Differentia

Organisation in Funktionssystemen

Der Theoriekomplex, der aus den Komponenten Autopoiesis, strukturelle Kopplung und Irritation besteht, verdeutlicht, dass Organisationen nur in funktional differenzierten Gesellschaften möglich sind, die aber mit ihrer Eigendynamik selbst auf die gesellschaftliche Differenzierung wirken, nämlich einerseits als Differenz zwischen Funktionssystem und Organisation, andererseits als Hilfe zur Differenzierung der Funktionssysteme gegeneinander und gegenüber ihren jeweiligen Umwelten. Die moderne Gesellschaft unterscheidet sich von allen älteren Gesellschaftsformationen in ihrer Abhängigkeit von Organisation und gleichzeitig dadurch, dass sie weniger als ihre Vorgänger in ihrer Einheit oder in ihren Teilsystemen als Organisation begriffen werden kann.

Interdependenzunterbrechung durch Organisation

Die Antwort auf diese Frage liegt in der Organisation des Systems, denn Organisationen dienen der Interdependenzunterbrechung in Funktionssystemen ohne diese gleichsam zu blockieren. Es sind Organisationen, beziehungsweise ihre Formbildungen, die festgelegen, wie sie sich innerhalb ihres Systemkontextes voneinander unterscheiden sollen. Um die jeweiligen Programme in aktuelle Forschung umzusetzen ist dann Organisation notwendig, die sich auch in der Art einer universitären Organisation niederschlagen kann. Nur dadurch, dass an der Wissenschaft unterschiedliche Organisationsformen beteiligt sind und somit die Beobachtung von Beobachtern ermöglicht wird, ist Wissensproduktion möglich. Für das Wirtschaftssystem werden beispielsweise Reflexionstheorien angefertigt, die die Vorstellung eines vollständigen Konkurrenzgleichgewichts mathematisch formulieren. Tatsächlich ist es aber so, dass sich im Wirtschaftssystem Organisationen entwickelt haben, die insofern der Interdependenzunterbrechung dienen, als dass sie verhindern, dass in Abhängigkeit von der Veränderung eines Preises sich auch alle anderen Preise verändern. Entsprechend kann es ökonomische Rationalität nicht auf der Ebene des gesamten Systems geben, sondern nur hinsichtlich der Bilanzen einzelner Unternehmen. Da es also keine gemeinsame Rationalität gibt, die auf wechselseitigen Abhängigkeiten basiert, ist diese Annahme in der Wirtschaft zu ersetzen durch ein laufendes Beobachten von Beobachtern, also durch die Beobachtung der Preise von Organisationen.

Das Verhältnis von Funktionssystem und Organisationen wird entsprechend als ein Netzwerk konzipiert. Funktionssysteme beobachten laufend die Eigendynamik der Organisationen auf der Ebene der Beobachtung zweiter Ordnung. Entsprechende Beobachtungsformen sind etwa der Markt, die öffentliche Meinung, Rechtstexte oder wissenschaftliche Publikationen. Im Wirtschaftssystem kann man erkennen, dass die das System bestimmenden Entscheidungen von den Unternehmen getroffen werden und dass Börsen oder Zentralbanken zwar Daten zur Übersichtsgewinnung statistisch auswerten, dies aber innerhalb ihren eigenen Rekursivitäten, und sie daher nur als Organisationen das Geschehen beeinflussen können. Es gibt so gesehen keine übergeordnete Organisation, der es möglich wäre, das System im System beziehungsweise die Theorie in der Theorie zu repräsentieren. Jede Organisation ist lediglich für sich selbst verantwortlich. Im Netzwerk stellen sich Rückkopplungseffekte ein, die man nicht in der Form von Gleichgewichtsmodellen begreifen kann. Im Netzwerk werden Effekte aggregiert, die von außen auf die Organisationen einwirken und sie gegebenenfalls irritieren. Solche Erschütterungen können sich dann auch auf andere Funktionssysteme auswirken und Krisen erzeugen, aber ohne, dass dadurch der Schaden zugroß werden muss. Für das Wissenschaftssystem wären korrelierende Prozesse denkbar, die den Zusammenhang zwischen Interdependenzunterbrechungen, Krisen und Restabilsierung von Teilsystemen herstellen.

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