Differentia

Monat: März, 2010

Protest – Dämonie oder Parodie der Masse?

Protest ist großartig, Protest muss sein, der Protest geht immer weiter.

So etwas reizt zum Spott, zum Spott über den Protest, über den Protest gegen den Protest und über das Bekenntnis zum Protest usw. Ein Spottgedicht, welches hier in Reimen mitzuteilen allerdings zu lange dauert, müsste sich insbesondere darüber lustig machen, dass die demonstrativen Protestfeiern gegen die staatliche Obrigkeit nach einer 150 Jahre währenden Schleife wieder da angekommen sind, von wo sie in der Revolutionszeit vor und nach 1848 ihren Ausgangspunkt genommen hatten. Allerdings wäre dabei der Verschiebungsprozess der Legitimation von Staatsgewalt und Protestgewalt mitzubeachten.

Mit dem Prozess der Industrialisierung, durch den ab der Mitte des 19. Jahrhunderts die Aufstauung der Problementwicklung des Ancien Reimes nicht mehr garantiert werden konnte, wurden durch Verbreitungsmedien Massen organisierbar, ohne dass dafür zunächst Organisationsstrukturen vorhanden waren, also das, was wir „Nichtregierungsorganisationen“ nennen würden. Die Masse wurde so zum dämonischen Ereignis, zu einer Gewalt, deren Legitimation außerhalb der damals bekannten Unterscheidungsverfahren mühsam, ja blutig erarbeitet werden musste.
Diese Beherrschbarkeit der Masse, ihre auf Legitimität angewiesene Organisierbarkeit machte auf der Umkehrseite die Beherrschbarkeit jedes einzelnen erforderlich, was letztlich heißt: die Macht über den Körper, worin die Gewalt gegen den Körper eingeschlossen ist. Das konnte aber nur gelingen, wenn der „Machthaber“ selbst keine Macht mehr hatte. Und dies stand im 19. Jahrhundert im Gegensatz zu immer noch verbreiteten, trivialen Reststrukturen einer Herrschaftsideologie des Absolutismus, in welchhem der Körper des Monarchen der Souverän war.
In der Folgezeit konnte sich die moderne Idee der Identitätskonstruktion in Verbindung mit dem Staatsgedanken entwickeln: Der Souverän  – das Volk als Identität, also Herrschaft ohne Körper ist die Massen-Versammlung aller Einzelkörper, die genau dokumentierbar gemacht werden mussten, um sie sanktionierbar und verfügbar zu machen. Diese Verfügbarkeit und Sanktionierbarkeit jedes einzelnen Körpers hat seit dem eine Problementwicklung angestoßen, die in den Maßnahmen zur Herstellung einer Inneren Sicherheit sehr schnell beobachtbar wurde und die bis heute in schwindelerregende Maßnahmen gesteigert wird. ( Nacktscanner – Die Intimität der Inneren Sicherheit)

Interessant nun, darüber nachzudenken, auf welche Aporien sich ein System einlässt, wenn die körperlose Herrschaftsgewalt ihre Legitimität gegen die Legitimität einer körperhaften, also durch Massenversammlung organisierbaren Gegengewalt durchzusetzen versucht. Dämonisch ist dieser Konflikt dsnn nicht mehr, sondern legitim, um so mehr, da jede der beteiligten Parteien legitim ist und deren Legitimität sich gerade dadurch steigert, dass sich sich gegenseitig unter Berücksichtigung legitimer Verfahrensweisen ihre Legitimität absprechen ohne sich selbst dadurch einschränken zu müsen.

Anlässlich eines dämonischen Schauspiels könnte man gewiss Furcht, aber auch Begeisterung zeigen, je nach Standpunkt der individuellen Involvierung. Was aber wird durch eine Dichotomie von Furcht und Begeisterung ausgeschlossen? Was wird zum blinden Fleck, wenn beides, sowohl Furcht vor der Gewalt als auch Begeisterung ob der Gewalt zum trivialen Normalereignis wird? Wenn Furcht und Begeisterung auf der selben Seite einer Unterscheidung von legitim und illegitim entstehen? Vielleicht: ein diabolisches Gelächter auf der anderen Seite? Ein Gelächter, das einen heruntergekommenen Dämon als ein gesunkenes Kulturgut, als Parodie seiner selbst anschaut?

Ist der Protest der Masse gegen den Staat und der Protest des Staates gegen die Masse immer noch ein seriöser Gegenstand einer humorlosen Urteilsbildung? Darf man denn wenigstens ein wenig Kopfschütteln empfehlen?

Der Alltag – voller Geheimnisse, Rätsel und Wunder

Wem ist noch nicht die eigene Kopf- und Nackengymnastik aufgefallen ob der unendlichen Zahl tagtäglich anfallender Merkwürdigkeiten, Raritäten, Probleme, Idiotien, die man sich, nach einer schläfrigen Zeitungslektüre am Morgen, nach dem Blick ins e-Mailpostfach und der eigenen Timeline mit viel Mühe wieder aus dem Kopf schütteln muss um den Anschluss an das Alltagsgeschäft nicht zu versäumen?

Wer hat nicht schon das Seufzen der Arbeitskollegen vernommen, die nach einem gerade beendeten Telefongespräch ganz sanft den Kopf auf die Brust sinken lassen und sich das Erlebte wie ein Zitterrochen vom Leib absprengen möchten. Die tägliche Dosis Stress. Stöhnen und Schluchzen allenthalben! Warum, so die bange, aber eigentlich auch sehr fromme Fragen, sind die Leute nur so dumm?

Das einzige, was als normal erscheint ist offensichtlich nur noch das Unnormale. Wer in Fragen differenztheoretischer Betrachtungsgeweisen einigermaßen gut trainiert ist, wird solche Überlegungen als allzu schlicht, ja als trivial bemerken, und die Anschlussfrage stellen wollen: Wie könnte es anders sein? Wer so kontert zeigt sich abgeklärt: an Normalität führt, Wahrscheinlichkeitserwägungen hin oder her, kein Weg vorbei. Gerade hochkomplexe Systeme scheinen aber auf den Normalfall des Normalfalls gar nicht gut vorbereitet zu sein. Jedenfalls ist das Belastungspotenzial, das etwa die Wirtschaft erzeugt, keineswegs mit Anpassungsschwierigkeiten zu erklären. Man versuche mal, um ein zweites Beispiel beizubringen, so gelassen wie möglich einer dieser abendlichen Polittalkshows zu folgen ohne nicht in Versuchung zu geraten, das Sofakissen mit den Zähnen zerfetzen zu wollen.

Tja, wer hätte das gedacht? Natürlich kann aus solchen vereinzelten Beobachtungen nicht die allgemeine Vermutung abgeleitet werden, dass die moderne Gesellschaft ihre Menschen überfordert. Wollte man dies auch in vielen Fällen zugestehen, so sollte jedoch genauso nüchtern bemerkt werden, dass im statistischen Mittel gesehen die Menschen trotzdem immer noch sehr gut mithalten können. Deshalb wäre die Frage interessant, ob es Systeme darauf anlegen müssen, die Probe zu wagen, indem Konsistenz von Sinn durch Belastungstests durchgesetzt wird.

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