Archäisierungsprozesse

von Kusanowsky

Man kann jederzeit die Annahme akzeptieren, dass soziale Systeme nicht an Orte gebunden sind; sie haben damit keine Ausdehnung, die man in Raumbegriffen einer Physik fassen könnte. Dennoch strukturieren sie gleichwohl Räume  – wie anders kämen Physiker oder Geographen zu Raumkonzepten – und machen durch Einschreibung sozialer Differenzen in ihre Umwelt Räume als soziales Phänomen erfahrbar. Auf diese Weise geben sie Anlass zu der Vermutung, soziale Realität könnte räumlich, also durch Umweltunterschiede, beschränkt sein.
Solche Vertauschungsverfahren sind ganz gewöhnliche Vorgänge der sozialen Praxis. Wollte man etwa Flurnamen etymologisch herleiten, wird man immer wieder feststellen, dass Ortsbezeichnungen in Personenbezeichnungen umgeschrieben, welche ihrerseits im Laufe semantischer Verschleifungsprozesse in Ortsbezeichnungen zurück geschrieben wurden, so dass insbesondere dort, wo es sich um Gleichzeitigkeitsprozesse solcher Verschiebungen handelt, Kausalitäten nicht mehr zurückverfolgbar sind, weil man nicht sagen kann, ob Personenadressen oder Ortsadressen ihre Stellen verschoben haben.
Auch wurden Orte oft zum Zweck der Memorierung nach Ereignissen oder Landschaftsmerkmalen bezeichnet, die vielleicht gar nicht dem Zweck der räumlichen Orientierung, sondern der Durchstrukturierung des Raumes zu sakralen Zweck dienten. Man wird solche religiös motivierten Durchmusterungen häufig in der Verbreitung des europäischen Christentums finden. Nicht selten wurden bestimmte Stätten nach dem Ereignis eines Martyriums benannt und mit dem Ablauf von Gedächtnisbildungsprozessen der Name späterer lokaler Personen mit diesem Ort identifiziert, womit zugleich Anlaß zu einer Wiederentdeckung einer Märtyrerstätte geliefert wurde, bei der dann diese Vermischungsprozesse nachträglich nicht mehr differenziert werden konnten.

Daraus ergibt sich das Rätselraten von Archäologen, wie etwa die Frage, ob der Petersdom tatsächlich über dem Petrusgrab gebaut wurde, da man Einschreibungen findet, die darauf schließen lassen. Dass solche Einschreibungen aber selbst schon Ergebnis von voran gegangen Renaissancen sind, die durch Vertauschungen re-dokumentiert wurden, ist archäolgisch nicht nachweisbar, weil der Prozess der Archäisierung nirgendwo prä-dokumentiert ist. Soziale Prozesse protokollieren sich nicht, oder besser: alles, was man als Protokolle sozialer Prozesse nehmen kann, entsteht durch kontinuierliche Weiterprotokollierung von Protokollierung, was letztlich heißt, dass soziale Prozesse gar nicht nachweisbar sind.

Doch auch dann, wenn man solche Überlegungen akzeptieren möchte, kommt man nicht daran vorbei, sich Gedanken über eine Chorologie von Systemen zu machen, weil ja solche Vertauschungsprozesse nicht vermieden werden können und deshalb erklärungsbedürftig sind. In diesem Zusammenhang sei auf den wichtigen Umstand hingewiesen, dass man es, wo Systeme eine sozialtheoretische Relevanz erhalten, es niemals eigentlich mit solchen zu tun hat, sondern mit einer Differenz zu ihrer Umwelt, die sie in sich sich selbst wiederholen. Wir haben es deshalb nicht mit einer Theorie sozialer Systeme zu tun, sondern mit einer Differenz von System und Umwelt oder besser: eine Differenz von System und Umweltsystem als Systemumwelt der Umwelt.

In diesem Zusammenhang wollen wir auf unseren Fahrkartenautomaten zurück kommen, könnte man ihn doch als paradigmatisches Emblem für die oben angesprochenen Archäisierungsprozesse nehmen. Wollten wir uns eine Hochgeschwindigkeitsarchäologie denken, die schon kurz nachdem etwas in Vergessenheit geraten ist sich genau daran erinnert, dass etwas dem Gedächtnis übergeben wurde, dann wird sie kaum bemerken können, dass sie im selben Augenblick keineswegs das wieder findet, was sie meint, das verloren gegangen sei.
Ist alle soziale Erkenntnisbildung damit nichts anderes als Spontanarchäisierung ihrer Gegenwart?

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