Technik ist soziale Erlösungsmaschine

von Kusanowsky

Bei Gelegenheit werde ich ausführlicher darüber nachdenken, ob der Fahrkartenautomat ist eine soziale Erlösungsmaschine ist.

In der sogenannten Technik-Soziologie wird die Frage nach der Technik immer wieder aufgeworfen; und wenn die Antwort auf die Frage „Was ist Technik?“ zum hundersten Mal mit dem Hinweis, dass sie nicht vollends befriedigt, zurück gewiesen wurde, wird nach einiger Zeit die Frage entweder noch einmal gestellt oder man setzt einfach voraus, dass man das irgendwie schon wisse und kümmert sich ansonsten um anderes; meist geht es bei der Themenwahl um Fragen wie „Umgang mit Technik“, wann, wie und wodurch sie in das Leben der Menschen eintritt und was sich durch sie verändert.

Interessanterweise scheinen ganz andere, abweichende Fragen gar nicht statthaft zu sein, weil man meint, dafür seien andere Fachexperten zuständig, etwa die Frage: Wie funktioniert Technik?
So gestellt erscheint die Frage soziologisch völlig irrelevant, weil man meint, Fachingenieure könnten sie erschöpfend beantworten, ginge es doch – so die nicht weiter durchdachte Vermutung – „nur“ um Technik, damit um irgendeinen objektiven Gegenstand, der keine sozial-subjektive Relevanz habe; Technik sei also nichts Soziales.

Es gibt keinen Grund, solche Argumente mit Geringschätzung zurückzuweisen; es reichte völlig, den Soziologen, die so argumentieren, bei ihrer Argumentation zuzuschauen, um der Frage, wie Technik funktioniert, nachgehen zu können.

Ich nehme im Gegenteil an, dass Technik wie alles andere auch, nichts anderes ist als ein Phänomen sozial strukturierter Realität, deren definitorische Abgrenzungsmöglichkeit deshalb in Frage kommt, weil sie eine spezifische Funktion für soziale Systeme hat, besser: weil sie von sozialen Systemen als Funktionsmechanismen in Anspruch genommen wird ohne, dass Technik selbst für soziale Systeme erreichbar wäre. Technik wäre demnach eine in die Umwelt externalisierte und dort in Gang gesetzte Projektion sozialer Realität. Die Externalisierungsfunktion besteht darin, die internen Selbstreferenzverweisungen unterbrechen zu können, damit systemeigene Differenzierungsstrategien durch Zurechnung auf Umweltherkunft in ihrer Komplexität geordnet und für weitere Funktionssysteme verfügbar gemacht werden können. So entstehen Fachkompetenzen für Technik: Ingenieure, Mathematiker, Bürokraten, Soziologen, Pädagogen und so weiter, von denen jeder eigene Differenzen bearbeitet, welche für einander unzugänglich sind.

Auf diese Weise ist Technik höchst geeignet, diese sie ermöglichenden sozialen Differenzierungsprozesse zu verstärken mit der Ergebnis einer Desintegrationswirkung, die gleichzeitig aber, und das wäre gleichsam ihr Zauberwerk, durch den Ablauf von Abweichungsverstärkungen Kohärenzkräfte entfaltet, die für die einzelnen Funktionssysteme zwar intransparent wirken, aber trotzdem ein Realitätskontinuum projektiv erzeugen. Einfacher ausgedrückt: mit Technik kommen Sachzwänge zustande, deren Herkunft sofort von den Funktionssystemen archäisiert werden, soll heißen: es wird sofort vergessen, was Technik möglich machte und im gleichen Augenblick erinnert, dass etwas geschehen muss.
Das System erlernt und verlernt seine Möglichkeiten; es erzeugt schließlich über sich die Illusion, von etwas anderem als sich selbst, nämlich Technik, die natürlich keine Selbstantriebsfähigkeit hat. Soziale Systeme nutzen Technik zur Selbstillusionierung. Auf dieser Projektionsfläche ist, da sie selbst keine Einheitlichkeit aufweist, in der Folge auch genügend Platz für alles, was das Technik erzeugende System an Nebenprodukten erzeugt, insbesondere Angst- und Hoffungsszenarien, die durch soziale Differenzierungspozesse deshalb verstärkt werden, weil das ständige Dazwischenkommen der Technik eine Interdependenzunterbrechung bewirken kann: alle Selektionsoperationen, die Differenzen von Technik durcharbeiten, sind auf das Funktionieren von Technik angewiesen. Alles, was schließlich über Technik verstanden werden kann, kann niemals ohne Technik verstanden werden.

Damit ist der Behauptung widersprochen, die besagt: die Technik als Medium sei die Botschaft. Sie ist (nicht: sie hat!) vielmehr eine Verweisungsfunktion die, in dieser Hinsicht könnte man konservativen Kulturkrtikern recht geben, Entfremdung verstärkt, aber hinsichtlich ihrer Sinndimension sachlich, sozial und zeitlich in Entropie mündet.

Das meint: Technik ist eine soziale Erlösungsmaschine.

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