Der Alltag – voller Geheimnisse, Rätsel und Wunder
von Kusanowsky
Wem ist noch nicht die eigene Kopf- und Nackengymnastik aufgefallen ob der unendlichen Zahl tagtäglich anfallender Merkwürdigkeiten, Raritäten, Probleme, Idiotien, die man sich, nach einer schläfrigen Zeitungslektüre am Morgen, nach dem Blick ins e-Mailpostfach und der eigenen Timeline mit viel Mühe wieder aus dem Kopf schütteln muss um den Anschluss an das Alltagsgeschäft nicht zu versäumen?
Wer hat nicht schon das Seufzen der Arbeitskollegen vernommen, die nach einem gerade beendeten Telefongespräch ganz sanft den Kopf auf die Brust sinken lassen und sich das Erlebte wie ein Zitterrochen vom Leib absprengen möchten. Die tägliche Dosis Stress. Stöhnen und Schluchzen allenthalben! Warum, so die bange, aber eigentlich auch sehr fromme Fragen, sind die Leute nur so dumm?
Das einzige, was als normal erscheint ist offensichtlich nur noch das Unnormale. Wer in Fragen differenztheoretischer Betrachtungsgeweisen einigermaßen gut trainiert ist, wird solche Überlegungen als allzu schlicht, ja als trivial bemerken, und die Anschlussfrage stellen wollen: Wie könnte es anders sein? Wer so kontert zeigt sich abgeklärt: an Normalität führt, Wahrscheinlichkeitserwägungen hin oder her, kein Weg vorbei. Gerade hochkomplexe Systeme scheinen aber auf den Normalfall des Normalfalls gar nicht gut vorbereitet zu sein. Jedenfalls ist das Belastungspotenzial, das etwa die Wirtschaft erzeugt, keineswegs mit Anpassungsschwierigkeiten zu erklären. Man versuche mal, um ein zweites Beispiel beizubringen, so gelassen wie möglich einer dieser abendlichen Polittalkshows zu folgen ohne nicht in Versuchung zu geraten, das Sofakissen mit den Zähnen zerfetzen zu wollen.
Tja, wer hätte das gedacht? Natürlich kann aus solchen vereinzelten Beobachtungen nicht die allgemeine Vermutung abgeleitet werden, dass die moderne Gesellschaft ihre Menschen überfordert. Wollte man dies auch in vielen Fällen zugestehen, so sollte jedoch genauso nüchtern bemerkt werden, dass im statistischen Mittel gesehen die Menschen trotzdem immer noch sehr gut mithalten können. Deshalb wäre die Frage interessant, ob es Systeme darauf anlegen müssen, die Probe zu wagen, indem Konsistenz von Sinn durch Belastungstests durchgesetzt wird.
„Wer in Fragen differenztheoretischer Betrachtungsweisen einigermaßen gut trainiert ist“ – Deine Betrachtungen wünsche ich mir in Büchern, auch wenn es Sammelsurien wären. Für die Zettelwirtschaft der Blogs sind sie eigentlich zu schade. Oder Du publizierst nach Art des One Man Magazines der „Fackel“, vielleicht halbjährlich. Hegels und Schellings Kritisches Journal der Philosophie könnte Dir vom Reflexionsniveau her als Muster bzw. Vorläuferin dienen. Die beiden waren zwar zwei, aber das bist Du auf andere Weise mindestens auch. Das täglich den Surfern Impulse gebende Mikroblogging könntest und musst Du beibehalten. Klingt jetzt alles ein bisschen maßregelnd, aber es sind nichts als Herzenswünsche.
kommt ja alles noch. Mit dem Schreiben eines Buches hab ich ein Problem: es muss immer mit etwas anfangen. Aber womit?
Mit dem Anfang kannst Du ja bis zum Schluss warten. Irgendetwas Mittleres wird sich dann schon eignen, mitsamt dem Rest nach vorne verschoben zu werden. Das wäre eine Art „Finnegans Wake“-Lösung, wobei Joyce trotzdem konservativ dachte und unbedingt Adam und Eva in der ersten Zeile platzieren wollte. Das wirst Du nicht nötig haben.