Soziologische Forschung und Alltagsbeobachtung

von Kusanowsky

Die konventionelle empirische Soziologie ist eine Forschung, die ihren objektiven Gegenstand in der Analyse seiner subjektiven Realität findet. Sie hat gelernt, sich in ihrem Verhältnis zu einer objektiven Realität zu subjektivieren und ihre Forschungsergebnisse als Objektivierungen in ihrem Verhältnis zur Subjektivität der Forscher und Erforschten zu betrachten. Was sie nicht gelernt hat, oder ihr als Lernerfahrung aus den Rückkoppelungseffekten der Forschung nur schwer akzeptabel erscheint, ist, dass sie durch ihre empirischen Datenerhebungs- und Auswertungsverfahren die Differenzen erzeugt, die sie meint an ihrem Gegenstand abzufragen. Damit nicht genug: durch Verbreitung ihrer Forschungsergebnisse diffundieren ihre Differenzen in ihren Gegenstand hinein, besser: sie verschieben sich in ihren Gegenstand hinein und machen sich dort für die Soziologie als soziale Realität bemerkbar, ohne dass sie die Wege der Verbreitung und Verschiebung nachzeichnen könnte.

Die Alchemie des Sozialen wird auch durch die Soziolgie befeuert. Dies gilt gewiss im Langzeitverlauf für makrostrukturelle Prozesse, aber aber auch für kurzeitige Beobachtungsverhältnisse im Augenblick der Fragebogenausfüllung. Erfahrene Soziologen wissen davon. Sie wissen, dass sie stets dem Problem ausgesetzt sind, den Befragten durch ihre Frage die Antwort in den Mund zu legen, von welcher sie sich eigentlich überraschen lassen wollen. Die Methoden der Soziologie haben also das Problem, eine Selbstmanipulation ihrer Methoden in der Weise zu strukturieren, dass eine Fremdmanipulation ausgeschlossen werden kann. Aber damit das auch nur annähernd gelingen kann darf die Soziologie nicht darauf verzichten, sich von ihrem Gegenstand beeindrucken zu lassen. Wie anders könnten sie Hypothesen gewinnen, wenn sie sich nur mit sich selbst beschäftigte?

Das alles sind sehr wichtige Überlegungen, die im Soziologie-Seminaren besprochen werden müssten. Wir verkürzen diese Betrachtungen erheblich und fassen zusammen, dass die konventionelle empirische Soziolgie die ihr aus diesen Verhältnis von Selbst- und Fremdreferenz erwachsenden Irritationen nur lösen kann, indem sie die Bereitschaft zur Elastizität ihrer epistemologischen Problemsituation zeigt; das heißt, das alles so genau und so wichtig nicht zu nehmen, damit sie mit ihrer eigentlichen Forschungsarbeit weiter machen kann: Themen wählen, Fragebögen gestalten, verteilen, auswerten, publizieren und die anschließenden methodologischen Implikationen sehr angestrengt, aber mit Bereitschaft zur Elastizität, entlang einer Subjekt-Objekt-Differenz ein ums andere Mal zu wiederholen. Was auch immer man sonst von dieser Art der Forschung halten will, sie kommt auf diese Weise jedenfalls niemals zu sich selbst ohne zu bemerken, dass sie es immer nur mit sich zu tun hat. Das gilt aber nicht nur für Soziologen. Auch jeder Alltagsbeobachter, der, wenn er auch nicht wissenschaftlich forscht, sich die Welt verständlich macht, betreibt ein vergleichbares Geschäft. Wir könnten vielleicht die ganze Welt verstehen lernen, aber niemals uns selbst, weil uns das, was wir von uns verstehen, als das vorkommt, was die Welt als solche zu sein scheint.

Das aber ist so schlimm nicht. Versteht man dies recht, wäre alles Entscheidende gewonnen, man müsste nur rechzeitig bemerken können, wann es angebracht erscheint, Selbstreferenz- und Fremdreferenz zu vertauschen; das heißt, den Mutwillen aufzubringen sich gegen die eigene Einsicht auf anderes als das zu beziehen, was man meint, mit der Bezugnahme verstanden zu haben; gemeint ist damit der Versuch, sich über sich selbst zu täuschen. Aber leider geht das nicht. Aber auch nicht – wem könnte das nicht gefallen – das Gegenteil.

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