rücken, dann den Schwanz und schließlich auch noch einigen die Schwanzquaste, stets mit den Worten: „Dies, ihr Blinden, ist ein Elefant.“

Nachdem der Diener den von Geburt an Blinden den Elefanten vorgeführt hatte, begab er sich zum König. Zum Fürsten gelangt, sprach er: „Ich habe, Herr, den Blinden den Elefanten gezeigt. Für was Du glaubst, dass die Zeit gekommen ist, das mögest du nun tun.“ Und der König begab sich dorthin, wo die Blinden versammelt waren, und im Hinzugehen, sprach er zu diesen: „Ist euch, ihr Blinden, der Elefant gezeigt worden?“ – „So ist es, Herr, der Elefant wurde uns gezeigt.“ – „So sagt nun, wem gleicht der Elefant?“ Die Blinden, die das Haupt des Elefanten betastet hatten, sagten: „Ein Elefant, Herr, ist gleich einem Topf.“ Jene, welche die Ohren befühlt hatten, sprachen: „Ein Elefant ist gleich einem Worfelsieb.“ Und die den Stoßzahn berührt hatten, die sagten: „Ein Elefant ist gleich einer Pflugschar.“ Die den Rüssel in Betracht zogen, sprachen: „Ein Elefant ist gleich einem Pflugsterz“, die den Körper betasteten sprachen: „Ein Elefant ist gleich

einem Nahrungsspeicher“, die den Fuß befühlt hatten: „Der Elefant ist gleich einem Mörser.“ Welche den Schwanz untersucht hatten: „Der Elefant ist gleich einem Stößel.“ Und die von Geburt an Blinden, die nur die Schwanzquaste betasteten, sagten: „Der Elefant ist gleich einem Besen.“ Und sie ereiferten sich und sprachen: „Dem gleich ist ein Elefant.“ – „Ein Elefant ist nicht so.“ – „Nicht ist der Elefant so, sondern so ist der Elefant.“

Da drangen sie aufeinander mit Fäusten ein; darüber, fürwahr, belustigte sich der König.

(Gleichnis aus der Sammlung buddhistischer Legenden UDANA, Palikanon, 2. Jhdt. nach Christus)

zitiert nach: Einführung in die Systemwissenschaft

Normal und Seltsam

Wenn man gelernt hat, das Normale und Alltägliche als seltsam und unwahrscheinlich zu betrachten, dann dauert es nicht lange bis die umgekehrte Betrachtungsweise genauso einleuchtet. Etwas, das sonst nur selten und unklar einleuchtet, das man nur verschwommen und vorbehaltlich berücksichtigen möchte, kommt auf einmal als eine Möglichkeit in Betracht, von der man plötzlich nicht mehr ablassen will; gemeint ist die Beobachtung, dass einen das Absonderliche plötzlich mit einer Aufdringlichkeit affiziert, die einen irritiert fragen lässt, warum man das das nicht schon längst so gesehen hat; sich selbst verwundert fragt, wie man es bisher – in diesem neuen Licht betrachtet – nur außer Acht lassen konnte.

Im Kontext von Tabu und Tabubruch kommen solche Einsichten unscheinbar zustande. Das inzwischen ganz normale, ja inflationäre Aufkommen von Diskussionen um den aktuellsten und sensationellsten Tabubruch lässt einem Beobachter die Frage immer wahrscheinlicher werden, dass tatsächlich von großen Geheimnissen und Unverletzlichkeiten die Rede ist, die durch sogenannte Tabubrüche nicht aufgehoben, sondern erzeugt werden. Der kritische Journalist, die engagierte Literatin, der eifrige Wissenschaftler bricht mal wieder mit irgendeinem Tabu! Und man kann an sich selbst bemerken, wie sehr man sich kaum der Aufmerksamkeitsrelevanz solcher Sinnangebote entziehen kann. Man liegt sicher nicht falsch, wenn man vermutet, dass in hochkomplexen Verhältnissen bestimmte Verstärkungsmechanismen entwickelt werden müssen, um der ständig steigenden Unwahrscheinlichkeit von Anschlussfindungen entgegenzuwirken. Es werden Überbietungsroutinen durchlaufen, die durch die Erwartung der Wahrscheinlichkeit von Aufmerksamkeitsdefiziten programmiert werden. Die sich daraus entwickelnden Strukturen erzeugen auf der anderen Seite dann das, was durch sie eigentlich verhindert werden soll, wenn sie sich erfolgreich entfalten: Verlust von Aufmerksamkeit mit der daraus notwendig resultierenden Konsequenz der verstärkten Wiederholung. Zukünftige „System-Empiriker“ werden anfangen zu erforschen, ob man bestimmte Sequenzen solcher Routinen abstecken, wie man ihre Frequentierung messen und wie man ihre Struktureffekte verfolgen kann. Dazu würden sie sich eben dieser Routinen bedienen, also Tabubruch-Skandale eigenständig inszenieren, was nicht gehen wird, ohne ein methodisch halbwegs gesichertes Wissen um eine vorhersehbare Zuverlässigkeit von Anschlussfindungen. Wichtigste Voraussetzung scheint mir aber zu sein, dass sich Ablöseprozese vollzogen haben müssen, die im Ergebnis von Angst- und Hoffnungsaffekten befreien und es vermögen, Tabubruchskandale wie ein Stück Brot zu betrachten, von dem man in Erfahrung gebracht hat, dass man es auch essen kann.