Protest – Dämonie oder Parodie der Masse?
von Kusanowsky
Protest ist großartig, Protest muss sein, der Protest geht immer weiter.
So etwas reizt zum Spott, zum Spott über den Protest, über den Protest gegen den Protest und über das Bekenntnis zum Protest usw. Ein Spottgedicht, welches hier in Reimen mitzuteilen allerdings zu lange dauert, müsste sich insbesondere darüber lustig machen, dass die demonstrativen Protestfeiern gegen die staatliche Obrigkeit nach einer 150 Jahre währenden Schleife wieder da angekommen sind, von wo sie in der Revolutionszeit vor und nach 1848 ihren Ausgangspunkt genommen hatten. Allerdings wäre dabei der Verschiebungsprozess der Legitimation von Staatsgewalt und Protestgewalt mitzubeachten.
Mit dem Prozess der Industrialisierung, durch den ab der Mitte des 19. Jahrhunderts die Aufstauung der Problementwicklung des Ancien Reimes nicht mehr garantiert werden konnte, wurden durch Verbreitungsmedien Massen organisierbar, ohne dass dafür zunächst Organisationsstrukturen vorhanden waren, also das, was wir „Nichtregierungsorganisationen“ nennen würden. Die Masse wurde so zum dämonischen Ereignis, zu einer Gewalt, deren Legitimation außerhalb der damals bekannten Unterscheidungsverfahren mühsam, ja blutig erarbeitet werden musste.
Diese Beherrschbarkeit der Masse, ihre auf Legitimität angewiesene Organisierbarkeit machte auf der Umkehrseite die Beherrschbarkeit jedes einzelnen erforderlich, was letztlich heißt: die Macht über den Körper, worin die Gewalt gegen den Körper eingeschlossen ist. Das konnte aber nur gelingen, wenn der „Machthaber“ selbst keine Macht mehr hatte. Und dies stand im 19. Jahrhundert im Gegensatz zu immer noch verbreiteten, trivialen Reststrukturen einer Herrschaftsideologie des Absolutismus, in welchhem der Körper des Monarchen der Souverän war.
In der Folgezeit konnte sich die moderne Idee der Identitätskonstruktion in Verbindung mit dem Staatsgedanken entwickeln: Der Souverän – das Volk als Identität, also Herrschaft ohne Körper ist die Massen-Versammlung aller Einzelkörper, die genau dokumentierbar gemacht werden mussten, um sie sanktionierbar und verfügbar zu machen. Diese Verfügbarkeit und Sanktionierbarkeit jedes einzelnen Körpers hat seit dem eine Problementwicklung angestoßen, die in den Maßnahmen zur Herstellung einer Inneren Sicherheit sehr schnell beobachtbar wurde und die bis heute in schwindelerregende Maßnahmen gesteigert wird. ( Nacktscanner – Die Intimität der Inneren Sicherheit)
Interessant nun, darüber nachzudenken, auf welche Aporien sich ein System einlässt, wenn die körperlose Herrschaftsgewalt ihre Legitimität gegen die Legitimität einer körperhaften, also durch Massenversammlung organisierbaren Gegengewalt durchzusetzen versucht. Dämonisch ist dieser Konflikt dsnn nicht mehr, sondern legitim, um so mehr, da jede der beteiligten Parteien legitim ist und deren Legitimität sich gerade dadurch steigert, dass sich sich gegenseitig unter Berücksichtigung legitimer Verfahrensweisen ihre Legitimität absprechen ohne sich selbst dadurch einschränken zu müsen.
Anlässlich eines dämonischen Schauspiels könnte man gewiss Furcht, aber auch Begeisterung zeigen, je nach Standpunkt der individuellen Involvierung. Was aber wird durch eine Dichotomie von Furcht und Begeisterung ausgeschlossen? Was wird zum blinden Fleck, wenn beides, sowohl Furcht vor der Gewalt als auch Begeisterung ob der Gewalt zum trivialen Normalereignis wird? Wenn Furcht und Begeisterung auf der selben Seite einer Unterscheidung von legitim und illegitim entstehen? Vielleicht: ein diabolisches Gelächter auf der anderen Seite? Ein Gelächter, das einen heruntergekommenen Dämon als ein gesunkenes Kulturgut, als Parodie seiner selbst anschaut?
Ist der Protest der Masse gegen den Staat und der Protest des Staates gegen die Masse immer noch ein seriöser Gegenstand einer humorlosen Urteilsbildung? Darf man denn wenigstens ein wenig Kopfschütteln empfehlen?
Du betrachtest „die Masse“ als homogenen Akteur – ich denke, was sich im Protest vollzieht, ist ein Massenbildungsprozess. Heißt: Aus vielen entsteht eine Masse. Vielleicht gar ein System. Autopoietisch?
„Aus vielen entsteht eine Masse. Vielleicht gar ein System. Autopoietisch?“ – Natürlich könnte man überlegen, dass es Massen sind, die Massen produzieren. Aber was wäre denn die Differenz, mit der sich ein solches System gegen seine Umwelt abschließt? Masse – Individuum?
„Du betrachtest „die Masse“ als homogenen Akteur“ – Nein. Ich würde eine Massen-Versammlung (ein Pleonasmus) eher in Anlehnung am und mit Abweichung vom Beuys-Begriff der „sozialen Plastik“ betrachten. …
Bereits im Jahr 1956 erschienen, hat das Buch Die einsame Masse des amerikanischen Soziologen David Riesman bis heute nur wenig an Anziehungskraft verloren. In Fachkreisen mit dem Prädikat „Erster internationaler Bestseller“ versehen, ist „Die einsame Masse“ auch an der deutschen Soziologie nicht spurlos vorübergeganen, was nicht zuletzt auch darin begründet ist, dass sich Riesman an der Methodik Max Webers orientiert.
Seine Analyse baut auf der Gegenüberstellung von Traditions- und Innen-Lenkung auf. Unter der Traditionslenkung versteht Riesman dabei eine Gesellschaftsordnung, die von einem hohen Maß an Stabilität gekennzeichnet ist, mit festgelegten Rollen und etablierten Gruppen, die wiederum durch die jeweilige Kultur zusammengehalten werden, wie sie z.B. durch bestimmte Riten, das Brauchtum und die Religion verkörpert wird. Damit sind die Lebensbahnen der Menschen sowie die Verfahren bzw. Routinen zur Lösung gesellschaftlicher Probleme zu einem hohen Grad vorgezeichnet …
http://denkstil.blogspot.de/2013/04/die-einsame-masse-von-david-riesman.html